Schlaflos in Cartagena

Um es in wenigen Worten zu beschreiben, wie wir Cartagena erlebt haben: wie ein Urlaubsort in Spanien. Zumindest die Stadtteile, die uns vom Marinapersonal als ungefährlich deklariert wurden, die da wären:  Boca Grande, Centro (Altstadt), San Diego, La Matuna, Getsmani sowie Manga.

Nur in diesen Gebieten sei es ungefährlich, herumzulaufen. Und so arbeiten wir halbtags am Boot, um an den Nachmittagen/Abenden Cartagena kennenzulernen. Cartagena ist laut und es wimmelt hier vor Menschen. Verglichen mit dem beschaulich-ruhigen Panama (einschließlich Panama City, wo sich das Leben größtenteils innen abspielt) ist es, als wären wir in Europa in einem der vielen Partyorte gelandet. So voller Leben! So viele Menschen haben wir schon lange nicht mehr gesehen: ab März 2020 hatten alle plötzlich Angst und in Bocas del Toro sind die Touristen entweder mit den vielen Taxibooten auf der Jagd nach Delphinen und Faultieren unterwegs oder genießen ihren Aufenthalt am Hotel eigenen Strand. Während wir in Panama noch davon ausgegangen sind, dass sich die Zahl der Touristen merklich reduziert hat, sind in Cartagena umso mehr (natürlich vor allen Dingen Kolumbianer): sie sind in den unzähligen Restaurants aller Preisklassen, in den Partybussen (Busse, die mit den tanzenden Gästen durch die Gegend fahren), in den Partybooten, die mit ohrenbetäubender Musik ihre Hafenrundfahrt drehen. Und so essen wir auf dem Bürgersteig sitzend und Leute beobachtend unsere kolumbianischen Arepa (die nach nichts schmecken), laufen die vielen schmalen Gassen in der Altstadt ab, bevor wir wieder in die ruhige Marina zurückkehren. Die Altstadt sowie Getsmani mit den kleinen Grünanlagen zum Ausruhen gefallen uns unglaublich gut!

Unser Lieblingsessen (weil günstig und lecker) sind die Hähnchen- und Rindfleischspieße vom kleinen Straßenimbiss an der Plaza de la Trinidad direkt gegenüber der Kirche (im Stadtteil Getsmani) – um unseren Geldbeutel immer mal wieder zu schonen, gehen wir also immer wieder dort für umgerechnet ein paar wenige Dollar essen. Das Bier kommt aus dem Kiosk nebenan oder von einen der netten Straßenverkäufer. Herrlich sind auch die Trinkbecher gefüllt mit frisch geschnittenen Mangostücken für umgerechnet nur 1 Dollar, die wir uns so oft es geht als gesunden Snack holen.

Als Fußgänger lebt man zumindest in Cartagena nicht ganz ungefährlich: es gibt Zebrastreifen, die ich ziemlich optimistisch überqueren will, dann aber feststellen muss, dass so ein Zebrastreifen für kolumbianische Autofahrer eher völlig unnötige Straßendekoration ist, denn ich werde fast überfahren. Die bremsen da auch nicht ab; gefühlt geben die sonst ziemlich netten Kolumbianer eher noch Gas. Als mich Alex das zweite Mal vor dem fast sicheren Tod am Zebrastreifen rettet, entzieht er mir meine Fußgängererlaubnis, die ich nur sehr schwer wiedererlangen werde: ab jetzt darf ich nur noch an Alex‘ Hand die Straße überqueren und er bringt mir bei, wie man artig nach links und rechts schaut 😄.

Wir wollen auf den Berg, der über Cartagena thront, und dort zum „Monasterio de la Popa“. Dort wollen wir jedoch nicht mit dem Taxi hinfahren, wie wohl üblich, sondern hinlaufen, weil es uns an Bewegung ja eher mangelt. Wir pirschen uns also gerade über die Via la Popa an, als uns Leute irgendwas auf Spanisch zurufen, das wir jedoch nicht verstehen und einfach ignorieren. Als wir die letzten Häuser passieren, sind die Rufe nicht mehr zu überhören, also hören wir uns mal an, was ein Anwohner so sagt. Wir verstehen nicht alles, wohl aber das Wort „peligroso“. Leider verstehen wir nicht, was genau denn „peligroso“, also gefährlich sein soll. Werden wir da überfallen? Sind es die verrückten Autofahrer? Wieder weiter unten an einem kleinen Park sprechen wir einfach Polizisten auf Motorrädern auf Spanisch an und fragen sie. Es scheint so, dass wohl Autofahrer das Problem seien, die einen überfahren könnten, weil es keinen Bürgersteig zum Monasterio gibt. Wir bedanken uns und sie schütteln uns sogar lachend die Hände, nachdem wir auf ihre Frage geantwortet haben, woher wir seien. Als Deutscher ist man überall sehr gerne gesehen.

