Odyssee Teil 4 – Abgeschleppt in Rumänien: 3,50 m + 1,20 m = fast 4,50 m! (Oder: Was nicht passt, wird passend gemacht!)

Mitten in der Nacht um Punkt 3 Uhr klopft es laut an der Tür. Wir schrecken aus dem Schlaf hoch. Der Abschlepper ist da, obwohl wir dem Dispatcher gegenüber deutlich gemacht haben, dass wir Zeit haben und getrost bis zum nächsten Tag warten können! Ein gebürtiger Spanier zusammen mit dem jungen Mann von vorhin stehen zu dieser unchristlichen Zeit vor unserer Tür. Alex steckt den Kopf aus dem Fenster und bittet um einen Moment. Wir müssen uns schnell anziehen. Da klopft der Spanier schon wieder, es geht ihm nicht schnell genug. Ein großer MAN, der ziemlich neu aussieht, steht zum Abschleppen bereit. Mit dicken Augen und schummrigem Kopf stehen wir da. Der Spanier will den Fusel mit UNSERER (!) Seilwinde auf den LKW ziehen. Alex schüttelt energisch den Kopf: ganz sicher nicht! Wir würden unser Seil und vielleicht auch die Winde kaputt machen: Das Dyneema-Seil würde am Seilwindenfenster scheuern und heiß werden. Also gut, dann würde er eben seine Winde nehmen, aber der „Profi“ hat noch nicht mal einen Abschleppgurt dabei; er will das Stahlseil seiner Winde einfach in einer Schlinge an der Vorderachse des Fusels befestigen und ihn so auf die Ladefläche ziehen. Um Gottes willen! Alex holt schnell unseren grünen Gurt raus.

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Wir sind noch schlaftrunken, als die beiden den Fusel auf die Ladefläche ziehen. Die Seilwinde vom großen MAN ächzt unter der Last. Gut, dass wir ihm nicht erlaubt haben, unsere Seilwinde zu benutzen. Der Fusel steht schräg nach hinten gekippt auf der Ladefläche. Wir fragen, wo er den Fusel festmachen will. Nirgendwo, das passe schon. Uns wird schlecht. Die ukrainischen Straßen im Kopf sehen wir schon unser Zuhause vom Abschleppwagen herunterhüpfen. Wir reden auf ihn ein und ich zeige extra das Video von unserer abenteuerlichen Fahrt durch die Ukraine. Bei 3,50m Höhe und nur 2,20m Breite muss man kein Experte sein, um zu sehen, dass das Fahrzeug leicht ins Schwanken kommt. Schließlich holt er sein neues Equipment heraus. Es ist noch in Kartons eingepackt und noch nie benutzt worden. Daher weht der Wind: er hatte keine Lust, seine neuste Errungenschaft jetzt schon zu benutzen. Uns kommen Zweifel, ob er das schon mal gemacht hat. Er befestigt nun den Fusel mit den Ketten, um ihn zu stabilisieren. Wir sind erleichtert.

Als der Fusel auf der Ladefläche steht, dämmert uns, dass die Ladefläche vom MAN weit mehr als 1m in der Höhe beträgt! Das weiß auch der Spanier.

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Es wird alles vermessen, mehrmals; dabei müssen wir aufpassen, dass der Spanier mit seinem Messband richtig misst, denn er darf unsere 8 cm hervorstehenden Dachluken nicht vergessen: 4,75 m Höhe insgesamt sind definitiv zu viel. Er misst nochmal nach, aber es bleibt dabei. Was machen? Uns wäre es am liebsten, er würde den Fusel wieder von der Leine lassen und einfach wegfahren. Aber das macht er nicht. Er hat den Auftrag angenommen, er ist jetzt hier, das auch schon zum zweiten Mal (der erste Abschleppwagen kam aus seinem Haus) und überhaupt ist es wohl inzwischen eine Frage der Ehre. Er kommt auf die glorreiche Idee, unsere Vorderräder abzubauen, damit wir niedriger kommen. Alex bekommt Schweißausbrüche. Vorderräder abmontieren? Um Himmelswillen! Dann steht der Fusel nur noch auf den Bremstrommeln und der Achse. Bei dem Gewicht eine Katastrophe! Und wie will er dann wieder die Vorderräder anmontieren? Eine heiße und lange Diskussion folgt. Er ist unglücklich darüber, dass „wir uns so anstellen“. Alex telefoniert mit dem rumänischen Dispatcher und erklärt, dass das Mist sei, was der Spanier da vorhabe; es folgt eine hitzige Dreiecksdiskussion am Telefon, die der Spanier genervt beendet.

