Mittelmeerpassage I: Kaş bis Monastir

Nachdem wir ja nun schon einige Monate Segelerfahrung gesammelt haben, soll es jetzt durchs Mittelmeer gehen. Uns geht ein bisschen die Muffe, weil wir noch nie über Nacht gesegelt sind. Tatsächlich waren es immer Tagesetappen von ein paar Stunden; die längste Etappe immerhin 10 Stunden (aber trotzdem nur tagsüber) Segeln. „Kann ja nicht so schwer sein!“ sagt Alex selbstbewusst und guckt sich interessiert die Route von Kaş nach Monastir an: immerhin 960 Seemeilen. Wie lange die Überfahrt dauern soll, da ist er sich nicht ganz sicher: anfangs noch mutig mit 7 Tagen angesetzt, kommt er schnell dahinter, dass es wohl eher 9 Tage werden würden. 9 Tage Tag-und-Nachtsegeln. Oha. Ich bin im Grunde guter Dinge, habe ich mich doch bereits während unseres Kaş-Aufenthaltes mit genügend Medikamenten eingedeckt – ich werde ja (immer noch) ganz gern seekrank. Und weil wir auch noch viel gegen den Wind segeln müssen (die vorherrschenden Winde kommen ausgerechnet da her, wo wir hinwollen: aus West), habe ich besonders großzügig eingekauft. Dass das Mittel dann doch nicht so gut helfen würde, kann ich ja noch nicht ahnen. In der Apotheke konnten wir so ziemlich alles kaufen, was in Deutschland verschreibungspflichtig wäre. Wir hätten sogar Medikamente kaufen können, die selbst in der Türkei verschreibungspflichtig sind; so zB Psychopharmaka, aber da lehnten wir dankend ab, so weit wollten wir denn doch nicht gehen. Für das Breitbandantibiotikum, das der Apotheker uns ohne Rezept verkauft hat, waren jedenfalls sehr dankbar.

Für die Überfahrt sind wir technisch mega gut vorbereitet: eine neue Genoa, repariertes Groß und (alte) Genoa und ein Code 0 (Leichtwindsegel) von US Sailmakers Marmaris sowie komplett neue Falle, Reffleinen und Schoten (Gleistein, Marlow). Tausend Dank an Bariş von US Sailmakers, der uns darüber hinaus auch noch ein paar Sachen nach Göcek brachte.

Dann haben uns Rosi und Sylvia aus Deutschland noch EPIRB (Emergency position indicating radio beacon = Notfunkbake/Seenotfunkboje) und IridiumGO (Satellitenrouter) mitgebracht, weil sie zufälligerweise in die Türkei in den Urlaub geflogen sind – genau zur richtigen Zeit. Tausend Dank auch an Euch! IridiumGo hatten wir über PredictWind gekauft wegen der interessanteren Pakete; für uns billiger.

Schlafplatz im Salon während der Passage
Schlafplatz im Salon während der Passage

Am 01.09.2019 ist es dann soweit. Wir haben den Salon in ein gemütliches Schlafzimmer umgebaut, weil keiner von uns große Lust verspürt, unten zu schlafen, wo es am lautesten ist.

Das Auschecken ist in der Türkei ein bisschen aufregend. Nicht nur, dass man in Kaş einen Agenten braucht, will man nicht durch die halbe Stadt von Behörde zu Behörde rennen (wir zieren uns erst, weil uns 60€ ganz schön viel vorkommen), sondern auch der Zoll beäugt alles aufs Genaueste, wenn man auf „Yacht in Transit“ und damit ohne Mehrwertsteuer eingekauft hat (also, gekauft hat man es schon MIT MwST, aber man kann sie sich über Global Blue zurückerstatten lassen). Der Agent hat sich schon deshalb gelohnt, weil kein Hahn nach unseren neuen Akkus aus den USA kräht. Aber jede Schraube, jeden Kleber, einfach alles, was wir gekauft haben und nun MwST zurückverlangen, muss vorgezeigt werden. Da sind wir froh, dass Bariş bei dem laufenden Gut ein bisschen „geschummelt“ hat, indem er einen Gesamtpreis für Segel und Leinen angegeben hat, denn wie sonst hätten wir die exakte Länge der Seile nachweisen sollen als sie runterzunehmen?

