¡Adiós Panamá!

     Nachdem wir in den San Blas unser Code 0 gesetzt hatten, sind wir in eine Art Geschwindigkeitsrausch geraten: keine Wellen, leichter Wind. Das war aber auch endlich mal Zeit, denn im Jahr 2020 ist uns das Code 0 durch die nicht unerheblichen Fallböen vor Martinique gerissen und wir haben es von Segelmacher Rob auf Curaçao reparieren lassen (da sieht man mal, wie wenig wir das Segel eigentlich nutzen können) und nun konnten wir sehen, wie es im Wind steht (Antwort: wunderbar!). Wir haben uns zwar immer weiter vom Ziel in den San Blas entfernt, weil der Wind drehte, aber es machte einfach riesig Spaß, mit 9-10 Knoten unterwegs zu sein (wenn auch in die falsche Richtung, aber wann kann man das mal so richtig auskosten?), nachdem wir ja die meiste Zeit nur am Ankerplatz herumgeschwojt sind. Auch aus diesem Grund zieht es uns in die Bahamas: leichter Wind, keine Wellen – so zumindest unsere Erwartungen. Den schweren, umfangreichen Guide dafür schleppen wir seit der Türkei 2019 mit uns herum (nochmals Danke an Rosi!) und er soll nicht umsonst gekauft und uns mitgebracht worden sein. Ende August ist es jedoch noch viel zu früh, Richtung Norden aufzubrechen, weil wir leider das Ende der Hurrikansaison (Mitte bis Ende November) abwarten müssen, also zieht es uns nochmal nach Bocas del Toro, obwohl uns das widerstrebt: mit der Linton Bay hätten wir einen gar nicht so schlechten Ausgangspunkt, aber hier können wir noch weniger machen als in Bocas auf Isla Colón. Auch wenn uns der Nicaraguaner Carlos mit seinem tollen Obst- und Gemüsestand auf dem Gelände der Linton Bay Marina bereits ans Herz gewachsen ist, rufen uns erneute Bestellungen aus Amerika nach Bocas zurück, denn dort befindet sich ja unser Postservice. Optimistische 24 Stunden später sollen wir laut Kartenplotter wieder „zu Hause“ sein. Von einer Gegenströmung von 3-3,5 Knoten (teilweise sogar 4 Knoten) steht da nichts. Daher sind wir etwas zerknirscht, als sich unsere Ankunftszeit immer weiter nach hinten verschiebt und wir letztlich mehr als 1 1/2 Tage brauchen, weil wir mit nur 3,5 Knoten vorankommen.

Am Abend gegen 22:15 Uhr des zweiten Tages werfen wir also mal wieder den Anker vor unserem vertrauten Bocas Town im bereits bekannten Ankerfeld. Die Straßensituation im Ort hat sich nicht gebessert, im Gegenteil: jetzt gibt es nur noch einen Weg durch den Ort, alle anderen Straßen sind aufgerissen und gerade erst zugeschüttet worden und es wird dauern, bis das fertiggestellt ist. Wir können kaum atmen vor lauter Staub. Nur sonntags, wenn die Arbeit ruht, können wir unsere übliche 6km-Runde ohne Hustenanfälle drehen.