Dann will er eben die Luft aus den Rädern lassen. Ja, aber dann steht der Fusel mit dem Gewicht auf den Felgen und mit den Felgen auf dem Gummi. Alex fürchtet, die Reifen hinterher wegschmeißen zu können. Wir lehnen erst mal ab. Warum ist es nur so schwer, einen geeigneten Abschleppwagen zu schicken? Alex telefoniert mehrmals mit dem Dispatcher, der wiederum übersetzt an den Spanier. Der Spanier macht sich weiter über uns lustig, weil wir uns so „mädchenhaft“ anstellen. Ich erkläre ihm auf Spanisch, dass das unser einziges Zuhause ist und ob er sich darüber im Klaren ist, was das für uns bedeutet. Ja ja. Der Dispatcher erklärt Alex, dass der Abschlepper schon wüsste, was er tue, denn er habe ganz viel Erfahrung. Aha?! Was sollen wir machen? Es ist inzwischen 4:30-5 Uhr am Morgen und irgendwann müssen wir in die Werkstatt. Wir diskutieren weiter über die Höhe (das is‘ aber auch schwierig!):

Rechnerei auf dem Fusel

Er lässt also Luft aus den Vorderreifen, nicht alles. Wir kommen auf 4,63m. Dann lässt er etwas Luft aus seiner Luftfederung: 4,57m, er lässt noch etwas Luft aus der Federung heraus: 4,53m. Eigentlich sind nur höchstens 4,50m erlaubt. Er erklärt mir auf Spanisch, dass die Brücken (über die mache ich mir am meisten Gedanken) nicht das Problem seien, sondern die ganzen Kabel; da wusste ich noch nicht, dass er die Oberleitungen für die Straßenbahnen meint. Aber mit 3 cm zu viel würden wir es schon irgendwie schaffen, meint er.

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Die Luft ist raus!

Da vorn im Abschleppwagen kein Sitz mehr frei ist, klettern Alex und ich in den Fusel und sitzen mit Blick über dem MAN im Fahrerhaus. Das ist bestimmt auch in Rumänien nicht erlaubt. Die ersten 15 km durch die erste Stadt nach der Grenze, Galatz, sind abenteuerlich: die Oberleitungen der Straßenbahnen, die den Himmel spinnennetzartig im ganzen Ort durchziehen, stören „ein bisschen“ und so tasten wir uns langsam durch. Der Schlepper läßt nun auch noch den Rest Luft aus seiner Federung mit dem Resultat, dass seine Hinterräder die ganze Zeit lautstark am Rahmen scheuern. Aber passt doch! Zwischendurch zieht der Abschlepper die Zurrketten nochmal nach, was uns etwas komisch vorkommt. Glücklicherweise sind die Straßen in Rumänien super in Schuss, so dass wir um die Mittagszeit mit nur ein bisschen Gewackel an der Werkstatt ankommen.

Als wir aussteigen sehen wir, dass die Luft aus unseren Vorderreifen komplett raus ist und beide Reifen von den Felgen gerutscht sind. Alex bekommt wieder einen Schweißausbruch. Deswegen mussten auch die Ketten nachgezogen werden! Vor der Mercedes-Werkstatt steht der Wachdienst, dem es missfällt, dass wir direkt vor der Tür stehen. Er und der Abschlepper diskutieren lautstark, wir verstehen kein Wort und mischen uns auch nicht ein. Der spanische Abschlepper telefoniert und rastet aus. Er haut mit voller Wucht auf seine Ladefläche; keine Ahnung warum. Mir ist das extrem unangenehm.

Dann geht uns auf, dass wir bei Mercedes gar keine Werkstatthalle für LKW sehen. Während der Spanier bereits den Fusel losmacht, grübeln wir: Sind wir überhaupt richtig? Wir gehen ums Gebäude. Nichts von und für LKW zu sehen. Wir versuchen, jemanden zu erreichen, aber es ist Wochenende. Alex spricht auf Anrufbeantworter. Zur Not müssen wir am Montag nochmal abgeschleppt werden. Inzwischen ist der Fusel komplett (!) los! Die Reifen sind aber noch platt. Alex holt den Luftkompressorschlauch und setzt an, aber nichts passiert. Die Luft geht gar nicht erst in unsere schlauchlosen Reifen, weil die ja von der Felge gesprungen sind. Der Spanier lacht über unseren Hobby-Kompressor. Wir sind genervt von seiner überheblichen Art. Sein MAN hat zwar Druckluft im Überfluss, aber keinen Anschluß für einen Schlauch… So viel zum Thema: er weiß, was er tut. Wenn wir keinen Kompressor dabei hätten, was dann? Er hat sich vorher auch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wie er die Luft wieder in die Reifen bekommt.

