Grenzerfahrung: Kasachstan (Aqtau)

10. April 2018, 23:30 Uhr kasachischer Zeit: Die Fähre legt an und es dauert, bis sie vertaut ist. Wir packen alles zusammen und stehen schon bereit, ins Auto zu hüpfen. Doch dann müssen wir uns alle im Salon, da wo der Fernseher steht, aufstellen: kasachische Soldaten kommen mit einem Schäferhund. Neben uns und dem schottischen Pärchen stehen exakt 28 LKW-Fahrer (ich habe nachgezählt) im Halbkreis in Reih und Glied. Wir müssen mit dem schottischen Pärchen den Salon verlassen und stehen im Flur direkt vor den Soldaten. Der Hund wird auf unser Gepäck gehetzt, aber sein Geschnüffel führt zu keinem einzigen „Wuff“, sondern eher zu einem Blick, als würde er fragen, wann er endlich wieder was zu beißen kriegt. Dann müssen wir trotzdem alles öffnen, ALLES. Die Schotten müssen sogar ihre Unterwäsche auspacken, wir unsere Schlafsäcke samt Kopfkissen, die wir in dunklen Plastiksäcken zwischengelagert haben.

 

Dann dürfen wir von Bord gehen und werden mit einem Kleinbus zur Passkontrolle gefahren. Das ist nicht so weit weg, dass wir es nicht auch hätten laufen können, aber wir wollen uns nicht beschweren.

11. April, 00:02 Uhr: Mit dem ersten Schub Lkw-Fahrer stehen wir an der Passkontrolle. Wir, die Touristen, werden bevorzugt behandelt, was einem Lkw-Fahrer nicht passt. Wir müssen einen Migrationszettel ausfüllen mit Angabe des nächsten Reiselandes. Derzeit brauchen Deutsche für Kasachstan kein Visum, was sehr angenehm ist. Nach 10 Minuten sind wir fertig mit allem, haben also, nach dem wir wieder in die Kamera geblinzelt haben, die Einreisestempel im Pass, und laufen zusammen mit den Schotten zurück zur Fähre. Der Fahrservice ist wohl nur einmalig inbegriffen. Während sich die beiden Schotten ihre Bikes schnappen, warten wir im Fahrerhaus sitzend, bis wir endlich rückwärts rausfahren können. Wir ärgern uns ein bisschen, zu früh auf die Fähre gefahren zu sein, denn wären wir als letzte raufgefahren, wären wir schon längst runter.

 

Erst um 2:10 Uhr verlassen wir mit den anderen LKWs die Fähre.

Um 2:28 stehen wir mit dem Benz beim Zoll, das Auto wird kontrolliert. Alle Klappen müssen aufgemacht werden; auch die Wohnkabine wird inspiziert. Ich soll im Fahrerhaus warten, während zwei Soldaten mit Alex in der Kabine alles durchgehen. Als ein Soldat das kaputte iPhone5 (zersprungenes Glas) entdeckt, ist er sehr interessiert und möchte es gerne haben. Dann stellt er sich extra so, dass Alex nicht sehen kann, was er macht. Auch die Geldscheine, die aus den anderen Ländern übriggeblieben sind und lose in der Schublade liegen, weil es sich um kein Vermögen handelt, werden genauestens begutachtet. Es interessiert sie, ob wir Manat dabei haben. Haben wir nicht. Der Soldat widmet sich deshalb wieder dem kaputten 5er. Wenn ich nicht noch Fotos und andere persönliche Daten auf dem Ding hätte, wäre das ja egal. Aber so muss Alex höllisch aufpassen, dass das Telefon nicht doch noch seinen Weg in die Tasche des Soldaten findet. Dann finden sie die Machete in einer unserer Klappen und sagen: „Problem!“. Wir verstehen folgendes: Wenn wir Dokumente hätten, die den Kauf der Machete belegen könnten, dann sei das ok, aber ohne Dokumente… Wir können nur vermuten, dass sie die Machete als Waffe einstufen und wir machen ein bedröppeltes Gesicht. Letztlich winken sie ab und lassen uns die Machete.