Weil die Zeit langsam rennt, bemühen wir uns schon mal um das Auffüllen unserer Dieseltanks. Der kurze Ausflug in die San Blas hat unseren Dieselverbrauch ganz schön durcheinander gebracht, weil an Segeln ja nicht (oder nur ganz kurz) zu denken war. Dabei können wir im Archipel Bocas del Toro vom Linton Bay-Preis in Höhe von 1$/Liter nur träumen. Am bequemsten ist natürlich das Tanken an der Tankstelle in einer Marina. Auf Isla Bastimentos kostet dann der Liter aber schon locker 0,50$ mehr – ganz schön viel. Das ist uns zu teuer. In der Marina vor Bocas Town kostet er auch immer noch 1,45$/Liter. Also hat Alex die Idee, dass, wenn wir sowieso schon spazieren gehen, eben mit den vier Kanistern in der Hitze zur 3 km entfernten Tankstelle auf der Insel, an der wir ohnehin vorbeikommen, laufen, dort die 80 Liter auftanken, mit dem gut klimatisierten Taxi (Pick-ups) zurückfahren (2$ für uns beide zusammen!) und so spielend unsere Tanks auffüllen, denn an der Tankstelle auf der Insel kostet der Liter „nur“ 1,249$. Super Idee! Den Aufwand betreiben wir zwei- oder dreimal, dann haben wir die Nase bereits voll. So aber kommt es, dass wir uns den Tischler, der sich auf dem Weg zur Tankstelle befindet, mal genauer ansehen: er fertigt hübsche Möbel in Handarbeit und wir fragen, ob er Lust und Zeit hat, unsere beiden Holzsitze am Bug zu erneuern, mit einem robusteren Holz. Hat er. Also geben wir ein Holzbrett ab (als Schablone) und bestellen zwei Holzsitze aus tropischem Almendro, ein besonders hartes Holz, das hier für Haus- und Stegbau verwendet wird und das ungefähr 100 Jahre hält (Scherz!), für 15$. Angeblich müssen wir keine Angst vor Termiten haben, weil das Holz so hart ist. Das ist gut, denn man weiß ja nie. Die Sitze sind unerwartet schwer, auch weil das Holz so dick ist, aber jetzt können wir abschleifen, so oft wir wollen. Montieren werden wir die Sitze aber erst in den Bahamas, weil wir sie nicht gleich mit zu viel Salzwasser taufen wollen (Bilder kommen also später).

Der Termin der Abreise rückt näher: wir müssen den perfekten Zeitpunkt abwarten, nämlich  kurz bevor die Tradewinde einsetzen, denn dann ist das Meer vor Panama ruhiger; später wird es ruppig. Wir treffen uns nochmal mit Jana, einer Deutschen, die zeitweise in Panama lebt, und stehen dann wieder (oder immer noch) vor unserem Dieselproblem: es hat sich nicht von allein aufgefüllt. Dieses Mal sind uns die Mehrkosten von insgesamt 14$ (Taxikosten bereits abgezogen) bei 80 Liter Diesel egal und wir bevorzugen den bequemen Weg: tanken in der Marina. Da wir direkt gegenüber ankern, ist der Weg mit dem Dingi äußerst kurz und als hätte ich es geahnt, haben wir uns zum genau richtigen Zeitpunkt zum Tanken entschieden: die Panamericana ist mal wieder gesperrt, weil u.a. gegen die Privatisierung der Kupfermine (an einen kanadischen Konzern) protestiert wird (Panama ist reich an Bodenschätzen wie Kupfer, Gold…). Ein guter Grund, aber falsche Adressaten wie immer, denn nun leiden statt des verantwortlichen Präsidenten die armen Panameños stark darunter wie schon letztes Jahr: Lieferungen, vor allem Lebensmittel kommen nicht an (Eier zB gibt es schon seit zwei Wochen nicht, kein frischer Fisch, kein frisches Fleisch; letztes Jahr wurde sogar massenweise Milch schlecht und musste entsorgt werden), überhaupt fehlt sehr viel aus der Kühltheke, aber auch Obst und Gemüse, Post kommt nicht an (was dem Dispatcher in Miami sicherlich Kopfschmerzen bereitet, denn der Pakethaufen in seiner Lagerhalle wird von Woche zu Woche größer) und Diesel ist natürlich auch ein Problem. Benzin fürs Dingi haben wir prophylaktisch immer einen Zusatztank voll an Bord, so dass wir uns darum keine Sorgen machen müssen, was gut ist, denn die Segler bekommen bereits kein Benzin mehr und sind auf die gute alte Paddeltechnik angewiesen. Also tanken wir noch schnell Diesel: „Bevor nichts mehr da ist!“ (m)ahne ich. Noch am Freitag ist das überhaupt kein Problem, also verschieben wir die restlichen 7 Kanister auf den kommenden Montag, den 6. November. Ein beinahe folgenschwerer Fehler. Ab Montag wird bereits rationiert (jeder bekommt nur noch einen Kanister Diesel) und nur weil wir flehentlich fragen, ob sie eine Ausnahme machen könnten, weil wir Panama verlassen wollen und dringend auf Diesel angewiesen sind, bekommen wir tatsächlich unsere 7 Kanister und sind sehr dankbar, denn wir wissen, dass wir, um in die Bahamas zu kommen, erst mal tagelang ohne Wind nach Osten motoren müssen – aus Bocas del Toro wegzusegeln ist nämlich gar nicht so einfach.

