Unsere planlose Verschiffung über das Kaspische Meer (Fähre Alat (Baku)-Aqtau)

Unser erster Versuch, ein Ticket nach Aqtau, Kasachstan zu kaufen, schlägt fehl. In Baku selber kann man kein Ticket für die Verschiffung eines Fahrzeugs kaufen. Als wir uns im Hafen erkundigen wollen, werden wir weggeschickt. Wir müssen ins 70 km entfernte Alat. Einen Fahrplan gibt es nicht, denn die Fähren fahren, wann es gerade passt. Das hängt nicht nur vom Wetter, sondern auch von der Auslastung der Fähren ab. Wir hoffen, dass noch keine Fähre gegangen ist und wir in den nächsten zwei Tagen wegkommen. Wir haben nämlich das Problem, dass unsere Aserbaidschan-Visa in zwei Tagen ablaufen.

Noch vor dem Hafen gehen wir im Supermarkt in Alat einkaufen und tanken voll, weil wir noch nicht wissen, wie teuer der Diesel in Kasachstan ist. Mit 30 Cent/Liter liegen wir ziemlich gut, also lohnt sich das Volltanken auf jeden Fall. Wir folgen den ersten Schildern, auf denen „Port“ steht und fahren auf das Hafengelände (Koordinaten: 39.97852, 49.442404). An der Schranke werden wir registriert: Pässe und Kennzeichen werden notiert, dann dürfen wir einfahren. Ich frage noch, wann die nächste Fähre nach Aqtau ginge, weil wir gelesen haben, dass die Fähren nur alle 3-5 Tage, wenn überhaupt, fahren. Gestern sei bereits eine gegangen, bekommen wir zur Antwort. Oh wie blöd.

Wir parken den Benz auf dem großzügigen Parkplatz und suchen den Container der Schifffahrtsgesellschaft.

8. April 2018, 12:23 Uhr: Wir haben den Container gefunden: er befindet sich an den Schranken zur Passkontrolle, links neben der Polizeistation. Drinnen sitzt ein Mann namens Oktay und wir fragen nach Tickets. Wann denn die Fähre ginge? Morgen! Was? Das ist ja toll. Aber weil wir wissen, dass sich das jederzeit ändern kann, fragen wir, wie sicher diese Aussage sei. Zu 90% würde die Fähre morgen ablegen. Klasse, auf die wollen wir drauf. Wie lange die Überfahrt dauere? So um die 30 Stunden (das kann unter Umständen auch schon mal Tage dauern, wenn das Wetter nicht mitspielt oder kein Anlegeplatz verfügbar ist!). Wie wir bezahlen können? Egal, cash oder online. Da wir das Formular schon im Internet ausgefüllt haben, entscheiden wir uns für den Online-Weg, denn Oktay scheint nicht viel Lust zu haben, das selber zu machen. Wir lassen uns zeigen, dass wir ein Ticket für den Benz ausfüllen müssen, Fahrzeughalter/Fahrer ist inklusive, (das kostet 552 $) und dann noch ein Passagierticket für mich: Zimmer mit zwei Betten kostet 80$. Sofort stiefeln wir los und bereiten alles vor.

Hafen Alat, Aserbaidschan
Hafen Alat: im blauen Container links neben der Polizei gibt es die Tickets, im weißen Container vorne links befindet sich die Migrationsbehörde, ganz rechts unter dem Dach die Passkontrolle, dahinter links der Zoll

12:37 Uhr: Wir stehen wieder am Container, aber Oktay ist weg. Wir erfahren, dass er Çay trinken ist. Während des Wartens treffen wir auf ein Schottisches Pärchen, Caroline und John, die mit ihren Rädern ebenfalls nach Aqtau und über Usbekistan zum Pamirpass wollen. Wir staunen: mit den Fahrrädern, Respekt! 10 min später ist Oktay wieder da. Wir geben die Belege über die Onlinebuchung ab. Er macht weiter nichts als uns zu sagen, dass wir dann noch zur Migrationsbehörde und zum Zoll müssten. Wann? Wie wir wollen. Beim Zoll würden wir die Tickets bekommen. Das kommt uns komisch vor und wir fragen noch mal nach: Tickets beim Zoll? Wir müssten nicht noch mal zu ihm? Nein! Merkwürdig. Was hat der Zoll mit den Tickets zu tun? Da die Fähre definitiv erst morgen gehen soll, wollen wir Migrationbehörde und Zoll erst am nächsten Tag aufsuchen. Bevor wir entlassen sind, kommt aber noch der Parkplatzwächter: er will Geld fürs Parken auf dem Hafengelände, 12 Manat für eine Nacht. „Das ist aber teuer!“ sagen wir. In Baku haben wir für den zentralen Parkplatz nur 2 Manat pro Tag mit Nacht bezahlt. Der Wächter lächelt und bleibt bei 12 Manat. Wir bekommen eine Quittung und sind entlassen.

