Eigentlich wollen wir gar nicht nach St. Lucia, aber erstens ist die eine Gasflasche leer und zweitens ist hier auf Martinique der Diesel so wahnsinnig teuer: 1,89€/Liter. Da wir unsere beiden Dieseltanks das letzte Mal auf Curaçao mit 1$/Liter aufgefüllt haben und sie nach den letzten Passagen leer sind, ist das ganz schön happig. Gut, dass man mal eben auf andere Inseln ausweichen kann, denn auf St. Lucia soll der Diesel, laut Gilles, umgerechnet „nur“ 1,19€/Liter kosten (ermäßigt nach Ausklarierung/Duty Free) – fast ein Schnäppchen. Da wir unsere Gasflasche ohnehin nicht auf Martinique nachfüllen können, lichten wir also den Anker und segeln mit wunderbar leichtem Wind von 9-18 Knoten und sanften Wellen rüber nach St. Lucia. Theoretisch würde das nur 4 Stunden dauern, wäre da nicht heftige Seitenströmung. Und so brauchen wir eine gute Stunde länger, um vom Süden Martiniques runter in die erste Bucht St. Lucias, in die Rodney Bay zu segeln.
Da wir schon mal hier sind, wollen wir gleich ein paar Tage bleiben, um uns die Füße zu vertreten. Das ist aber gar nicht so einfach, gute Tage dafür zu finden, denn entweder regnet es die ganze Zeit oder es ist ziemlich windig, so dass wir MOCEAN nicht allein lassen wollen. Und das ist auch gut so, denn an einem Tag treibt tatsächlich ein losgerissenes Motorboot durchs Ankerfeld. Das Einklarieren auf St. Lucia ist ein bisschen unsinniger geworden, weil man jetzt zusätzlich zu den bereits bestehenden Dokumenten eine Art „Passenger Locator Card“ ausfüllen muss, die für uns überhaupt keinen Sinn ergibt, weil wir weder im Hotel noch sonst eine Unterkunft auf der Insel haben, keine Flugnummer angeben können und ansonsten die Daten nochmals abgefragt werden, die wir ohnehin beim Einchecken angeben müssen. Telefonnummer und Email geben wir gar nicht erst an; das hat niemanden zu interessieren und wer weiß, wo diese Informationen landen. Diese ganze unsinnige Datensammelei fängt langsam an, uns richtig zu nerven. Kostentechnisch hat sich auf St. Lucia erst mal nichts verändert.
Damit sich der Aufenthalt auch gelohnt hat, will ich wenigstens mal in die „Stadt“. Von der Rodney Bay können wir unter anderem nach Castries (der sogenannten Hauptstadt der Insel) und Soufrière, da wo sich die beiden berühmten Pitons befinden. Theoretisch könnten wir auch direkt bei den Pitons an einer Mooringboje festmachen, aber wir haben nun mehrmals gehört, dass die Bojen nicht gewartet werden und einfach abreißen. Dumm, wenn dann das Boot auf die Felsen treibt, was Bekannten mit ihrer Lagoon42 bereits passiert ist. So soll uns nun also ein Minibus zum Ziel bringen. Im Bus sitzend lernen wir einen jungen Niederländer kennen, der vor einem Jahr eine junge Dame aus St. Lucia kennengelernt hat, die direkt zu ihm aufs Boot zog. Sie ist natürlich die beste Wissensquelle bezüglich der Verkehrsverbindungen auf St. Lucia. Für Soufrière seien wir ja sehr spät dran, um am selben Tag wieder nach Rodney Bay zu kommen. Da müssten wir sehr früh (so zwischen 5-6 Uhr) aufstehen. Also reicht es heute nur bis Castries. Ohnehin fährt der Bus gar nicht durch, sondern man muss in Castries um die Ecke laufen und in einen anderen Minibus umsteigen, der nach Soufrière fährt. Wir haben ziemlich viel Zeit, uns mit den beiden zu unterhalten, denn auf der einzigen Hauptstraße auf der Insel ist mal wieder Stau: zwei oder drei Auffahrunfälle blockieren den Verkehrsfluss. Das kommt hier ständig vor. Es erinnert uns an St. Martin. Die Minibusse haben keinerlei Klimaanlage und weil wir viel herumstehen, läuft uns der Schweiß in Strömen den Körper herunter. Aber auch der Fahrtwind kühlt nicht wirklich ab. Es ist dieser Moment, wo wir uns nach Winter mit Schnee sehnen. Ich sehe, wie Alex jetzt schon keine Lust mehr hat; mir geht’s genauso. Aber wenigstens wollen wir Castries mitnehmen.
