Ein Geysir, noch mehr Wasserfälle und: ein Zentimeter kostet uns zwei Stunden

Der Strokkur (zu deutsch: Butterfass), der Geysir im Geothermalgebiet Haukadalur, ist ziemlich zuverlässig. Alle (weniger als) 10 min kommt’s ihm hoch, deswegen fahren wir da auch hin. Außerdem liegt er im „Golden Circle“ (die isländische Bezeichnung finde ich viel lustiger: Gullni hringurinn), der beliebten Reiseroute der Touristen in Süd- und Südwestisland, die neben dem Geysir Strokkur auch die folgenden wichtigsten Sehenswürdigkeiten umfasst: Gullfoss, Þingvellir und Thermalquelle Blesi. Bis auf Blesi nehmen wir alle mit.

Wenn man auf das Geothermalgebiet, das den Strokkur beherbergt, zufährt, sieht man es schon von weitem qualmen. Geht man in das Gebiet hinein, dampft es überall aus der Erde. Die Erdkruste ist auch hier, wie in den anderen Geothermalgebieten Islands, sehr dünn, deswegen darf man da auch nicht drauftreten. Aber nur an einer Stelle schießt eine Wasserfontäne aus der Erde: das ist da, wo sich die meisten Leute aufhalten und man deswegen nichts sieht. Da kann man nur seine Kamera durch die Menge nach vorne strecken und hoffen, dass man ein paar Fotos erhaschen kann. Wir erwischen den Strokkur zu denkbar ungünstigen Bedingungen: es schneit und dunkelt bereits. Trotzdem können sich die Ergebnisse sehen lassen:

Die kochende Wassersäule kann eine Höhe von 25-35 m erreichen. So richtig sehen können wir das wegen des Wasserdampfes nicht. Es ist sehr beeindruckend, wie es überall im Boden brodelt. An einer anderen Stelle werfen Touristen Münzen ins heiße Wasser, obwohl überall steht, dass man das bitte zu unterlassen habe.

In Island gibt es übrigens „Geothermale Küche“; leider sind wir nicht dazu gekommen, das auszuprobieren. Wer das probiert hat, darf uns gern an seinen Erfahrungen teilhaben lassen. (Schmeckt das dann alles nach verfaulten Eiern?)

Die alte Parlamentsstätte Þingvellir (Ebene der Volksversammlung) hat mehrere Bedeutungen: eine historische und eine geologische. Hier wurde bereits um 930 die jährlich stattfindende und zwei Wochen dauernde gesetzgebende Versammlung Alþing abgehalten, die nicht nur gesetzgebende, sondern auch Gerichtsbarkeitsfunktionen hatte. Des Ehebruchs überführte Frauen wurden ertränkt, überführte Hexen fanden den Tod, Männer wurden am Galgenfelsen aufgehängt, Köpfe rollten den Fluss entlang…, was eben so üblich war. Heute werfen Touristen Münzen ausgerechnet in den ehemaligen Ertränkungspfuhl. Das Parlament tagte bis in die letzten Jahres des 18. Jahrhunderts.

þingvellir: Hier driften amerikanische und eurasische tektonische Kontinentalplatten auseinander

Die geologische Bedeutung ist noch interessanter: an diesem Ort wird das Auseinanderdriften der amerikanischen und der eurasischen tektonischen Platten durch große Risse und Spalten in den Felsen in der Allmännerschlucht sichtbar. Die Platten driften mit einer Geschwindigkeit von 1-2 cm pro Jahr auseinander. Mit etwas Fantasie kann man also zwischen Amerika und Eurasien hin- und herhüpfen. Übrigens: Þing wird nicht etwa ping, sondern ähnlich wie das englische thing, nur mit einem k am Ende, vellir wird etwa „wettlir“ ausgesprochen.

Der Gullfoss, der Goldene Wasserfall, schließlich zeigt sich weiß und so gar nicht golden, während der Schnee niederrieselt. Es ist wohl der bekannteste Wasserfall Islands. Über zwei gewaltige Kaskaden stürzt der Gletscherfluss Hvítá 32 m tief in die tiefe Schlucht.