In der Zwischenzeit ruft Alex den Direktor After-Sales des Mercedes-Autohauses auf dem Handy an. Er ist sehr nett und noch während er mit Alex telefoniert, sitzt er wohl schon im Auto, denn plötzlich steht er vor uns! Er erklärt, dass er informiert sei und wir hier erst mal stehenbleiben können. Und dann ist auch der Wachmann wieder entspannt. Wir müssten nur am nächsten Tag, und zwar um 7 Uhr am Morgen, einmal ums Gebäude herum; da wäre dann die Werkstatt. Um 7 Uhr wolle man sich den Wagen anschauen. „Morgen?“, frage ich. Da sei doch Sonntag. Nein, Sonntag sei heute; morgen sei Montag. Ich habe mein Zeitgefühl ein bisschen verloren.

In der Zwischenzeit ist ein Kollege vom Spanier eingetroffen; mit einem weiteren, kleineren Abschleppwagen. Der kriegt aber auch keinen Schlauch an seinen Luftkompressor. Irgendwie muss jetzt Luft in die Reifen. Dazu muss der Fusel aufgebockt werden. Als der Spanier eine kleine Holzplatte auf die Abschleppbühne legt, den Wagenheber daruntersetzt und anfangen will, aufzubocken, fragt Alex, ob er nicht mal unseren Wagen sichern will! Unser Fusel steht mit 5 Tonnen und einer nicht unerheblichen Neigung nach hinten fast komplett auf der Hinterachse! Die Bühne ist glatt und theoretisch kann der Fusel runterrutschen. Zur Erinnerung: Unser Differential ist kaputt und die Handbremse muss das Gewicht nicht halten! Wenn er nun den Wagen aufbockt, kann es sein, dass die Bremsen dieses Gewicht nicht halten. Seine Lösung: Sein Kollege schmeißt schnell einen Holzbalken hinter die Hinterräder, mehr nicht. Anstatt ihn wieder an die Seilwinde zu klemmen… Aber er weiß ja, was er tut…

Sein Wagenheber passt nicht unter die Achse, also setzt er ihn an der Blattfederaufnahme an. Als er anfängt, den Fusel hochzupumpen, knackt es fürchterlich. Alex bekommt einen riesen Schreck und denkt, er hätte etwas an unserer Vorderachse beschädigt. Es war aber nur die Abschleppbühne, die aus einer Siebdruckplatte besteht und die durch die Last gebrochen ist. Der Spanier ist säuerlich. Es muss ein größeres Holzstück her, damit die Last gleichmäßig auf eine größere Fläche verteilt werden kann. Das funktioniert. Wir setzen Luft an und die Männer müssen stark den Reifen drücken und hin und her bewegen, damit der Reifen dicht an der Felge anliegt und Luft reingeht. Ich darf den Luftkompressorschlauch halten und Luft einfüllen. Und weil das mit unserem kleinen Kompressor etwas dauert, ist der Spanier extrem ungeduldig und will mir den Schlauch wegnehmen. Ich protestiere und zeige ihm, dass es langsam, aber gut funktioniert. Wir sind erleichtert. Und Alex flüstert mir zu: „Jetzt sag‘ mir mal, wir der die Räder wieder hätte draufbekommen wollen?“ Uns geht aber auch die Frage durch den Kopf, was mit der Ladefläche passiert wäre, wenn der Fusel vorne nur auf den Bremstrommeln gestanden hätte.

Als wir ums Auto gehen, sehen Alex und ich, dass durch die Last unserer Hinterachse der hintere Teil der Abschleppbühne an den Nähten bereits stark durchgebogen ist. Wir hatten so unsagbares Glück, dass die Straßen in Rumänien so gut sind. Nur ein einziges blödes großes Loch, nur ein kleiner Sprung unseres Fusels (wie in der Ukraine) und die Hinterachse wäre durch die dünne Holzbodenplatte durchgebrochen!!!! Ich bekomme Gänsehaut als ich das sehe. Dass die Ladefläche nur aus dünnem Holz besteht, haben wir im Dunkeln, als der Fusel aufgeladen wurde, nicht sehen können. Das alles bedeutet, dass sein Abschleppwagen niemals für einen 7,5 Tonner geeignet ist!