Wir laufen außerdem die riesige Runde von der Marina aus um Boca Grande herum (eine Landzunge bestehend aus Hotels, Hotels, Wohnhäusern und nochmal Hotels)

und landen schließlich vor dem Hotel Caribe im Kiosco „El Bony“, einem Strandimbiss, das der 75jährigen kolumbianischen Boxlegende Bonifacio Ávila Berrío, kurz „El Bony“ gehört. Am Ende sind wir all unser Geld los, weil wir angenommen haben, dort, wie überall sonst, mit Karte zahlen zu können. Wir würfeln also unsere gesamten kolumbianischen Pesos mit den US-Dollar zusammen und sind gerade so liquide – nur noch wenige Cent sind übrig.

So sind die insgesamt 18 Tage in der Marina unglaublich schnell um. Das Boot ist innen und außen entsalzt, glänzt wieder, die Wassertanks sind aufgefüllt und leider müssen wir unseren Marinaplatz hergeben, weil der nächste Mieter schon kommt. Unsere Einklarierungsdokumente haben wir immer noch nicht. Das Wetterfenster für die Bahamas ist noch nicht in Sicht. Das Problem sind die starken Winde, die um Barranquilla herumwehen und die uns davon abhalten, den Schutz von Cartagena aufzugeben, denn hier bekommen wir von den starken Winden (und damit einhergenden Wellen) nichts mit.

Und der ewige Sonnenschein, der ständige blaue Himmel über Cartagena ist beeindruckend! Wir hatten lediglich an zwei Tagen schlechteres Wetter, ansonsten keine einzige Wolke am Himmel. Außerhalb der Marina halten wir es kaum aus: nicht nur in der Stadt wird laustark gefeiert, sondern auch auf dem Wasser! Das bedeutet, dass bis tief in die Nacht Partyboote mit ohrenbetäubender Musik dicht an uns vorbeifahren. Zudem gibt es jeden Tag ein oder mehrere Feuerwerke. An Schlaf ist da immer erst tief in der Nacht zu denken (für mich, die bei Krach nicht einschlafen kann jedenfalls). Dazu kommen die permanenten Wellen durch die Boote ab 6:30 Uhr morgens bis spät in die Nacht, die MOCEAN ständig durchschaukeln. Ja, wir sind Segler und Wellen mehr oder weniger gewohnt, aber am Ankerplatz sollte möglichst nichts vom Tisch fliegen. Als dann ein Feuerwerk direkt vor MOCEAN auf dem Wasser von einem Panga (Boot) aus gezündet wird, wir am nächsten Morgen die vielen Papierschnipsel vom und im Boot einsammeln, schauen wir in die WetterApp und hoffen auf ein günstiges Wetterfenster. „Ich will nicht zu Weihnachten und schon gar nicht zu Silvester hier sein. Mach, dass der Wind passt!“ fordere ich Alex lachend auf. 

Kurz recherchieren wir, ob wir nicht noch in Santa Marta (Norden Kolumbiens) einkehren sollten. Unsere Agentin Nicole hat nämlich kein Problem damit, uns in Santa Marta wieder auszuchecken. Leider reagiert die dort ansässige Marina nicht auf unsere spanische Anfrage und nach Konsultation zweier Seglerpärchen sollten wir da auch nicht ankern: dort wird viel geklaut (das habe ich vorher schon gelesen), die Fallwinde seien nicht ohne und die lokalen Fischer sollen nicht gerade nett zu Seglern sein. Die letztendliche Entscheidung nimmt uns aber tatsächlich der Wind ab, denn es öffnet sich ein kurzes Wetterfenster, das groß genug ist, das Land zu wechseln. Bahamas, wir kommen!

in den Bahamas zieht es noch mächtig durch, aber an der kolumbianischen Küste ist erst mal Ruhe

„Hoffentlich braucht Nicole zum Ausklarieren nicht auch einen Monat!“ hofft Alex. Aber das hatte ich mit ihr bereits geklärt: maximal zwei Tage soll das dauern. Als unsere Agentin Nicole sich also zurückmeldet, dass die Einklarierungsdokumente nun fertig seien, schreibe ich ihr, dass sie alles behalten und sie uns gleich wieder ausklarieren kann. Zwei Tage später, am 15.12.2023, erhalten wir wie abgesprochen unsere Ausreisepapiere und können somit planmäßig am 16.12.2023 los.


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