Mittelmeerpassage II: Monastir bis Al Hoceima – und eine Verfolgungsjagd

In Monastir versuchen wir die weitere Route zu planen. Weil wir nicht in einem Rutsch von Marokko gleich durch die Straße von Gibraltar wollen (und vielleicht aufgrund Wind und Strömung auch gar nicht können), wäre ein weiterer Aufenthalt in einer Marina kurz davor wünschenswert. Wir wollen unbedingt nach Gibraltar wegen möglicherweise guter Einkaufsbedingungen, aber keine der Marinas hat Platz; wir bekommen nur Absagen. Ich hatte bereits gelesen, dass man Gibraltar schon Monate im Voraus reservieren muss, aber bei unserem planlosen Vorankommen ist Planen eben schwer. Ich versuche es mit Ceuta, der spanischen Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, aber da meldet sich überhaupt niemand. Als Alex versucht dort anzurufen, ist die Verbindung derart schlecht, dass wir keinen Schritt weiter sind.

Die Halyard vom Code 0: bereits nach nur 11 Tagen auf See durchgescheuert durch eine Schraube mit scharfen Kanten

Noch vor der Abreise aus Monastir kümmere ich mich um neue Medikamente gegen Seekrankheit und tausche die Medpamid aus der Türkei gegen Domper; eine deutlich bessere Wahl wie sich herausstellen soll. Alex geht noch auf den Mast, weil er alles checken will, bevor es weitergeht, und findet eine ordentliche angescheuerte Code 0 Halyard (Fall)! Bereits nach nur 11 Tagen ist der Schutzmantel komplett durch und beim Dyneema-Kern fängt es bereits an. Bloß gut, dass wir auch dieses Fall erneuert hatten! Hätten wir das originale Polyester-Fall gelassen, wäre es höchstwahrscheinlich durchgescheuert und wir hätten unser Code 0 verloren. Alex findet die Ursache sehr schnell: eine Schraube mit scharfem Grat am Mast! Mit Schmirgelpapier bewaffnet macht sich Alex an die Arbeit, kürzt dann das Fall um die zerfetzte Stelle und schon können wir wieder los.

Am 15.09.2019 gegen 9:30 Uhr verabschieden wir uns herzlich von Janice und Rosario, die uns als Abschiedsgeschenk Kahlúa in die Hand drücken, manövrieren uns gekonnt aus der engen Parkbucht (mit der Mooringleine im Weg) und steuern bei ruhigem Wetter Richtung Sizilien.

Zwischen Tunesien und Sizilien werden wir zum ersten Mal von einem Kriegsschiff angefunkt, das gerne wissen möchte, wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir wollen. Wir sind ganz aufgeregt. Das Wort „warship“ spricht der Funker für unsere Ohren so missverständlich aus (wobei das eher am VHF als am Funker liegt), dass wir uns ständig angesprochen fühlen, auch wenn er eigentlich andere Boote meint und funken – buchstäblich – ständig dazwischen. Gott sei dank hat das tunesische Kriegsschiff viel Humor. An der Stelle ist Tunesien gerade mal 140 km von Sizilien entfernt, ein Katzensprung, was uns bis dato gar nicht so bewusst war.

Fliegenplage Mittelmeer
Fliegenplage: Hunderte Fliegen schwirren um uns herum

Am zweiten Tag haben wir eine unglaubliche Fliegenplage an Bord. Keine Ahnung, wo die so plötzlich herkommen. Hunderte, gefühlt tausende Fliegen umschwirren uns, sitzen überall, verwandeln das Boot in einen Swingerclub… Es ist widerlich und wir sind machtlos. Mit Fliegenklatsche bewaffnet gehen wir auf diese Viecher los; wir erschlagen unermüdlich hunderte, nur damit kurz darauf mehrere Hunderte nachkommen. Die ganzen toten Fliegen sind aber noch widerlicher und wir wollen weder herumlaufen noch essen. Am Abend im Dunkeln merken wir, dass Fliegen so etwas tun wie Schlafen: meist an der Decke verharren sie und sind träge. Mit der Rotlichtlampe und Staubsauger bewaffnet saugen wir sie einfach weg. Am nächsten Tag wiederholt sich selbige Prozedur und Alex schrubbt das Boot. Der Spuk dauert ganze zwei Tage, erst am dritten Tag sind nur noch wenige übrig.