Erst gegen Mittag kommen wir in der Hauptstadt an. Es ist ein häßlicher Ort mit Betonbauten und einer gruseligen Busbahnhofsgegend, die wir schnellstens verlassen. Es gibt nichts, was sich wirklich anzuschauen lohnt. Etwas unschlüssig laufen wir herum auf der Suche nach etwas Essbarem. Das erste Restaurant „The Balcony“ gefällt mir nicht und so suche ich verzweifelt nach einem hübschen Ort mit nettem Ambiente, am besten mit Aussicht…. Und ich finde es: „The Pink Plantation House“ klingt vielversprechend. Allerdings auch 2,5 km steil bergauf. Wegen der Aussicht. Ich vergewissere mich, dass Alex Lust auf eine kleine Wandertour entlang der Straße hat und so machen wir uns auf den Weg. In praller Sonne schnaufen wir ganz schön und haben schnell Durst. Hoffentlich haben die einen Tisch für uns, denke ich so, denn es ist gar nicht gesichert, ob wir da überhaupt essen können. Die schmale Straße ist dermaßen steil, dass so manches Auto nicht hochkommt und mehrmals „Anlauf“ nehmen muss, um mit quietschenden Reifen um die äußerst enge Kurve zu donnern. Oben angekommen finden wir das Restaurant nicht und wollen schon aufgeben. Wir fragen uns bei den spärlich vorhandenen Locals durch und stellen fest, dass wir in der Parallelstraße gelandet sind. Vor dem Tor des „Pink Plantation“ werden wir, die triefend nass und völlig verdurstet und fix und fertig mit hochroten Köpfen völlig verzweifelt dastehen, freundlich darauf hingewiesen, dass man erst die Verfügbarkeit eines Tisches prüfen müsse. Plötzlich wird Wasser sehr wertvoll und man würde jeden Preis zahlen. Glücklicherweise dürfen wir Platz nehmen und finden uns in einem hübschen, schattigen Regenwald-Restaurant mit grandioser Sicht auf Castries wieder. Als wir der Kellnerin unser Leid klagen, dass wir vom Hafen Castries bis hier auf den Berg gelaufen seien, um unser Aussehen zu erklären und auch, weshalb wir um schnellste Übergabe eines erfrischenden Getränks bitten, ist sie erstaunt: kein Tourist rennt hier den Berg hoch.
Das Restaurant ist exakt das, was ich mir vorgestellt und gewünscht habe: eine kleine ruhige, grüne Oase fern vom Getümmel Castries. Das Essen ist üppig und lecker. Fast wollen wir gar nicht wieder weg und nur widerwillig erheben wir uns von den Stühlen. Der steile Weg hinunter ist genauso anstrengend wie das Hochlaufen. An einer Ampel an der Hauptstraße dürfen wir in einen Minibus nach Rodney Bay reinhüpfen und passieren wieder zwei Auffahrunfälle. Wieder läuft der Schweiß in Sturzbächen am Körper herunter. „Bei den ganzen Unfällen und der Hitze hab‘ ich aber keine Lust, noch mal in so einen Minibus zu steigen, um nach Soufrière zu fahren.“ Mir ist das recht. Und so bleiben wir trotzdem insgesamt zwei Wochen in der Rodney Bay, bevor wir ausklarieren, mit MOCEAN die schmale Hafeneinfahrt entlangtuckern und die Dieseltanks (immerhin 620 Liter, inklusive unserer Zusatzkanister) auffüllen: auch das Tanken an sich ist hier deutlich entspannter als auf Martinique, weil kein Gedrängel. Am nächsten Tag nutzen wir die für uns günstige Strömung und sausen die 30 NM mit max. 10,2 Knoten (durchschnittlich 7,8 Knoten) bei nur 13-16 Knoten (TWS) und 55° am Wind zurück nach Martinique.
