6.000 km durch Russland und ein Plan

Wir wollen auf dem schnellsten Weg von der Mongolei nach Georgien. Das sind 6.000 km durch Birkenwälder und Sumpfgebiete links und rechts der Straße. Da wir nur Single-Entry-Visa haben, können wir nicht durch Kasachstan, was bedeutet, dass wir einen großen Bogen um dieses Land machen müssen. Ulan-Ude, Irkutsk, Krasnojarsk, Atschinsk, Kemerowo, Nowosibirsk, Omsk.

Von Omsk geht es über Samara und Wolgograd Richtung Georgien. 6.000 km, die irgendwann langweilig werden und kaum Platz für einen interessanten Stellplatz bieten. Wir fahren jeden Tag 300-400 km; nur wenige Verschnaufpausen gönnen wir uns, weil die Zeit mal wieder rennt. Die Russlandvisa laufen nur 30 Tage und wir wollen nicht riskieren, es nicht pünktlich bis zur russisch-georgischen Grenze zu schaffen. Unsere Registrierungsversuche schlagen fehl: da wir uns in Russland bei einem Aufenthalt von länger als 7 Tagen registrieren müssen, halten wir an verschiedenen Hotels, aber keines möchte uns den Gefallen tun, ohne dass wir tatsächlich an Ort und Stelle übernachten. Die Vorgaben der Hotels selber hätten sich dramatisch verschärft und eine bloße Registrierung (trotz „Bearbeitungsgebühr“) sei nicht mehr drin. Nach dem drittem Hotel geben wir entnervt auf und beschließen, uns überhaupt nicht mehr registrieren zu lassen. So eine Zeitverschwendung. Und wenn uns die Russen für ein Jahr sperren wollen, ja so sei es dann eben, wir wollen eh nicht zurück. Da wir aber dennoch Respekt gegenüber der russischen Bürokratie haben, frage ich doch noch mal vorsichtig bei unserer Agentur in Deutschland nach, die die Visa besorgt hat.

Deren prompte Antwort lässt mich auflachen: „Sie werden nicht verhaftet!!!“ steht da gleich als erstes. Na, das ist doch schon mal sehr positiv, denn es kursieren ganz andere Folgen des Regelverstoßes im Internet. Alles andere lässt sich wohl regeln. „Höchstens eine administrative Strafe; ca. 2.000 Rubel pro Person. Das kann man verkraften.“ steht da weiter. Joa, das kann man in der Tat verkraften, also fahren wir vergnügt ohne Registrierung weiter zur Grenze.

Alex ist aufgeregt. Wir haben den Plan gefasst, in Europa einige Häfen abzuklappern, um nach einem brauchbaren Boot Ausschau zu halten, das uns gefallen könnte. Während ich ganz offen jetzt schon dem Benz nachtrauere, zeigt sich Alex extrem optimistisch und fröhlich, weil der Plan, auf dem Boot zu leben, nun „endlich“ greifbar nah ist. Er liest und tut und macht, recherchiert bereits die möglichen Häfen, die auf dem Weg liegen und vielversprechend klingen. Auch die Boote, die in Betracht kommen können, werden genauestens auf den Fotos angeschaut, verglichen, denn welcher Hersteller es sein soll, ist noch nicht zu 100% klar. Alex träumt bereits seit Jahren von einer Lagoon, aber eine Fountaine Pajot macht ebenfalls einen guten Eindruck. Jedes Modell hat so seine Vor- und Nachteile. Ich bin immer noch dafür, den Benz nach Kanada zu verschiffen, weil ich es für zu verfrüht halte, jetzt schon umzusteigen, schließlich haben wir viel Zeit und Herzblut in den Bau des Benz investiert. Wir können uns darauf einigen, dass, sollten wir kein passendes Boot für uns finden, die Verschiffungsoption immer noch zur Debatte stünde, obwohl Alex bereits jetzt schon deutlich macht, auf die Fahrerei keine Lust mehr zu haben. Denn klar ist: sollten wir nach Halifax verschiffen, würden wir auch – und zwar insbesondere – Alaska sehen wollen und wir müssten in der kurzen Zeit von einem halben Jahr (wegen Winter) Kanada durchqueren, um überhaupt erst nach Alaska zu gelangen, dann Alaska und den ganzen Weg wieder zurück – insgesamt wieder eine wahnsinns Fahrerei. Auch der Staub der Schotterpisten, der Alex bisher so zu schaffen gemacht hat, wäre wieder da. Wir reden jeden Tag über einen Wechsel aufs Boot. Der Wunsch, auf dem Boot zu leben, wird bei diesen Gedankengängen im Laufe der 6.000 km immer größer. Daher machen wir uns bereits Gedanken, wohin wir mit dem Boot segeln und welche Route wir einschlagen könnten, obwohl wir noch nicht mal segeln können; das kann Alex nämlich nur in der Theorie. Ich habe von überhaupt nichts auch nur eine Ahnung. Mit dem Segeln habe ich mich nie beschäftigt, wollte zwar mal einen Sportbootführerschein machen, habe es jedoch nie in Angriff genommen und auf einem Boot zu leben war für mich bisher so weit entfernt wie die Erde von Alpha Centauri – also Lichtjahre. Außerdem wird mir ganz gern schlecht auf einem Boot, bin allerdings gewillt, alles zu tun, damit es mir gutgeht.