Wir stehen dann trotzdem noch kurz in der Migrationbehörde, Container links vom Ticketverkauf, weil wir fragen wollen, ob wir notfalls die Visa verlängern können, falls die Fähre doch nicht fahren sollte. Der Mann nickt und sagt, das ginge schon, aber wir hätten ja bis 10. April noch Zeit. Er sieht sogar in seinem System, dass wir registriert sind, und so ist alles gut. Wir fragen, was passiert, wenn man die Registrierung nicht hat. Das würde dann 300-400 Manat Strafe kosten. Teuer! Das wären ja 150-200€ Strafe. Die 10€ für uns beide für die Registrierung waren da gut angelegt. Ich frage den Mann noch, warum man sich registrieren lassen muss. Das stünde im Gesetz. Ich erkläre, dass das ja unsinnig sei, weil wenn ich vom registrierten Platz wegginge, ich ja wieder nicht auffindbar sei und die Registrierung eigentlich überflüssig. Er erklärt, dass, wenn ich den Ort der Registrierung verlasse, ich mich innerhalb der nächsten 10 Tage an dem nächsten Ort registrieren lassen müsste. Interessant, denke ich. Dann hätten wir ja auch mindestens 2 Registrierungen vorlegen müssen. Aber so sage ich nichts und bin froh, dass unsere Registrierung ausreicht. Wir müssen im selben Container, in dem die Migrationsbehörde sitzt, noch die Port Handling zahlen: 18$ bzw. 31 Manat.

9. April, 10 Uhr: Wir stehen vor dem Ticketschalter und wollen noch mal nach den Tickets fragen. Oktay ist nicht da, sondern ein sehr junger Kollege, der nicht Bescheid weiß. Wir fragen nach der heutigen Fähre. Heute sei schon voll, er gebe uns eine Nummer und die sollten wir anrufen, um zu fragen, wann die nächste Fähre geht. „Aber wir haben doch gestern schon bezahlt? Unser Auto steht schon da und Oktay hatte gestern alles von uns bekommen.“ erklären wir. Nach etwas hin und her wird klar, dass Oktay bereits alles vorbreitet hatte, aber seinem Kollegen nicht Bescheid gesagt hat. Wir gehen zum Zoll (Gebäude links hinter der Passkontrolle/Schranken) und reisen schon mal das Fahrzeug aus. Der kleine Zettel von der Einreise mit dem Strichcode und Fahrzeugpapiere, dann ist alles klar. Wir können gehen. „Wie, schon fertig?“ fragen wir erstaunt. Ja ja, „finish“. Der Zoll hat natürlich keine Ahnung von irgendwelchen Tickets.

Zurück im Container des Ticktetverkäufers: Wir bekommen die Tickets (Bill of Lading B/L) und müssen bis 16 Uhr warten, er würde uns holen.

Später gegen 16 Uhr: Tatsächlich fahren die ersten LKW Richtung Fähre. Als wir meinen, dass alle LKW durch sind, setzen wir uns einfach in Bewegung und werden vor der Schranke weitergewunken. Die Passkontrolle ist schnell erledigt. Einmal in die Kamera gucken, dann ist der Ausreisestempel drin, fertig. Der Beamte spricht sogar drei Wörter Deutsch. Das Fahrzeug wird kurz inspiziert. Alle Klappen auf, dann Tür zum Aufbau. Der Soldat geht nicht mit seinen Stiefeln rein, sondern guckt nur, lässt sich alles eklären, macht einem Schrank im Eingangsbereich auf. Fertig. Wir fahren vor zur Fähre und schon in den Bauch des Schiffes. Zunächst stehen wir super mitten zwischen den LKW, aber dann fällt den Mitarbeitern auf, dass das doof ist, weil noch zwei LKW mit Auflieger in den Bauch passen müssen. Also noch mal umparken und ganz nach rechts an die Wand.

