Barbuda steht, wie die Bahamas, schon lange auf meiner To-Do-Liste: traumhafter weißer Sandstrand, schöner steter Side-Shore-Wind zum Surfen. Und weil der Wind gemäß unserer WetterApp WINDY gerade so günstig aus Nordost kommen soll, motoren wir zunächst an St.Barths vorbei, hissen gegen 21:00 Uhr die Segel und segeln zunächst mit 16 Knoten (AWS) 50° am Wind. 60,5 NM ist es bis Barbuda, aber wir werden 80 NM aufgrund des ständig drehenden Windes segeln.
Denn leider dreht der Wind ganz verrückt von 48° auf 85° bis auf 120° (ganz falsch, weil wir plötzlich Richtung St. Kitts & Nevis segeln)… Erst gegen 4 Uhr in der Nacht dreht der Wind auf 22-23°. Zwischendrin schießt der Wind von 5 Knoten (wollen schon Segel einholen) auf mehr als 20 Knoten (wir reffen), flaut wieder komplett ab (müssen Segel komplett einholen), Wind legt wieder zu (wir hissen die Segel erneut), dann wieder eine Böe mit fast 30 Knoten (wir reffen schon wieder) und so weiter. Wir schlafen also überhaupt nicht, weil immer irgendetwas ist. Als ich während Alex’ Nachtwache daliege, denke ich so: „Nie wieder Am-Wind-Kurs!“ Angekommen am schönen Ziel vergisst man das aber ganz schnell wieder. 😄
Um 5:45 Uhr reißt eine unserer Reffleinen (das 1. Reff vom Groß). Wir machen alles fest und segeln mit verminderter Segelfläche; dadurch sind wir viel langsamer.
Gegen 15 Uhr schippern wir in die Cocoa Bay auf Barbuda um die Riffe herum und werfen auf 5,4m Tiefe im herrlichen Sand den Anker. Theoretisch müssten wir einklarieren, wollen aber nicht extra bis Antigua (und dann wieder zurück). Auf Barbuda müsste man sich vorher anmelden, aber es interessiert niemanden, dass wir hier sind. Wir bleiben 7 Tage; dann ist unser Essen alle und wir müssen gezwungenermaßen weiter.
Ich bin verliebt: wir stehen eine Woche lang vor dem traumhaften, 14km langen, weißen Princess Diana Beach, den wir zweimal zum Teil ablaufen und gehen surfen: ich bin zumindest mit einem Fuß bereits in der Schlaufe, denn die Konditionen hier sind perfekt: guter Wind und keine Wellen.
Alles wäre wunderbar, wenn… ja wenn da nicht doch schon wieder eine Sache wäre: der Ausverkauf. So wunderschön die 14km feinster Sandstrand auch sind: sie werden langsam mit Beach Clubs „verschönert“ und dabei ist Robert de Niro’s Beach Club Nobu Beach (ein Tony-Resort) noch am unauffälligsten. Der Barbuda Ocean Beach Club fällt dagegen mit vielen zweistöckigen Villen unangenehm auf und stört das idyllische Strandbild. Nachdem Hurrikan Irma die Insel im Jahr 2017 verwüstete, haben nun sogenannte Philanthropen diese Insel für sich entdeckt und gestalten sie nach ihren Wünschen um, ohne Rücksicht auf Natur und Einwohner – Katastrophenkapitalismus schimpft sich das, weil die Barbudaner aufgrund des Hurricanes flohen, während sich „Philanthropen“ wie deNiro und DeJoria (auch noch selbsternannter Umweltschützer) sich die halbe Insel mit juristischen Kniffen unter den Nagel rissen. Hauptsache, die Philanthropen können hier Golf spielen. Nicht ohne Grund empfinden die Barbudaner diese Vorgehensweise als Landbeschlagnahme – mit Unterstützung einer korrupten Regierung, die die Landesgesetze nach Irma mal eben änderte. Freie Fahrt für Immobilienspekulanten – was daraus wird, kann man überall auf der Welt beobachten. „Die Luxusprojekte sind so ausgelegt, das Land und die Ressourcen der Menschen in weitere Milliarden von Dollar für ihre persönlichen (also der Philanthropen!) Bankkonten umzuwandeln.“ sagte Mussington, Direktor einer Schule auf Barbuda.
Ich habe es schon einmal geschrieben: „Schutz“ bedeutet für Philanthropen immer genau das Gegenteil: Zerstörung; oder, um es mit Alex‘ Worten zu sagen:
Die Not ist unabdingbar für den Philanthropen. Seine Nahrung ist der Hunger anderer. Sein Glück ist es, nicht Menschlichkeit zu zeigen, sondern seinen Reichtum zu steigern.
