Ein Hurrikan namens BERYL

Wir ankern in der großen Bucht von Sainte Anne, als sich etwas auf dem Atlantik zusammenbraut. Zunächst sieht es so aus, als würde sich die Depression nicht weiter entwickeln, doch dann ändert sich plötzlich am 28. Juni 2024 die Situation: nur gute 3 Tage verbleiben, bis der erste große Sturm der Hurrikansaison (Mitte Juni – Mitte November) über die südliche Karibik fegen wird. Leider haben wir die nördliche Karibik zu früh verlassen, denn die ersten Stürme gehen immer über die mittlere bis südliche Karibik. Damals bei ELSA haben wir den Sturm auf St. Barths abgewettert, aber nun sind wir auf Martinique und der Hurrikan soll zunächst genau zwischen St. Lucia und St. Vincent, dann direkt über St. Vincent (Grenadinen) hindurchgehen. Was also tun?

Während eine größere Gruppe von Seglern fluchtartig Martinique und die südlicheren Inseln verlässt, um noch gerade so rechtzeitig Trinidad und Tobago zu erreichen, hoffen wir, dass der Sturm nicht weiter hoch ziehen möge. Die Vorhersage kann ja immer nur vermuten, wo der Sturm tatsächlich entlangzieht; er kann also durchaus auch südlicher verlaufen. Und so behalten wir jeden Tag die Vorhersage im Auge. Ich kann seit dem 28. Juni nachts schon nicht mehr schlafen: was, wenn sich die Vorhersage irrt? Glücklicherweise ist Alex entspannter. Am 30. Juni rutscht der Hurrikan etwas tiefer: das Epizentrum geht nun direkt über die kleinen Inseln der Grenadinen und die Ausläufer des Sturms sollen sogar Tobago treffen.

Uns auf Martinique aber auch, und zwar mit angeblich 55 Knoten. Wir haben noch nie 55 Knoten erlebt. Ich bekomme Magenschmerzen. Wie sich das wohl anfühlt? Gilles meint, er hätte im letzten Jahr auch 50-55 Knoten (also ca. 100 km/h, 10 bf – schwerer Sturm) erlebt, allerdings an einer gut gewarteten Mooringboje in der Marina. Die Geräusche seien etwas ohrenbetäubend, aber grundsätzlich seien 55 Knoten nicht soooo schlimm.

Das Ankerfeld lichtet sich immer weiter. Noch am Tag vor BERYL bringen sich etliche weitere Segler in Sicherheit: in die Lagune von Le Marin und dort unter anderem in die Mangroven. Es gibt in der Lagune zwei rundliche Buchten, die von Mangroven bewachsen sind. Dort machen sich die Segler mit Heckleinen an den Mangroven fest; seitlich womöglich noch aneinander. Wir überlegen auch kurz, zumindest in die Lagune zu wechseln, vermuten jedoch, dass es wohl sehr voll sein wird und da sind ja auch jede Menge Riffe: wenn der Wind drehen sollte, will man da eigentlich nicht ankern. Außerdem ist der Ankergrund dort zum Teil sehr tief (d.h., teilweise kann man da nicht mal nach dem Anker tauchen), ist eher Schlamm statt Sand und wir haben ja nur 80m Kette. Auch die Fischer holen ihre Pangas und Boote von ihren Mooringbojen vor Sainte Anne weg.

Ich zähle am späten Nachmittag in der riesigen Sainte-Anne-Bucht immerhin noch 60 Segler, die mit uns den Sturm durchstehen wollen.