Der Gullfoss im Winter

Den Namen bekam er, weil ihn die Abendsonne in einen goldroten Schein taucht bzw. sich an sonnigen Nachmittagen ein Regenbogen über dem Wasserfall spannt.

Neben dem Gullfoss haben wir den 66 m hohen Seljalandsfoss (unterhalb des Eyjafjallajökull):

Der Seljalandsfoss

und den 62 m hohen Wasserfall Skógafoss (ebenfalls unterhalb des Eyjafjallajökull):

Der Skógafoss im Winter

gesehen. Folgt man den Treppen rechts vom Wasserfall nach oben und dem Wanderweg entlang des Flusses, sieht man eine wundervolle Landschaft:

Die Landschaft oberhalb des Skógafoss

Aber auch den Dettifoss samt Selfoss wollen wir sehen. Hierzu gibt es eine nette kleine Story:
Anfang Dezember 2015, als wir unsere Nordrunde Richtung Reykjavík starteten, kamen wir bereits an der Einfahrt zum Dettifoss vorbei, die wegen Schneesturms allerdings geschlossen war. Jetzt, Mitte Januar und bevor es wieder auf die Fähre nach Dänemark geht, wollen wir noch einmal einen Versuch starten. Ich checke brav die Straßenbedingungen auf road.is und vergucke mich in der Straße etwas zu weit nach rechts. Also behaupte ich steif und fest, die Straße sei offen (tatsächlich ist sie tiefrot, was bedeutet, dass man da lieber nicht reinfahren sollte). Der Wetterbericht hat auch nur gute Neuigkeiten für uns, daher wagen wir den kleinen Umweg von rund 130 km. Wieder an der Einfahrt zum Dettifoss angekommen, ist die Straßensperre zur Seite gerückt, die Straße also offen (road.is ist immer vorrangig zu behandeln!). Während wir die 25 km zum Parkplatz bewältigen staunen wir über die Schneemassen, durch die wir durchmüssen und wundern uns, dass die Straße geöffnet ist. Es ist bereits dunkel, als wir am Parkplatz ankommen. Hier gefällt uns der Platz aber nicht so richtig, weil zu viel Schnee liegt. Wir drehen und fahren einige Meter zurück, aber auch da gefällt es uns dann doch nicht. Links und rechts der Straße liegt bis zum Fahrbahnrand Schnee. Wir drehen auf der schmalen Straße und setzen ’n Zentimeterchen zu viel zurück. Was wir nämlich nicht wissen, ist, dass unter der Schneedecke links und rechts nichts ist und es abseits der Straße abschüssig verläuft. Wir rutschen langsam mit dem Heck den Abhang hinunter und können nichts tun. Wir stehen so schräg, der Untergrund ist so rutschig, dass sich der Wagen nicht mehr zur Straße bewegen lässt.

Ein bisschen von der Straße abgekommen

Dieser Zentimeter wird uns um die zwei Stunden kosten. Beim Versuch, den Abhang hinaufzufahren, rutschen wir noch weiter hinunter und setzen mit dem hinteren Unterfahrschutz sowie den hinteren Staukästen auf dem weichen Schnee auf; das reicht, um festzusitzen. Es hilft nichts: wir müssen Schnee schippen. Entgegen der Wettervorhersage fängt es auch noch kräftig an zu schneien.

WoMo ausgraben

Alex links, ich rechts. Da hat sich die Investition in unsere Umfeldbeleuchtung gelohnt. Wir buddeln das Fahrzeug rundherum und unten drunter frei. Alex legt Schneeketten auf die beiden Vorderräder an, auf die Hinterräder bekommt er die Schneeketten nicht, also legt er sie als Anfahrhilfe vor die Hinterräder. Außerdem legt er Holzklötze unter die Hinterräder. Der Versuch, den Abhang hochzufahren, scheitert. Zu allem Übel reißt auch noch die Schneekette am linken Vorderrad auseinander; das Spanngummi ist abgerissen. Außerdem stehen die Hinterräder nun auf den hinteren Schneeketten. Ziemlich ungünstig das alles, kann man sagen.