So stehen wir an der Tankstelle in Kaş und füllen unsere Dieseltanks auf, während der Zoll die Papiere durchgeht. Gegen 11 Uhr sind wir auch schon durch, haben den Ausreisestempel im Pass und fahren aus der langgezogenen Bucht heraus. Kaum draußen schlagen uns 2m-Wellen entgegen. Ich stehe am Steuerrad und hüpfe MOCEAN durchs Wasser. Eine Stunde später haben wir Hunger, aber keiner traut sich, Essen zu machen, weil‘s schwankt. Selbst Alex merkt die Wellen, sobald er sich im Salon befindet. Da es mir ganz gut geht (obwohl ich keine Tabletten genommen habe), übernehme ich den Part des Salatmachens. Kaum habe ich den Salat geschnitten, ist mir schlecht. Ich stürme nach oben, gucke zum Horizont und warte, bis es mir wieder gut geht, um dann nach unten zu rennen und weiterzumachen. Das geht ein paar Mal so: nach der Zwiebel, nach der Paprika, nach den Tomaten…, nach der Soße. Schließlich bin ich endlich fertig, komme mit den zwei leckeren Salatschüsseln aufs Deck und … muss erst mal kotzen. Gott sei Dank habe ich nur Wasser im Magen; wir müssen also nicht mal putzen, wie praktisch! Den frisch gemachten Salat rühre ich nicht an. Ich nehme eine Tablette und es geht wieder etwas besser, aber essen kann ich trotzdem nichts. Die Wellen bleiben. Ich lege mich etwas hin und gegen Abend entscheiden wir, dass ich die erste Wache übernehme. Ich sitze rund 15 Minuten im Dunkeln vorm Steuerrad und greife dann zur Schüssel: ab jetzt komme ich aus dem Kotzmodus nicht mehr raus. Alex hört das und kommt sofort raus: er schickt mich ins Bett, in der Hoffnung, dass es besser wird.

Die Crew (ich) ist seekrank für 1 1/2 Tage

Wird es nicht. Der arme Alex muss müde das Boot alleine lenken. Der Wind legt zu, die Wellen auch und ich komme einfach nicht hoch, trotz Tabletten. 1 1/2 Tage und 1 1/2 Nächte macht er das durchgehend! Keine Ahnung, wie er das schafft. Wenn ich helfen muss, bekomme ich es gerade so hin und muss mich dann gleich übergeben. Mehrfach löst sich das Code 0 und schlägt wild um sich. Wir schaffen es zwar, sie ab- und wieder aufzurollen, aber nicht fest genug. Beim dritten Mal schlägt das Code 0 derart wild, dass wir es herunternehmen müssen. Das ist aber bei dem Wind nicht so einfach: statt dass das Code 0 nach unten geht, wird Alex nach oben gerissen und erinnert mich ein bisschen an „Die Geschichte vom fliegenden Robert“. Das erste Mal klappt es nicht, aber beim zweiten Mal legt der Captain alles an Gewicht rein, das er hat und wir bekommen mit Hängen und Würgen das Code 0 runter. Dann muss ich mich auch schon wieder übergeben. Wir kämpfen uns durch 3-4m-Wellen, die von vorn und seitlich über (!) unser Boot fegen. Der Meltimi bläst mit 35-40 Knoten Wind. Es scheppert und wackelt so sehr, dass ich bete, wir mögen das überleben. In Gedanken gehe ich immer wieder durch, wie ich die EPRIB im Notfall auslöse. Die Wellen setzen das Cockpit unter Wasser und Alex steht im Schwerwetterdress tapfer am Steuerrad. Irgendwann fängt Alex vor lauter Müdigkeit an zu halluzinieren: er sieht plötzlich Fischfarmen überall und umfährt sie sogar großzügig, er sieht Skylines am Horizont, er sieht Menschen im Wasser schwimmen. Erst in der Hälfte der zweiten Nacht gegen 1 Uhr, genau als wir uns unter dem östlichsten Zipfel Kretas befinden, ist plötzlich Ruhe. Flaute. Wir holen die Segel ein, lassen uns treiben und gehen schlafen. Gegen 7 Uhr bin ich dran und steuere MOCEAN durchs Wasser. Wir haben das schlimmste überstanden.

Bis auf Schnee wartet das Wetter mit allem auf, was es zu bieten hat: Regen, Sonne, Wind, Flaute und… Gewitter. Wetterleuchten hatten wir bereits bei Kreta, aber unterhalb Maltas leuchtet und donnert der Himmel um uns herum. Die elektronischen Geräte verschwinden schnell zum Schutz im Backofen und Alex baut aus der Ankerkette vom Dingi einen Blitzableiter: wir haben keine Lust, dass der neue Plotter draufgeht (B&G hatte den Zeus2 aufgrund immer wiederkehrender Abstürze kostenlos gegen einen Zeus3 ausgetauscht). Wir genießen die tollen Sonnenuntergänge und fangen sogar einen Bonito, der uns mehrere Tage ernährt. Leider hält sich bei mir der Appetit derart in Grenzen, dass ich immer weiter abmagere.