Und hier geht nicht „nur“ um die Zerstörung eines wunderschönen Inselidylls, sondern auch um die große Zerstörung für das Leben eines Volkes, einer ganzen Gemeinschaft. Seit 1834 hatte Barbuda alles daran gesetzt, eben nicht zum zerstörerischen Massentourismus-Hub zu werden (wurde extra im Landesgesetz kodifiziert), das Antigua repräsentiert, wo täglich riesige Kreuzfahrtschiffe andocken. Plötzlich, nach Irma, wurde dieses Landesgesetz aufgehoben, um deNiro & Co freie Fahrt zu geben: ein Auftakt zur großen Enteignung – wie überall auf der Welt! Derzeit kämpfen die Barbudaner um ihr Land, so auch der lokale kleine Barbesitzer Enoch am Princess Diana Beach, den wir zusammen mit Andrea & Andreas, die wir tags zuvor kennengelernt haben, mit Rum Punch und Lobster-Essen unterstützen, damit er dort bleiben kann – vorerst, denn er erzählte uns, dass er einen langen Kampf geführt hat, der immer noch nicht vorbei ist.
Lesenswert hierzu (kann man sich auch auf Deutsch oder in andere Sprachen übersetzen):
The Intercept: „Environmentalist“ Billionaire building resort on protected wetlands
Und noch ein weiterer Artikel (im The Guardian) über die Landberaubung durch US-Investoren, um aus Barbuda einen Milliardärsclub (Barbuda = Antiguas privates Inselresort) zu machen:
Es bricht mir das Herz, dass dieses wunderbare Juwel in der Karibik dermaßen kaputt-bebaut wird. Und anstatt die durch Irma zerstörte Infrastruktur für die Locals wieder aufzubauen, ist die Regierung von Antigua & Barbuda nur an zerstörerischen Investoren (eher Invasoren) wie deNiro, deJoria & Co interessiert. Die eigene Bevölkerung? Egal. Denn auf Antigua leben ja auch zum großen Teil viele Superreiche, wie zB Eric Clapton, Oprah Winfrey, Georgio Armani, Richard Branson (der bereits Moskito Island in den BVI sein Eigen nennt) und auf Antigua gibt es bereits das Private Island Paradise Jumbo Bay Resort von Oetker Collection, jawohl, der deutschen Oetker Hotel Management Company GmbH, wo nur Superreiche residieren mit persönlichem Butler (Diener), Koch, House Manager, Putzfrau and Gärtner. Die Locals können sich also kaum noch das Leben in Antigua&Barbuda leisten. Da die Superreichen nach immer mehr kompletten Inseln greifen (wie auch Mustique in den Grenadinen), machen wir uns Gedanken darüber, ob nicht auf längere Sicht die gesamte Karibik leergeräumt werden soll…
Es ist fraglich, wie lange man hier noch am Strand spazieren und vor Land ankern kann, denn die Superreichen wollen ja ihre ungestörte Ruhe. Sie werden extra mit Helikoptern eingeflogen, wie wir jeden Tag beobachten können. Und unter diesem Gesichtspunkt wird schon wieder klarer, weshalb es das UN-Ozeanabkommen gibt, das u.a. 30% der weltweiten Land- und Meeresfläche (darunter auch Küstengebiete) „schützen“ will. Milliardäre spenden für „Umweltschutz“, füttern die entsprechenden NGOs und sie finanzieren auch die UN, ein undurchsichtiges Labyrinth der Finanzströme, an dem unter anderem auch die Bill & Melinda Gates Foundation sowie Gates GAVI, der National Philanthropic Trust (!), Rotary beteiligt sind. Was daraus wird, sieht man eben oben. Ein aktuelles Beispiel dafür ist übrigens auch Lahaina, Hawaii, wo reiche Investoren nach den verheerenden Bränden von August 2023 alles daran setzten, den Geschädigten (noch während diese versuchen, ihr Leben nach der Katastrophe wieder zu ordnen!) das Land billig abzuluchsen – schon vergessen? Witzig, dass die ganzen Milliardäre nach den ganzen wunderschönen Stränden und Inseln greifen, wo sie uns doch immer einreden wollen, dass der Meeresspiegel angeblich steigen wird… Daran sieht man wunderbar einfach, wie verlogen das Ganze ist. Wir Deutsche brauchen aber auch gar nicht so weit weg von zu Hause schauen; ich wollte nur aufzeigen, dass es ein weltweites Problem, eine weltweite Enteignung ist.

Wir können froh sein, dieses Naturidyll bzw. den Rest davon noch gesehen zu haben, bevor es die sogenannten „Philanthropen“ mit Hilfe des besagten UN-Abkommens komplett für sich absperren. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht, am Palmetto Point, liegt – wie passend – die Yacht Revelry von Milliardär Tom Love. Er verfügt übrigens über vier Privatjets.
Es war eine große Komödie der sentimentalen Verbrüderung, der warmen Worte und verschwommenen Gefühle, ohne dass jemand daran gedacht hatte, aus seinen edelen Gesinnungen die geringsten praktischen Konsequenzen zu ziehen: es war mit einem Wort Philanthropie!
Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit 1927-1931
Am 22. März verlassen wir schweren Herzens Barbuda und segeln eine Insel weiter.