60 Segler klingt viel, aber für eine so riesige Bucht ist das extrem wenig. Jeder Segler hat mindestens 150m, eher 200m um sich herum Platz. Wir ankern um, um unsere Ankerkette auf mindestens 65m verlängern zu können, ohne jemandem dadurch zu nahe zu kommen, tauchen nach dem Anker und bereiten uns vor. Meine Magenschmerzen werden nicht besser. Wir checken die Segel, binden unser Groß nochmals fester, binden das Lazy Bag fest, verstauen unsere Surfbretter sturmsicher, installieren den Regenschutz am Steuerstand komplett, räumen alles weg, was wegfliegen kann. Laut Vorhersage sollen uns die Ausläufer des Hurrikans gegen 14 Uhr am 1. Juli treffen, dann bereits gegen 12 Uhr, später soll es schon gegen 10 Uhr ungemütlich werden. Immerhin haben wir eine ruhige Nacht. Denken wir.  Gegen 2 Uhr in der Nacht erreicht uns der erste Squall. Wir sind sofort hellwach und beobachten das Ankerfeld. Es wird wieder ruhiger und wir legen uns noch mal hin. Bereits gegen 6 Uhr am Morgen, also vier Stunden früher als erwartet, heult der Wind auf: der Sturm hat die Inseln erreicht. Zunächst ist es nur windig, dann prasselt der Regen auf uns herein.

Es ist zum Teil so viel Regen, dass wir nichts mehr um uns herum sehen können. Die Windgeschwindigkeit ist wesentlich geringer als angesagt: da wir unseren Windsensor auf „nicht sensibel“ eingestellt haben, können wir die Peaks nicht sehen, vermuten aber, dass sie ungefähr bei 40-45 Knoten (75-88 km/h = Sturm) liegen, was erträglich ist. Je höher die Windgeschwindigkeit, desto stärker sind die Vibrationen am Boot und desto höher klingt der Wind. „Hoffentlich wird das nicht noch mehr, das reicht mir schon!“ sage ich zu Alex. „Sieht doch gut aus!“ erwidert der Captain gewohnt entspannt. Zwischen uns und unserem Nachbarboot schwimmt gerade ein halbgesunkenes Fischerboot herum.

Gegen 14 Uhr kommen die Wellen. Und zwar seitlich aus Südwest. Wenn ich so die Boote beobachte, sind die Wellen bis zu 2m hoch: die Katamarane verschwinden zum Teil bis übers Bimini und mancher gar bis zum Großbaum, so dass nur noch der Mast aus dem Wasser schaut. Nicht alle Wellen sind so hoch. Es ist nicht so unangenehm, wie wir vermutet haben, da die Wellen in einem angenehmen Abstand kommen, so dass sich unser Boot nicht aufschaukelt.

Unser Katamaran bewegt sich sanft mit den Wellen auf und ab, liegt nur leicht schräg und fängt das Wanken gut ab. Anders die Monohulls, die ordentlich von einer Seite zur anderen schaukeln. Weit vor uns ankert zB ein Monohull, der sich so weit neigt, dass er seitlich komplett im Wasser liegt, und das trotz Ausleger – der rechte Ausleger wird später total verbogen sein. In diesem Moment frage ich mich, wie es sich wohl in so einem Boot anfühlt. Mehrere Boote ankern vor dem Strand in der Nähe des Club Med. Das sind zwar immer noch 300m vom Land entfernt, aber die Wellen werden dort bereits steiler und höher. Ich sehe, wie sehr sich die Boote dort zur Seite neigen. An unserem Boot schwimmt jetzt ein riesiger Lautsprecher vorbei.