Nach 11 Tagen und 2 Stunden kommen wir (ich um etliche Kilo leichter), begleitet von Delphinen, in Monastir an. Ursprünglich hatten wir überlegt, in Tunesien zu überwintern, weil es so schön günstig sein soll, aber bereits bei der Ankunft vergeht uns die Idee: das Wasser ist so dreckig, dass wir MOCEAN nicht länger als nötig darin baden wollen. Die Mooringleinen sind voller Muscheln, die nicht nur das Gelcoat unserer Yacht zerkratzen, sondern auch die Hände des armen Marinamitarbeiters. Die Marina ist ganz hübsch und gut gesichert, aber eng: wir kuscheln mit einer roten Stahlyacht, die von zwei Kanadierinnen bewohnt und gesteuert wird. Alex muss umständlich manövrieren, weil die Mooringleine des Stahlboots im Weg ist und dann haben wir auch noch Wind von der Seite. Diese rote Stahlyacht ist der kanadischen Coastguard nachempfunden und wurde in China gebaut. Die Damen, zwei Psychologinnen, haben sie innerhalb von 9 Jahren, immer in Etappen von ca. 6 Wochen, von China nach Monastir gebracht und sie soll es noch bis nach Kanada schaffen. Wir sind so beeindruckt, dass wir zwei von den drei Abenden vor Ort mit Janice und Rosario verbringen; an Gesprächsstoff mangelt es nicht.

Für den Cat zahlen wir um die 35€ pro Nacht (plus eine Kaution für den Schlüssel plus 50 Cent für eine Marke auf den Zollpapieren) was nicht gerade günstig für tunesische Verhältnisse ist und wir scheinen den letzten verfügbaren Platz abbekommen zu haben – Glück gehabt. Das Einklarieren geht schnell: an der Tankstelle parken wir MOCEAN. Es geht zuerst zur Immigration (am Kopfende der Marina), wo wir eine Migrationskarte ausfüllen müssen, und dann zum Zoll. Nachdem die Zolldokumente hinsichtlich mitgeführter Waffen, Alkohol und Pharmaka ausgefüllt sind, wollen sich die Zollbeamten natürlich noch von der Richtigkeit der gemachten Angaben überzeugen. Ein bisschen Neugier ist sicher auch immer dabei. Den Gestank in Monastir halten wir nicht die geplanten 5 Tage aus und machen bereits nach drei Tagen die Leinen wieder los. Es gibt ohnehin keine guten Einkaufsmöglichkeiten; lediglich der große Markt in der Innenstadt bietet Obst und Gemüse. Fleisch oder Fisch kaufen wir nicht: das haben zu viele Passanten bereits mit den Händen begutachtet.

Route Kas - Monastir
Segelroute Türkei, Kaş – Tunesien, Monastir

Auf dem Plan steht Marokko, und wir freuen uns drauf!

 


4 Gedanken zu “Mittelmeerpassage I: Kaş bis Monastir

  1. Wow – ich habe mich schon sehr auf Euren Bericht zur Überfahrt gefreut. Danke! Ihr habt es Euch ja gleich richtig gegeben – Respekt!
    Viele Grüße aus South Carolina von Michaela

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    1. Hallo liebe Michaela,

      danke schön für Deinen Kommentar! Wir freuen uns immer über Feedback :). Geplant war das ja nicht so, aber das Wetter macht was es will und dann muss man’s so nehmen wie’s kommt. Es hat uns zumindest gezeigt, dass der Katamaran nicht so schnell umkippt *lach* Bist Du in South Carolina beheimatet oder dort mit dem Segelboot unterwegs?

      Viele Grüße
      Alex&Nicole

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      1. Hallo Ihr Zwei, wir hatten schon ein paar Mal über Instagram kontaktet. Wir sind mit unserem Laster in Nordamerika unterwegs und momentan in der Nähe von Charleston. Ich bin schon sehr gespannt auf Eure Erlebnisse bei der Atlantikpassage …
        Viele Grüße Michaela (und Peter von exploring509.de)

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      2. Hallo Michaela,
        ja, wir können uns an Euch erinnern. Wir sind gerade in Tenerifa angekommen und werden hier noch eine Woche oder so klettern gehen. Ich habe gesehen, das Ihr das gleiche Hoppy habt 😉 Die Passage werden wir dann von hier aus angehen. Wir sind auch gespannt. Wir wünschen Euch eine gute Reise und tolle erlebnisse, vielleicht seit Ihr ja zur gleichen Zeit im Norden von Südamerika.

        Viele Grüße
        Alex

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