Abgerissene Schneekette

Unsere Seilwinde hätte uns vielleicht helfen können, wenn denn da ein Felsbrocken oder ein Baum gewesen wäre. Aber hier in der Gegend gibt es nichts (Bäume muss man ja auf Island ohnehin suchen). Wir buddeln weiter. Alex flickt die Schneekette mit einem Tampen. Die Gewichtsverteilung ist bei diesem Böschungswinkel problematisch: die Hinterachse zu schwer, die Vorderachse viel zu leicht! Wir haben Glück, dass der Boden gefroren ist: es ist zwar rutschig, aber die kleinen Steinchen am Abhang sorgen zumindest für etwas Grip.

Ganz schön schräg

Ich texte Oli, in welcher vorteilhaften Situation wir uns mal wieder befänden. Der stellt zurecht fest (ich zitiere): „Ihr habt doch echt die Mütze am brennen! Wieso fahrt ihr denn so von der Straße runter und im Dunkeln und im Schnee und überhaupt. Das gibt’s doch gar nicht! Viel Spaß beim Buddeln!“ Das haben wir! Außerdem müssen die Schneeketten unbedingt auf die Hinterräder. Das Problem ist: das sind klassische Schneeketten mit klassischem Verschluss. Das bedeutet, dass man, um sie komplett anlegen zu können, einige Zentimeter vor- oder zurückfahren muss. In so einer heiklen Situation ist das – sagen wir mal – nicht gerade hilfreich. Die Schneeketten stecken jedoch seit dem Anfahrversuch unter den Rädern fest. Um die Schneeketten unter den Hinterrädern herausziehen zu können, müssen wir den Wagen einige Zentimeter zurückrollen lassen. Durch die Holzklötze kommt der Wagen glücklicherweise gut zum Stehen. Die Schneeketten sind zwar drauf, aber nur innen geschlossen und außen nur mit der Spannkette befestigt, weil wir das WoMo nicht noch weiter zurückrollen lassen wollen, denn er steht bereits auf den Holzklötzen und würde sonst herunterrutschen. Und dann ist auch noch während des Buddelns die Lenkung eingefroren! Diese löst sich Gott sei Dank schnell wieder und im nächsten Versuch schafft es Alex mit einer nervenzerreißenden Pause den Abhang hinauf. Seine Knie zittern. Das war haarscharf. Der Kardanwellenschutzbügel schliff bereits am Boden. Letztlich stehen wir mit etwas Verspätung dann doch auf dem Parkplatz, den wir am Anfang verschmäht haben.

Am nächsten Tag gehen wir mit unseren Tourenski zum Selfoss und dann zum Dettifoss:

Eine fantastische Landschaft im Winter!

Weil wir viel zu früh im Osten sind und noch nicht nach Seyðisfjörður wollen, Egilsstaðir aber auch nicht viel zu bieten hat, machen wir noch einen kleinen Abstecher zum Hengifoss („nahe“, gute 30 km von Egilsstaðir im Osten Islands):

 
Um den Hengifoss richtig schön sehen zu können, muss man ca. 2.5 km bergauf laufen. Im Winter ist das heikel, weil man tiefe Schneefelder und viel Eis überwinden muss. Der Versuch, den Fluss oberhalb des Hengifoss zu queren, scheiterte: wir sind gar nicht erst bis zum Wasser gekommen; zu tief, zu gefährlich…., vor allem, wenn man nicht weiß, was sich unter den Schneemassen befindet. Es ist eine schöne Wanderung in wundervoller Umgebung!

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2 Gedanken zu “Ein Geysir, noch mehr Wasserfälle und: ein Zentimeter kostet uns zwei Stunden

  1. Geothermale Küche
    Also, ich hatte mal Brot probiert, das in einer heißen Quelle gebacken wird. Das hat nicht nach Schwefel geschmeckt! War in der Art zwischen frischem Marmorkuchen und Vollkornbrot. Vielleicht habt ihr es ja irgendwo im Supermarkt gesehen, oder?

    Ciao

    Tobias

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