20:33 Uhr: Wir wollen auf unser Zimmer und suchen ein bisschen herum; es gibt keine Rezeption oder so. Zufällig finden wir in der Küche die richtige Frau, die uns zum Zimmer begleitet. Nr. 9. Wir finden ein schreckliches Zimmer vor: dreckig, aus der Dusche kommt nur ein dünner Strahl, beim Händewaschen am Waschbecken läuft das Wasser direkt um die Füße. Die Dame will uns das Bad zeigen, aber das Licht funktioniert nicht. Sie zuckt mit den Schultern. Ihre Gestik soll heißen: ‚Na ja, Pech gehabt.‘ Die Matratzen der zwei Einzelbetten sind zu dreckig und wir entscheiden, später noch schnell die Schlafsäcke aus dem Benz zu holen, denn die Decke auf Alex‘ Bett ist unzumutbar. Wir bekommen frische Bettwäsche zum Beziehen, aber da drängt die Frau mit strengem Gesichtsausdruck schon zum Essen. Und so gehen wir erst mal in den kleinen Essensraum mit der Ausgabe. Es gibt Hühnchenbein mit etwas zerkochtem Gemüse, dazu eine Suppe. Gar nicht schlecht. Und eine Flasche Wasser. Wir sitzen am Tisch mit Caroline und John und erfahren, dass wir richtig Glück hatten mit unserem Zimmer: die beiden hätten nur eine Innenkabine ohne Bad und müssten zum Duschen und für den Toilettengang in die Gemeinschaftsräume. Mich schüttelt’s. Später erfahren wir, dass das nichts mit Glück zu tun hat, sondern damit, dass wir als Deutsche wohl bevorzugt behandelt werden. Alle, die von der britischen Insel kommen, bekommen anscheinend (derzeit) grundsätzlich nur die Innenkabine ohne Badezimmer. Schrecklich.

Danach schlüpfen wir schnell in den Benz, Schlafsäcke holen. Außerdem duschen wir noch, um uns das Getröpfel im Zimmer zu ersparen. Wir beziehen die Betten und sind auch schon müde.

23:47 Uhr: Die Wände der Zimmer sind sehr dünn; haben teilweise Löcher. Vom Bad aus kann ich, wenn ich das will, ins andere Zimmer schauen. Nebenan telefoniert ein Mann und irgendein Film läuft. Die Fähre hat immer noch nicht abgelegt. Mitten in der Nacht geht plötzlich mehrmals unsere Toilettenspülung von allein, das ist ziemlich laut, wie im Flugzeug. Da steht man im Bett. Alex guckt nach, aber das Licht funktioniert ja nicht. Irgendwann in der Nacht legt die Fähre ab.

10. April, 7:30 Uhr: Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis. Eine Lautsprecherdurchsage ertönt hart und knackend auf Russisch, die wir nicht verstehen.

8:00 Uhr: Es klopft laut an der Tür. Die Frau von gestern will rein ins Bad. Zusammen mit einem Mann steht sie in unserem Zimmer, knipsen den Lichtschalter, aber der funktioniert ja immer noch nicht. Das Klo wird inspiziert. Ob wir das waren? Nein, wir haben die Spülung nicht angerührt; wir waren ja nicht mal auf der Toilette. Der Mann zuckt mit den Schultern und sie gehen wieder.

8:10 Uhr: Die Frau steht jetzt mit einem anderen Mann vor der Tür und will wieder ins Bad. Unschlüssig guckt er sich das Dilemma an, aber es passiert nichts.

8:30 Uhr: Wir stehen auf und wollen mal nach Frühstück schauen. Aber die Küche hat schon geschlossen. Wir haben keine Ahnung, wann Essenszeiten sind. Den Plan links neben der Tür zum Essensaal haben wir gar nicht gesehen. Nach kurzer Beratung knurren unsere Mägen so laut, dass wir beschließen, uns heimlich in den Benz zu schleichen und werden dabei erwischt. Es sind zwar alle Türen zum Bauch der Fähre auf, aber ein junger Mann fragt, was wir hier wollen. Alex schließt gerade die Kabine auf, während ich dem jungen Mann zu verstehen gebe, dass die Küche schon geschlossen sei, wir aber mächtig Hunger hätten und uns etwas aus dem Auto holen wollen. Das will er nicht. Wir sollen ihm folgen.