Während Alex also weiterhin Boote anguckt, gucke ich Relief-Bänder an, die man um das Handgelenk wickelt und die Stromstöße abgeben, auf höchster Stufe wie beim Weidezaun, um dem Unwohlsein entgegenzuwirken. Ich bin jetzt schon gespannt, wie und ob überhaupt so ein Band wirkt; im schlimmsten Fall gibt es ja immer noch Scopolamine. Kurz kommt uns der Gedanke, dass es vielleicht klüger wäre, erst mal ein Boot zu chartern, um zu testen, ob es überhaupt das richtige für uns bzw. für mich ist. Aber wenn alles dumm läuft, das Wetter blöd ist, die Crew auch, dann würde uns aus falschen Gründen die Lust am Segeln vergehen und Alex hätte nie ein Boot sein Eigen genannt. Da es uns vor allem um das Leben auf dem Boot geht und wir unsere ganz eigenen Erfahrungen sammeln wollen und das auch noch alleine, geht das nur über einen Bootskauf. Und das bringt uns dazu, schon mal über einen Namen für die Yacht nachzudenken, die bisher lediglich im Kopf existiert. Da Vorfreude aber bekanntlich die größte Freude ist, sammle ich Namen, die entweder klangvoll, lustig oder/und irgendeine Beziehung zu uns / unserem Leben haben. Die Liste wird während der 6.000 km ständig erweitert durch Namen wie Samara, Nica, Nali, „irgendwas mit ‚belle‘, bella‘ am Ende“, weil das so schön klingt, Cabela, Emira, Mahalia, Yamala, iCat, Unsinkbar II… Schnell sind wir uns einig, dass es kein Mädchenname, sondern ein eher sachlicher Name sein soll. Da fallen viele Ideen schon mal raus. Einen Namen habe ich relativ schnell im Kopf: Mocean, ein Wortspiel, das unsere Lebensweise „Leben in Bewegung“ (Living in Motion) widerspiegelt und sowohl „Emotion“ als auch „Ocean“ im Namen trägt. Perfekt, denke ich. Alex braucht noch etwas Bedenkzeit.

Das Abenteuer, es alleine zu schaffen, reizt. Jedenfalls sind wir uns einig, dass wir uns in der Türkei die ersten Boote einfach mal anschauen und weiter nach Griechenland bis Spanien vorarbeiten wollen, um dann in der EU ein Boot zu kaufen. Alles weitere wird sich schon irgendwie ergeben…

Mit diesen positiven Gedanken und größer werdender Vorfreude arbeiten wir uns mühsam bis zur Georgischen Grenze vor, die wir am 13. Oktober 2018 erreichen.

Kaukasus zur russisch-georgischen Grenze
Im Kaukasus: enge Straße zur russisch-georgischen Grenze
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