In der Zwischenzeit ist NOCH ein Fahrzeug von seinem Abschleppdienst eingetroffen. Warum, wissen wir nicht. Sie sind einfach plötzlich da. Jetzt muss der Fusel von der Bühne runter. Dazu lässt der Spanier ein bisschen Luft aus der Luftfederung. Der Balken hinter den Hinterrädern wird entfernt. Alex fährt langsam rückwärts und schwitzt wieder: die Bremse hält nicht gleich und so rollt der Fusel ca. 40cm zu schnell von der Ladefläche. Ich bekomme beim Zusehen Herzflattern. Gott sei dank greift die Bremse dann noch im letzten Moment und die Hinterachse rollt kontrolliert langsam die restlichen Zentimeter von der Laderampe. Als dann jedoch die Last der Hinterräder von der Laderampe runter ist, schnellt diese plötzlich hoch und hebt damit unsere Vorderräder an. Es sieht aus, als drohe der Fusel über die Hinterräder nach hinten zu kippen, sich sozusagen auf den Po zu setzen! Unser Unterfahrschutz, den wir hochgeklappt hatten, ist nur noch 1-2 cm vom Boden entfernt. Ich kann einen Schrei nicht unterdrücken. Was war passiert? Der Abschlepper hat nicht genug Luft aus seiner Luftfederung herausgelassen (den Motor vom MAN hatte er nicht gestartet)! Als die 5 Tonnen unserer Hinterachse runter waren, war die Luftfederung noch viel zu stark gefüllt und drückte die verbleibenden 2,5 Tonnen spielend nach oben. Ich glaube, ich bin in diesem Moment um 10 Jahre gealtert. Bei dieser Aktion hatten wir auch wieder unglaubliches Glück: die Bühne, die hochgeschnellt ist, hätte um ein Haar unsere Kardanwelle getroffen! Ein Jammer, dass ich das nicht gefilmt habe. Der Spanier lässt schnell die restliche Luft aus der Federung und Alex kann komplett herunterfahren.

Die Ehre des Spaniers ist gerettet. Es bleibt ihm nur der Frust, dass sein MAN nun die ersten Macken hat. Jetzt hält er uns vor, dass unser Fuso viel zu schwer sei und überhaupt mag er unser Auto nicht, denn es sei auch viel zu hoch. Wohl wissend, dass der gewöhnliche Schleppmeister sein eigenes Fahrzeug gerne überschätzt, haben wir dem Dispatcher bestimmt fünfmal Gewicht und Maße durchgegeben. Alex diskutiert kurz mit dem Spanier; dann ist das Thema erledigt. Schließlich verabschiedet er sich  – wie passend – mit einem Kuss auf seinen rechten Bizeps und verschwindet.

Wir unterhalten uns noch etwas mit dem Kollegen des Spaniers. Er spricht etwas Englisch. Er klärt uns auf, dass der „neue“ MAN gar nicht neu, sondern von 2003 und „refurbished“ sei. Angeblich gäbe es in Rumänien keine Tieflader; zu teuer. Unser Fahrzeug sei eine Ausnahme; sowas müsse man sonst nicht abschleppen. Er warnt uns noch, dass es sehr gefährlich sei, durch Rumänien zu fahren. Noch gefährlicher sei aber Bulgarien. Oh je, denken wir, da müssen wir noch durch. „Zappzarapp“ sagt er immer und macht eine Handbewegung. Aha, denke ich, er meint bestimmt „klauen“. „Zappzarapp“ mache man viel in Rumänien und Bulgarien. Wir wollen das gar nicht hören. Später schaue ich nach, was „Zappzarapp“ eigentlich heißt, weil ich denke, dass es ein rumänisches Wort ist. Tatsächlich finde ich dieses Wort in der richtigen Schreibweise ausgerechnet im deutschen Duden! Ich muss lachen. Ich habe dieses Wort zuvor noch nie gehört! Es ist eine Redensart und bezeichnet eine rasche, unauffällige Bewegung, mit der etwas weggenommen wird. Wieder was gelernt. 🙂

Dann ruft der Mann noch einen Freund an, der Deutsch spricht und reicht ihn an Alex weiter. Sie unterhalten sich kurz über Belangloses. Danach sind dann alle weg und wir wieder allein. Wir sind soooo müde, wir brauchen Urlaub :).

Wir übernachten vor der Werkstatt, direkt vor dem Sicherheitsposten. Der zeigt uns noch am Abend ganz, ganz, GANZ genau, wohin wir am nächsten Morgen fahren müssten. Wie kleinen Kindern zeigt er uns den Weg, führt uns über das Gelände, zeigt und macht, bringt uns genau vor die Werkstatthalle. Aha. Er ist unglaublich bemüht. Er legt Alex den Arm um die Schulter.

Wir gehen zurück zum Fusel. Wir haben es – und sind – geschafft!!!  Endlich schlafen!


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