8:43 Uhr: Wir stehen in der Küche. Die Köchin zetert herum. Ein Crewmitglied, das Englisch spricht, übersetzt. Wir sollen warten. „Very angry Lady.“ sagt er lächelnd. Wir fühlen uns unschuldig. Wir bekommen unser Frühstück: trockenes Brot von gestern, zwei Eier, Honig, Erdbeermarmelade, Butter und Weißkäse. Dazu Çay. Als wir fertig sind, bedanken wir uns bei allen Beteiligten, vor allem bei der „angry Lady“. Ich frage vorsorglich nach den Mahlzeiten und schreibe mir die Zeiten extra auf, nochmal wird bestimmt keine Ausnahme für uns gemacht:

  • Frühstück: 7:30-8:30
  • Mittag: 11:30-12:30
  • Abend: 19:30 -20:30

Ich zeige dem Mann noch die Zeiten, ob das so richtig ist. Er nickt. Wir haben das offizielle Frühstück also nur knapp verpasst.

Dafür, dass man auf der Fähre so gar nichts machen kann, sind das strenge Zeiten. Wir verschwinden im Zimmer. Irgendwie sind wir schon wieder müde. Die Fähre schaukelt uns in den Schlaf und wir nutzen die Zeit zum Lesen und Entspannen. In der Zwischenzeit, während des Frühstücks, wurde offensichtlich die Toilette repariert, denn es rauscht nicht mehr. Ich muss mal und kippe mit der Schüssel fast um, weil sie nicht verschraubt ist. Um 11:30 Uhr machen wir uns wieder fertig zum Mittagessen. Es gibt Hühnchenbein mit Nudeln. Wir bekommen den Eindruck, als sei Hühnchenbein gerade im Angebot gewesen und das wird nun mit verschiedenen Sättigungsbeilagen serviert. Dazu Suppe mit Gerste und Sprite. Und ich hatte so auf Cola gehofft… Danach dürfen wir wieder schlafen gehen. Fühlen uns ein bisschen ins Säuglingsalter zurückversetzt: schlafen, essen, schlafen, essen, schlafen….

Wir gehen ein bisschen spazieren: auf der Fähre stehen sämtliche Türen offen. So können wir auch einen Blick in den Maschinenraum werfen. Wir sind die einzigen, die draußen herumlaufen. Die meisten hocken in ihren Zimmern (die Lkw-Fahrer haben allesamt Mehrbettzimmer); nur ein paar LKW-Fahrer sitzen vor dem einzigen Fernseher im Salon. Wind und Kälte machen den Spaziergang unangenehm und wir verschwinden schnell wieder in unserer Koje.

Zwischendurch am Nachmittag klopft es: zwei Männer im Freizeitdress stehen vor der Tür und wollen die Fahrzeugpapiere und unsere Pässe haben. Wir weigern uns. Wer sie überhaupt seien, fragen wir. Der eine stellt den anderen als Vize-Kapitän der Fähre vor, aber weil er nun mal nicht so aussieht (wir erwarten ja wenigstens ein paar Sternchen auf der Schulter) weigern wir uns, irgendwelche Dokumente herauszugeben. Könnte ja jeder kommen. Außerdem kann er sich nicht ausweisen. Allerdings hat er bereits ein paar andere Dokumente in der Hand. Alex versucht zu erklären, dass wir Touristen seien und den Zoll selber machen würden. Schließlich zucken die beiden mit den Schultern und gehen. Im Nachhinein betrachtet hätten wir ihnen die Dokumente wahrscheinlich geben sollen…

Um 19:30 Uhr klopft es heftig an der Tür. Wir sollen mitkommen. „Was ist los?“ Wir werden zum Essensraum geführt, niemand da außer uns. Wir haben schon wieder das Essen verpasst. Aber wieso? Laut Plan…. Da dämmert mir, dass wir wohl eine Zeitzone überschritten haben, mein Handy das aber noch nicht weiß. Wir sind also eine Stunde später, auf Kasachische Zeit. Oh man ist das kompliziert. Es gibt Fisch mit Kartoffelbrei und wieder Suppe, dazu eine Fanta – ich hätte schwören können, jetzt gibt’s Cola. Und so schlingen wir schnell unter den kritischen Augen der Köchin das Essen hinunter. Allein.

00:17 Uhr: Es wird aufregend, denn die Fähre fährt gerade in den Kasachischen Hafen in Aqtau ein. Was folgt, ist eine langwierige Prozedur der kasachischen Einreise…

Die Fähre Alat-Aqtau: Anlegen in Aqtau
Die Fähre legt mit Hilfe des kasachischen Schleppers in Aqtau an

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