Sie fragen nach einem Dokument, dass die anderen TIR-Fahrer dabeihaben und das wohl die Fährgesellschaft ausgestellt haben müsste. Wir schütteln die Köpfe; nein, haben wir nicht. Aber ohne kommen wir nicht weiter. Später dämmert uns, dass das vielleicht das Dokument sein könnte, das auf der Fähre ausgestellt wird und weil wir unsere Papiere verweigert haben, haben wir das wichtige Dokument nicht. Es ist schon spät und wir müssen dringend schlafen, also fahren wir mit dem Benz einfach auf den Parkplatz ein paar Meter weiter und vertagen unser Problem.

Am Morgen, 7:00 Uhr: Wir werden durch laute Motorengeräusche unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein Truck mit Kühlkoffer parkt so dicht neben uns, dass wir die Beifahrertür nicht aufbekommen. Um uns herum ist noch viel Platz. Als wir in der Nacht eingeparkt haben, waren wir noch allein auf dem Parkplatz.

 

Um 9:15 Uhr stehen wir auf und gehen ohne Frühstück los, um das Fahrzeug mal eben durch den Zoll zu bringen. Dass uns das nicht nur 15 Minuten, sondern ganze 4 Stunden in Anspruch nehmen wird, können wir nicht ahnen. Jetzt versuchen wir jedenfalls, dieses ominöse Dokument zu bekommen. Bei den LKW-Fahrern hatten wir das an der Passkontrolle gesehen, also stiefeln wir dort hin, aber die ist seit der Nacht geschlossen. Weil wir kein Zollgebäude sehen können, gehen wir zur Schranke und fragen. Wir sollen mit dem Auto vorfahren und wir freuen uns schon, aber dann fragt er nach eben jenem Dokument wie die Soldaten gestern. Wir zucken mit den Schultern: haben wir nicht. Ohne kommen wir nicht raus, also geht der Soldat mit uns quer übers Hafengelände zu einem Gebäude, in dem wir bei einem anderen Soldaten vorstellig werden. Er blättert, telefoniert, aber er kann nichts tun. Zurück bei der Schranke: wir fotografieren das benötigte Dokument ab und müssen zum Zoll, der sich ausgerechnet hinter der Schranke (also außerhalb des Hafengeländes) links im Gebäude, linke Tür befindet. Darauf muss man erst mal kommen. Dort am Schalter 13/14 (obwohl wir weder „Commercial“ noch „Cargo“ sind) warten wir sehr lange, bis jemand frei ist, denn die restlichen LKW-Fahrer von gestern stehen jetzt mit uns hier. Wir erklären, was wir wollen, dass wir Touristen sind mit einem Wohnmobil und zeigen das Bild vom fehlenden Dokument. Es dauert bis die Dame, die ein paar Brocken Englisch spricht, versteht. Dann schickt sie uns nach rechts in die Büroräume. Dort sitzen Mädels hinter Glasscheiben. Wir erklären wieder und erhalten Dokumente. „Pay, finish.“ sagt die zuständige Dame. Das geht ja schnell, denken wir. Dann müssen wir zum Kassierer, links vom Customs Office; es sieht aus wie eine Wechselbude. Wir geben die Dokumente durch den Schlitz mit dem Zahlungsauftrag, zahlen 37$ und bekommen, weil wir nur einen 100$-Schein haben, 63$ in Kasachische Tenge zurück. Der Kurs ist sogar besser als auf unserer Currency-App angezeigt wird.

 

Finish sind wir aber deswegen noch lange nicht. Jetzt haben wir zwar besagtes Dokument und noch viel mehr und wollen durch die Schranke, aber wieder ein anderer Soldat hält uns auf. Es fehlt ein Stempel. Wir sollen zurück zum Zoll. „Aber da kommen wir doch gerade her?“ sagen wir. Es hilft nichts.