Wir kaufen noch alles ein, was gerade vorhanden ist, denn die Proteste sollen sich mindestens bis Mitte November hinziehen, höchstwahrscheinlich (es wurde bereits angekündigt) länger. Wir bekommen abermals zu spüren, was es heißt, wenn der Lieferverkehr zu Inseln eingestellt bzw. reduziert wird. Viele sind genervt. 

beim „Provisioning“ für die Überfahrt

Und dann heißt es am 7. November 2023: wir wollen ausklarieren. Dazu müssen wir zum einen zur Port Authority, die 105$ (!) fürs Ausklarieren abkassiert (das Einklarieren war ja schon nicht gerade billig), was uns derart sprachlos macht, dass wir mit dem Gedanken spielen, nicht mehr zurückzukehren. Und dann stellen wir auch noch zufällig fest, dass exakt an diesem Tag unsere verlängerte (eigentlich einjährige) Cruising Permission abläuft, was uns abermals sprachlos macht. Das hängt damit zusammen, dass an diesem Tag unser Bootsschein vom ADAC abgelaufen ist, der ja nur zwei Jahre gültig ist, warum auch immer. Und mit diesem Ablaufdatum läuft eben auch die Cruising Permission ab. Auch wenn wir die Jahresgebühr bezahlt haben, war sie nun weniger als ein halbes Jahr gültig. Hätten wir also bleiben wollen oder hätten wir zufällig später ausgecheckt, hätten wir nochmals die komplette Jahresgebühr mit dem neu ausgestellten Bootsschein zahlen müssen! Ganz schön happig. Und als ob das nicht genug wäre, wird ein weiterer Betrag fällig. Wir gehen zum Flughafen, um unsere Ausreisestempel abzuholen. Prompt werden wir von einem Mann von der Seite angesprochen: er sei vom Zoll und wolle jetzt unser Boot sehen. Da wir bereits ahnen, dass das nicht nur beim Schauen bleiben wird, sind wir nicht gerade begeistert davon und fragen, was das solle und wo überhaupt sein Büro sei – könne ja jeder kommen. Ich will ein Foto von seinem Ausweis machen. Da die Beamten mit privaten Telefonen (!) auch Fotos von unseren ganzen Dokumenten gemacht haben, finden wir das nur fair (und wer weiß, wo das alles landet), was nun jedoch den Zollbeamten säuerlich macht. Was war die Einreise doch schön, als sich alle noch vor lauter Angst in die Hosen gemacht und sich nicht aufs Boot getraut haben. Leider lässt sich der Zoll nicht abschütteln. Stattdessen begleitet er uns zum Dingi, auf dem Weg entsteht ein super freundliches Gespräch und unser Zollbeamter erzählt uns jede Menge über Bocas, regt sich (zu Recht) über die Ausbeutung des Landes auf (siehe Kupfermine) und zeigt uns, wo er wohnt. Letztlich sitzt er auf unserem Boot, hat sich nur flüchtig umgeschaut, irgendeinen Zettel ausgefüllt und will nun 40$ haben. Vom Vortag, als wir bereits in der Port Authority waren (weil man ja nie weiß, ob wir nicht wieder zufällig einen Feiertag erwischen; war tatsächlich so, zumindest in Bocas!) und wir wohlweislich bereits nach den Preisen gefragt haben, wissen wir, dass es eigentlich 100$ kostet (200$ nur fürs Auschecken!!!). Wir zahlen die 40$ in bar, die in seine eigene Tasche verschwinden, ohne Quittung (als ich danach frage, lacht er nur). Ich darf jetzt ein Foto vom Ausweis des gut gelaunten Zollbeamten machen und er lädt uns zum Insel-typischen Essen bei sich zu Hause ein (Schweineschwanz, Reis und Bohnen), sobald wir zurückgekehrt sind.