Schließlich sind wir beinahe um Tunesien herum, haben die Bucht von Bizerte hinter uns gelassen und setzen Kurs auf die Straße von Sardinien. Es ist der 18. September 2019 um 1:14 Uhr in der Nacht: ich habe gerade Wache und döse meine 15 Minuten Power-Napping gerade ab, da taucht plötzlich ein schnelles weißes Motorboot mit starkem Außenborder neben uns auf, fährt dicht an uns heran. Ein oder zwei Insassen pfeifen ununterbrochen mit Seenot-Signalpfeifen. Wir beide sind blitzartig wach und rennen raus, das stetige Pfeifen und Geschrei ist Nerven aufreibend. Zu dem Zeitpunkt fahren wir gemütlich mit nur einem Motor, weil gerade Flaute ist und wir Diesel sparen wollen. Die Situation stellt sich für uns sehr bedrohlich dar. Sofort löschen wir alles Licht und schalten unsere Positionsleuchten aus (abgesehen vom Motorboot sind wir komplett allein auf dem Wasser), Alex wirft den zweiten Motor an und gibt Vollgas; wir fahren jetzt mit 8,6 Knoten durchs Wasser, die Bugwelle macht eine Annährung gefährlich. Das Motorboot bleibt trotzdem hartnäckig an unserer Seite. Wir sehen um die sechs Männer; einer von ihnen schreit uns etwas zu. Ich verstehe „Passport“, was in uns den Fluchtinstinkt nur noch verstärkt. Wir fahren Schlangenlinien, um das Boot nicht an uns herankommen zu lassen, aber das Motorboot ist hartnäckig und um ein vielfaches schneller als wir, es verfolgt uns weiter. Ununterbrochen ertönen die Signalpfeifen, unsere Nerven liegen blank. Alex ruft über Funk die Küstenwache um Hilfe, erfolglos! Wir sind zu weit vom Land entfernt: wir fahren so ziemlich exakt in der Mitte zwischen Algerien und Italien, an der Wassergrenze entlang. Dann meldet sich ein Inder von einem Frachter, der unseren Notruf hört und als Relay-Station unseren Funkspruch weitergeben wird. Zunächst lässt er sich noch von Alex kurz die Situation genau erklären, damit er der italienischen Guardia Civil die missliche Lage darlegen kann. Alex am Funkgerät, das Motorboot weiterhin neben uns, es läßt nicht ab, unser Angst verstärkt sich. Ich mache unsere Bodenklappe im Salon auf und hole Konservendosen raus und werfe unsere Thunfisch- und Maisdosen auf das Boot. Endlich lassen sie sich weit zurückfallen und wir denken schon, sie würden nun von uns ablassen, aber sie kommen wieder und holen schon nach wenigen Minuten wieder auf. Erneut sind sie backbord neben uns und machen Krach. Ich habe das Ruder übernommen und steuere MOCEAN weiter mit Höchstgeschwindigkeit im Zickzackkurs, Alex rennt zum Funkgerät, denn plötzlich meldet sich die Guardia Civil aus Sardinien. Er kommt nicht weit, es ist dunkel im Salon….. und leider ist die Bodenklappe noch auf……. und Alex guckt nicht nach unten und leider…. ist es dann passiert: Alex tritt in das offene Bodenfach, tritt unglücklicherweise auf eine Maisdose, sein Fußballen drückt den Deckel runter und der scharfe Rand schneidet sich tief in den Fuß bis aufs Fleisch rein. Er schreit, flucht, ich schalte den Autopilot ein und renne sofort hinein und bin entsetzt: eine große Blutlache hat sich bereits gebildet und das Blut fließt wie verrückt weiter den Fuß hinab. Wir werden immer noch lautstark verfolgt, unsere MOCEAN steuert jetzt per Autopilot Richtung Sardinien, in der Hoffnung, dass die Verfolger abdrehen, aber keine Chance. Ich renne nach unten ins Bad und hole Verbandsmaterial; Alex‘ Fuß braucht dringend einen Druckverband. Ich zittere so sehr vor Angst, dass mir Kompresse, Mullbinde und Tape beinahe aus der Hand fallen. Schnell ist der Druckverband gelegt und Alex kann mit der Guardia Civil sprechen. Leider ist deren Englisch eine Katastrophe, allerdings ist es gut genug um zu verstehen, dass sie uns nicht helfen können, solange die Verfolger nicht an Bord sind. Na toll, dann ist es ja wahrscheinlich schon zu spät, um Hilfe zu rufen. Wieder draußen hat das Motorboot die Seite gewechselt und versucht jetzt, steuerbord an uns heranzukommen. Wir drehen wieder ab. Wieder wechselt das Motorboot die Seite. Als sie aufschließen zeigen sie einen Kanister und rufen „Boisson!“ (sie wollen jetzt etwas zu trinken haben), aber wir glauben das nicht mehr und sind sicher, dass es ein Trick ist, um an Bord zu kommen. Seenot besteht ja offensichtlich nicht, wenn sie uns so hartnäckig verfolgen können. Wir sind gerade mal 70 NM von Sardinien entfernt – bei der Geschwindigkeit wären sie schnell an Land. Die ganze Jagd dauert über eine Stunde, etwas mehr als 8 nautische Meilen. Durch die Verletzung am Fuß ist Alex richtig sauer, die Männer werden sicher merken (müssen), dass wir Angst haben, doch lassen sie einfach nicht von uns ab. Als sie wieder neben uns sind, nimmt Alex unsere 4.000-Lumen-Lampe (das blendet ordentlich), leuchtet damit den Verfolgern ständig direkt in die Gesichter, damit sie nicht sehen, was wir tun und schreit: „I kill you! Go away! I kill you! Go away!….“, so lange, bis ihm fast die Stimme versagt und bis das Motorboot endlich abdreht. Mit ausgeschalteten Positionsleuchten, damit wir aus der Entfernung nicht so gut gesehen werden (es ist dummerweise Vollmond), rasen wir noch viele Meilen mit Höchstgeschwindigkeit weiter, bis wir uns einigermaßen sicher fühlen, dass wir nicht mehr verfolgt werden. Die ganze Zeit beobachten wir das Meer mit dem Fernglas, suchen den Horizont nach dem kleinen Scheinwerfer ab, den das Motorboot genutzt hat. Wir drosseln langsam sie Motoren und kommen nach und nach etwas zur Ruhe. Wenig später sehen wir wieder Lichter und glauben, von mehreren Motorbooten umgeben zu sein, doch das Radar sieht nichts und wir merken, dass es sich lediglich um beleuchtete Bojen als Navigationshilfen auf dem Wasser handelt. Gegen 3:15 Uhr bemerken wir ein großes Schiff neben uns: die Küstenwache oder ein Kriegsschiff der Italiener – ich kann aber in der Dunkelheit nicht erkennen, was genau es ist. Sie umkreisen uns im Dreimeilenabstand, fahren noch eine Weile neben uns und drehen dann langsam ab. Es tut gut, unter Schutz zu stehen, wenn es auch für uns etwas spät kommt. Ich brauche zwei Tage und vor allem zwei Nächte, um mich von diesem Erlebnis zu erholen. Zwei Nächte schalte ich aus Angst immer wieder die Positionsleuchten aus, sobald ich ein Licht oder überhaupt etwas blinken sehe, um uns zu verstecken – die Angst sitzt noch tief. Aber trotzdem sehe ich in der Nacht Dinge, die nicht da sind. Sobald es dunkel ist, steigt die Angst in mir hoch – schrecklich; ich kann nichts dagegen tun. Alex‘ Fuß sieht schlimm aus: Als ich den Druckverband am nächsten Tag wechsle, versuche ich, die Schnittwunde mit Klammerpflaster so gut es geht zu schließen. Wie so oft haben wir riesiges Glück, dass sich die Wunde nicht entzündet. Jeden Tag bange ich und rieche an dem Fuß, behandle die Stelle mit Jodsalbe, desinfiziere jeden Tag seinen Fuß, weil Alex‘ ihn nicht waschen kann. Unglaublich, aber wahr: wir haben nicht genügend Verbandsmaterial für die Tage bis Marokko an Bord! Da haben wir an alles gedacht, nur daran nicht. Ich versuche, so gut es geht das Segeln für die nächsten zwei Tage zu übernehmen, aber Alex kann sich nicht schonen und rennt trotz Verletzung immerzu herum. Die tiefe Wunde geht dabei natürlich immer wieder auf.