Wir sind bei der Frau, die uns die Dokumente verkauft hat, aber die schickt uns zurück, wo wir zuallererst waren, nämlich nebenan zum Schalter 13/14. Wieder erklären wir, dass wir einen Stempel brauchen. Es dauert wieder, die Dokumente wandern plötzlich von ganz hinten am Schalter links zum Schalter rechts, dann zum Schalter bei uns vorne nebenan links. Zwei Männer kümmern sich jetzt, telefonieren sind etwas ratlos. Wir erklären, dass wir Tourisen sind, Wohnmobil (Avtodom), „no Cargo“. Er nickt und telefoniert wieder. Er will eine Erlaubnis sehen, dass wir in Kasachstan fahren dürfen: ein grünes oder blaues großes Blatt auf dem sowas wie „Permission“ steht. Wir schütteln energisch die Köpfe und sagen, dass wir das nicht brauchen. Schließlich ist alles ok. Er überreicht uns die Dokumente und wir sollen gehen. Aber der Stempel, den der Wachmann haben will, fehlt immer noch!!! Ich reklamiere und mache eine Stempelgeste. Ratlosigkeit. Ich gebe der Frau nebenan, die etwas Englisch spricht, die Dokumente, zeige auf die Stelle und sage „Stamp“. Alex zeigt sein Bild vom Stempel. Alle sind ratlos, weil dieser Stempel vermutlich eigentlich woanders erteilt wird, nämlich nach dem Car-Check oder sonstwo. Es dauert, bis wir den Stempel schließlich doch noch bekommen. Das reicht aber noch nicht. Jetzt werden wir mit einem Auto, das zufälligerweise vor Ort ist, wieder übers Hafengelände gefahren, ungefähr da, wo wir schon mal waren, und hier gibt es nochmal Stempel und Unterschrift.

Wichtiges Dokument V, Aqtau
Wichtiges Dokument V: sämtliche Stempel und Unterschriften sind endlich drauf

Dann sprechen uns Versicherungsagenten von der Seite an. Die KFZ-Haftpflicht-Versicherung ist in Kasachstan obligatorisch und ganz ohne wollen wir dann nicht fahren. Der Versicherungsagent erklärt, dass wir für mindestens 15 Tage abschließen müssen, auch wenn wir weniger Tage bleiben werden. Wieviel? 55$. Teuer, sagen wir und versuchen zu handeln. Manchmal gibt es ja „Caravan-Rabatte“, denn auch wenn wir aussehen wie ein Truck, sind wir doch ein Wohnmobil und wir wollen – wenn es nicht unbedingt sein muss – nicht zu viel bezahlen. Er telefoniert und telefoniert, schließlich sagt er, dass wir schon mal durch die Schranke fahren sollen, er würde alles abklären und später vorbeikommen.

Wir stehen jetzt wieder vor dem Soldaten an der Schranke und zeigen ihm voller Stolz unsere Dokumente mit den 50.000 Stempeln, aber der Soldat ist immer noch nicht zufrieden. Er macht eine entschuldigende Geste und zeigt uns, dass immer noch ein Blatt mit Stempeln und Unterschriften fehlt. Da wir die Dokumente nicht lesen können (ich kann wohl entziffern, was da steht, aber verstehen?), wissen wir nicht, ob es wirklich wichtig ist. Den Stempel erkennen wir jedoch auf einem der Dokumente und tippen darauf. Nun lacht der Soldat selber über die Situation und netterweise bespricht er sich mit seinem Vorgesetzten. Schließlich dürfen wir ohne den Zettel passieren. Geschafft!

Draußen vor dem Hafengelände warten wir nur noch auf den Versicherungsagenten. Wir essen gerade eine Kleinigkeit, als er mit bereits komplett ausgefülltem und unterzeichnetem Vertrag vorbeikommt. 55$ wechseln den Eigentümer und wir können um 13:05 Uhr Richtung Aqtau fahren.

KFZ-Versicherung Kasachstan
KFZ-Versicherung Kasachstan

In Aqtau selber wollen wir zur Migrationsbehörde. Uns ist nicht ganz klar, ob wir uns nun registrieren lassen müssen oder nicht. Und bevor es damit Schwierigkeiten gibt, wollen wir uns lieber schnell den Stempel holen. Wir suchen etwas ratlos herum, sind dummerweise falsch, bis Alex eine junge Dame fragt, ob sie uns helfen könne. Wir erklären, wohin wir wollen. Sie hält einen Lada an, bespricht sich kurz mit den beiden jungen Männern und sagt, dass wir einsteigen sollen. Sie kenne die beiden und die würden uns zum Migrationsamt (Koordinaten: 43.636771, 51.179194) fahren. Voll nett! Im Migrationsamt sagt man uns, dass Deutsche sich derzeit nicht registrieren müssten und dann sind wir auch schon wieder raus.

 

Ab morgen laufen bereits unsere Usbekistan-Visa, trotzdem wollen wir uns ein bisschen Zeit für die Mangghystau-Region um Aqtau nehmen…

Aqtau, Kasachstan
Aqtau: hier wurden wir von zwei den zwei netten jungen Männern aufgegabelt und zur Migrationsbehörde gefahren

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