Am späten Nachmittag geben wir Freunden und Familie Entwarnung: alles überstanden. Denken wir zumindest. Die seitlichen Wellen haben sich zwar nicht beruhigt, aber es ist auch nicht schlimmer geworden und wir haben uns daran gewöhnt. Gegen 20 Uhr spüren wir immer noch die „Nachwehen“: BERYL hat ein ziemlich großes „Einzugsgebiet“ und reißt über einen gewaltigen Bereich die Luftmassen mit sich. Immer noch heulen Böen auf uns herab, aber auch an die Geräusche gewöhnt man sich; es wird jedenfalls nicht schlimmer. Bis tief in die Nacht soll das noch so weitergehen, allerdings nur mit Böen bis 30 Knoten. Der Hurrikan ist jedenfalls schon durch und wir atmen erleichtert auf. Allerdings surfen wir die Wellen ab und werden dann aber vom Wind heftig zurück in die Bridle (Hahnepot, zur Umlenkung der Kraft/Last, die auf die Ankerkette wirkt) gedrückt. Das ruckt jedes Mal ordentlich, weil wir immer wieder plötzlich abgebremst werden, sobald sich die Kette gestrafft hat. Nur zwei Boote sind gerutscht und haben sich verlegt. Glücklicherweise ist ja genug Platz und glücklicherweise tagsüber, wo man was sieht. Ein Katamaran hat die Flucht ergriffen und hat sich unter heftigen Böen in die Lagune zurückgezogen. Laut Windkarte ist der Rand des Hurrikans sogar über Tobago gezogen, eine Insel, die eigentlich als Hurrikan-sicher gilt.

sieht aus wie auf hoher See; eine ca. 2m hohe Welle, die seitlich auf uns zurollt

Gegen 21 Uhr, wir haben schon längst gegessen, kommen plötzlich Dünungswellen. Und zwar von hinten! Zur Erinnerung: wir haben immer noch die seitlichen Wellen wie tagsüber und dazu kommen nun auf einmal noch hohe Dünungswellen aus Nordwest. Da der Wind immer noch mit 27-30 Knoten aus Südost, also aus der entgegengesetzten Richtung, auf uns bläst, sind die Dünungswellen entsprechend steil. Wir surfen mit einer Geschwindigkeit die Wellen am Ankerplatz (!) ab, dass uns ganz schwummerig wird. Es fühlt sich an wie auf hoher See. Ich sehe uns mit dem Boot bereits am Strand, weil ich denke, dass wir den Anker irgendwann herausreißen und mache mir Sorgen. Um das ständige Einrucken in die Bridle zu verhindern (der Wind bläst ja noch von vorne), startet Alex die Motoren und fährt das Boot rückwärts. Ich sitze mit am Steuerstand und beobachte in der Dunkelheit die Situation – stundenlang. Zwischen den Dünungswellen, die immer im Dreiergespann ankommen, ist immer etwas Ruhe. Es ist bereits Mitternacht, als die Dünungswellen immer höher werden. Dann wundere ich mich über den Krach, den ich plötzlich höre: in sichtbarer Nähe von uns befindet sich das Riff von Sainte Anne, über das jetzt die Wellen brechen, auch zwischen uns und dem Riff brechen zumindest die Wellenkämme. Mir wird schlecht. Ich sehe unser Boot jetzt sinken. Der Capitain ist weiterhin entspannt und beruhigt mich. Es ist bereits weit nach Mitternacht, als wir auf den Tiefensensor starren: die Dünungswellen sind jetzt 3m hoch. Ich sitze gerade auf der Stufe am Steuerstand, als mir mulmig wird und ich am liebsten schreien möchte: die Welle, die da kommt, ist so hoch, dass ich das Boot hinter uns in dem Schein von Sainte-Luce (wir können die Silhouette der Boote gut erkennen) überhaupt nicht mehr sehen kann und ich kann auch den Wellenkamm nicht mehr sehen, denn der verschwindet über unserem Dach. Unser Heck wird angehoben und wir sausen die Welle hinunter. Als der Wellenkamm dann auch noch anfängt, direkt neben uns zu brechen, bekomme ich richtig Angst. Selbst der Captain hat nun Respekt. Und dann machen wir etwas, das man eigentlich nicht tun sollte: wir ankern um. Unser Nachbar, der näher zum Riff stand, hat es bereits getan, also wollen wir es ihm gleichtun, da wir annehmen, dass es weiter draußen etwas ruhiger zugehen muss. Vor allem wollen wir uns noch weiter vom Riff entfernen, das eigentlich weit genug weg sein sollte und weil wir nicht wissen, ob die Wellen noch höher und steiler werden. Um 1:30 Uhr in der Nacht warten wir also ein weiteres Dreiergespann ab und holen schnell den Anker hoch. Prompt verfängt sich ein Fischerkorb in unserer Kette, aber ich kann ihn lösen. Wir verlegen uns einige 100m weiter nach draußen, ich werfe den Anker und lasse alles an Kette raus, was wir haben. Zu viel, denn plötzlich ist die Kette zu Ende und das Seil (der letzte Rest zwischen Kette und Befestigungsöse im Ankerkasten) bereits komplett draußen. Wir holen also wieder etliche Meter Kette ein, befestigen die Bridle, fahren den Anker ein und beobachten. Tatsächlich ist es hier etwas ruhiger, kein Brechen der Wellenkämme mehr. Wir überlegen noch, ob wir uns mit der Ankerwache abwechseln sollen, aber wir beide sind hellwach. Mit ist zwar übel, aber ich kann eh nicht schlafen. Und so stehen wir gemeinsam am Steuerstand, beobachten, warten. Gegen 3 Uhr in der Nacht beruhigt sich die Situation endlich etwas, so dass wir ins Bett gehen können. Wir sind jetzt todmüde. Wir surfen immer noch die Wellen ab und rucken in die Bridle ein, aber nicht mehr so heftig wie zuvor. Die See beruhigt sich nur langsam. Schlafen können wir nicht, da wir auf die Geräusche hören, aber schlummern etwas und können zumindest etwas ausruhen.