Da wir uns nicht sicher sind, ob wir wieder zurückkehren werden, sagen wir mal vorsichtshalber nicht „¡Hasta nunca!“ (Auf Nimmerwiedersehen), sondern nur ein unverfängliches „¡Adiós!“

Mit etwas Verspätung lichten wir noch am 7. November bei tollem sonnigen Wetter gegen 13:00 Uhr den Anker. Alex hat uns ein perfektes Wetterfenster rausgesucht: laut WINDY kaum Wellen und wenig Wind die nächsten Tage Richtung Osten sowie leichter Wind für die Tage Richtung Norden zu den Bahamas. Perfekt. Ich habe bereits vorsorglich seit 12 Stunden das Scopolamin-Pflaster hinterm Ohr kleben – mir ist also quasi alles egal. Wir sind super gut gelaunt, denn das glasklare, hellblaue Wasser sowie der viele Sandboden der Bahamas lockt!


5 Gedanken zu “¡Adiós Panamá!

  1. Wow, wow, wow. Ich bin immer wieder überrascht, dass ihr noch nicht Reisemüde seid. Ich war gerade 2 Monate in Südkorea unterwegs und war froh, wider eine größere Pause einzulegen.
    Aber klar. Euer Zuhause ist mit euch unterwegs.
    Sicher ein sehr großer Unterschied.
    Vielen Dank für den Update.

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    1. Hallo Silvio,

      schön, wieder von Dir zu hören! Reisemüdigkeit hat uns bereits ereilt, aber dann kommt doch wieder der Moment der Neugierde. Und nach 1 1/2 Jahren Panama, was ja quasi eine längere Pause war, durfte es dann wieder losgehen. Zwischendurch hatten wir jedoch schon Interesse an einem Grundstück in Panama oder einem Haus im ländlichen Frankreich oder eine Hütte im kanadischen Wald u.a. Also es ist nicht so, dass uns da nicht einige Ideen im Kopf herumspuken :). Aber es stimmt: wir haben unser Zuhause ständig dabei, das ist tatsächlich etwas ganz anderes.

      Viele sonnige Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit wünschen Dir

      Alex & Nicole

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      1. Wow. Vielen Dank für eure rasche Antwort. Wir leben in Capurgana, Colombia und seit 1 Jahr auch in Santa Marta.
        Wennhr Lust und Interesse habt was in Capurgana zu machen, dann meldet euch. Auch Santa Marta hat einen Jacht Hafen.

        Bin gespannt.
        Saludos Silvio

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      2. ¡Hola Silvio!

        ¿Cómo vas? Jetzt hatte ich Deinetwegen Zeitdruck, den nächsten Beitrag zu verfassen, weil ich sonst mit meiner Antwort die Überraschung vorweggenommen hätte :D. Wir sind zwar in Kolumbien, respektive in Cartagena, haben aber Schwierigkeiten, einen Marina-Platz zu finden, denn den letzten haben wir schon wieder verlassen müssen. Ich befürchte auch, dass es zur Weihnachts- und Silvesterzeit nicht gerade einfacher wird. Wir hatten tatsächlich schon überlegt, nach Santa Marta zu wechseln, aber erstens halten uns die 40 Knoten, die ständig (!) um Barranquilla herumwehen, davon ab, zweitens die starken Böen aus den Bergen, die angeblich mit 50-60 Knoten auf Santa Marta pusten und drittens habe ich gelesen, dass die Marina Santa Marta nach einem Impfzertifikat fragt (Stand November 2023)- da sind wir raus! Sobald sich der Wind etwas beruhigt, werden wir eher schnell nach Norden düsen, um später in die Ostkaribik zu gelangen. Sobald wir uns jedoch entscheiden sollten, eine Hurrikansaison in Kolumbien zu verbringen, kommen wir sehr, sehr gerne auf Dein liebes Angebot zurück!

        Viele Grüße aus dem turbulenten Cartagena,
        Alex & Nicole

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      3. Hallo Nicole
        Nun habe ich deine Antwort gelesen. Merci beaucoup. Ja, der Wind ist mühsam und leider im Dezember normal.
        Ich Reise viel trotzdem ich schon oder erst 68 bin. Und Santa Marta gefällt mir. Meiner Frau etwas zu heiß…….
        Aber ich bin vor 12 Jahren aus der Schweiz ausgewandert, weil es mir zu kalt war.
        Gerne bin ich weiterhin mit euch dabei. Wenn ich irgendwie helfen kann dann mache ich das gerne.
        Es grüsst Silvio

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