Der weitere Weg ist angenehm, seglerisch nicht anspruchsvoll: wir haben kaum Wind, versuchen, die Böen zum Motorsegeln zu nutzen. Erst am 6. Tag kommt wieder etwas Wind auf mit 12-14 Knoten. Dann nahe der Balearen entkommen wir gerade so einem heftigen Sturm. Von Algerien halten wir uns so fern wie nur möglich und fahren nahe der spanischen Küste. Mit Erreichen des Alborán Meeres (westliche Teil des Mittelmeeres) wird es immer enger und damit auch „voller“; zumindest können wir jetzt einige Schiffe um uns herum auf dem Radar und AIS sehen. Kurz vor unserem Ziel begleiten uns wieder Delphine; sie sind in dem ruhigem Wasser dieses Mal besonders gut zu sehen.

Am 21.09.2019 überqueren wir den Nullmeridian und befinden uns nun – geografisch – im Westen.

Am 24. September 2019 u 12:00 Uhr erreichen wir wohlbehalten und bei schönstem Wetter Al Hoceima in Marokko.

Route Monastir - Al Hoceima
Unsere Route von Monastir (Tunesien) nach Al Hoceima (Marokko)

Gebucht haben wir nichts und hoffen einfach das beste. Mein Funkspruch an die Marina wird prompt und in bestem Englisch (!) erwidert – es ist das erste Mal, dass ich über Funk das Gesagte ganz klar verstehe. Wir sind die einzigen Gäste (da bereits außerhalb der Saison) und bekommen einen ganzen Steg für uns allein. In der Marina liegen sonst nur kleinere Boote, so sind wir eine kleine Attraktion. Der Check-in verläuft reibungslos, schnell und ohne Gebühren. Derzeit befindet sich die Marina im Aufbau, die Behörden befinden sich allesamt in der Marina, allerdings derzeit in noch provisorischen Containern. Alle sind furchtbar nett zu uns. Unsere Pässe müssen gestempelt werden, also fährt ein Mitarbeiter der Immigration in die Stadt, um es für uns zu erledigen und bringt uns die gestempelten Pässe sogar zum Boot! Wir fühlen uns sehr herzlich willkommen und wollen mindestens 5 Tage bleiben.

Marina Al Hoceima, Marokko
Unser Platz am Steg in der Marina Al Hoceima, Marokko

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