Am nächsten Morgen gegen 8 Uhr schauen wir uns das Ankerfeld an: allen Booten geht es gut, kein Boot ist an Land gespült worden. Wir freuen uns, dass wir das alle gut überstanden haben. Das Wasser ist extrem sandig und es wird Tage dauern, bis der sich wieder gelegt haben wird. Wir lichten den Anker und hängen schon wieder an einem der Fischerkörbe, die in der gesamten Bucht gut verteilt auf dem Boden liegen. So ziemlich an der gleichen Stelle wie zwei Tage zuvor werfen wir den Anker, geben 50m Kette, fahren den Anker gut ein, denn: schon am nächsten Tag, den 3. Juli, soll der nächste heftige Wind kommen: 35 Knoten (8 Bft = stürmischer Wind). Ein Kinderspiel. Wir nutzen den Tag zum Ausruhen und überlegen nach so viel Aufregung, ob wir mal Urlaub vom Urlaub machen sollten :).

Die Wellen des Sturms haben in Sainte Anne die Mauer zum Platz „Espace Vincent Placoly“ einstürzen lassen und den Handlauf aus der Verankerung gerissen. Die Mülltonnen stehen an anderer Stelle. Der ganz schön in die Jahre gekommene Pavillon vom Restaurant „Le M“, der an der Spitze eines Stegs über Wasser stand, ist etwas eingestürzt und eine ziemlich marode Terrasse hat es ebenfalls nicht überlebt. Überschaubare Schäden, wo doch die Wellen an der Küstenlinie am höchsten und heftigsten waren. Außerdem hat sich sehr viel Sargassum an den Stränden gesammelt und ein Panga (Fischerboot) ist auf den Strand geschossen. Auch der schöne aufblasbare Wasserspielpark am „Pirates Beach“ ist verschwunden und wurde durch die Wellen an verschiedenen Stellen angespült: er wird später einfach geflickt und wieder aufgeblasen.

Von dem stürmischen Schrecken müssen wir uns erst einmal erholen und werden erst mal gar nichts tun…

ein paar Tage nach dem Sturm

2 Gedanken zu “Ein Hurrikan namens BERYL

    1. Hallo Jimmy,

      keine Sorge, uns geht es sehr gut. 🙂 Die Zeit vergeht so schnell und wir sind mit so vielen Dingen beschäftigt, da geht die Webseite etwas unter. Es folgen aber bald wieder Beiträge.

      Viele sonnige Grüße aus der Karibik,
      Alex & Nicole

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