Vor uns liegen ca. 950 NM zu den Bahamas. Unser Plan ist, so weit wie möglich nach Osten zu motoren, um dann oberhalb von Kolumbien nach Norden zu drehen, in der Hoffnung, irgendwie trotz der Strömung noch auf Jamaika zu treffen. Sollten wir eine Pause brauchen, könnte uns Kingston kurz eine Verschnaufpause bieten, bevor es durch die Windward-Passage (das ist die 80 km breite Meerenge zwischen Haiti und Kuba; auch „Paso de los vientos“ genannt) zu den Outer Islands der Bahamas geht. Matthew Town auf Great Inagua Island ist unser Ziel. Wir freuen uns bereits auf kühleres Klima, weil wir die ständige feuchte Hitze kaum noch aushalten. Leider kommen wir nicht an.
Unser Trip beginnt bei schönem Wetter mit ruhigen, langgezogenen Wellen und durchschnittlich 6,5 Knoten. Die Strömung schiebt uns in die richtige Richtung; wir kommen gut voran. — Das Bootsleben ist herrlich.
In der Nacht wechselt die Strömung auf seitlich Steuerbord, dann gegen Abend des zweiten Tages auf Backbord, und zwar von vorn. Ab jetzt wird es langsam: wir kommen mit nur 3,5 Knoten voran. Das ist fast so, als würde man auf der Stelle stehen. Die Distanzstrecke zum Ziel wird einfach nicht kleiner. Aber egal, wir haben ja genug Diesel an Bord. — Das Bootsleben ist eigentlich ganz schön.
Am späten Abend des dritten Tages, des 9. November, beginnen die ersten Böen: 20 Knoten auf die Nase. Wir werden immer langsamer: 2,5-3,5 Knoten. Das trübt die Stimmung, denn genau aus diesem Grund hatte Alex ein Wetterfenster mit möglichst wenig Wind ausgesucht. Nützt ja nix, wir müssen da durch. Mit dem Ziel vor Augen sind wir motiviert. — Das Bootsleben ist…ok.
Am 10. November gegen 8 Uhr am Morgen entscheidet der Captain, dass es an der Zeit sei, Kurs auf Jamaika zu nehmen. Der Wind kommt günstig aus 93°-100°. Leider kommt die Strömung schon wieder oder immer noch von vorn, und zwar fast 3 Knoten (!), was die Stimmung wieder trübt. Dann legt der Wind immer mehr zu. Nicht vorhergesagte 30 bis knapp 40 Knoten peitschen seitlich auf uns herab. Wenn es nur der Wind wäre… Die Wellen von der Seite zum Teil so hoch, dass wir darin verschwinden. Sie sind nicht nur hoch, sondern auch sehr steil. Es gibt darüber hinaus Wellen, die Alex „Runner“ tauft. Das sind schnelle brechende Wellen, die aus einem anderen Winkel aufs Boot zurasen. Etliche von ihnen brechen über (!) MOCEAN und fluten unser gesamtes Cockpit mit Salzwasser. Ich bete mal wieder, dass wir nicht umkippen mögen, denn anders als ein Monohull kentert ein Katamaran nicht durch, das bedeutet, dass, sollte er mal umkippen, er dann auf dem Rücken liegen bleibt wie ein hilfloser Käfer. Die Wellen sind zum Teil so übel, dass Alex während meiner Nachtwache herauskommt, um zu gucken, ob ich noch da bin. Ich sitze zwar gut geschützt im geschlossenen Bimini und bin zusätzlich gesichert, aber man weiß ja nie. Ich bin nämlich einmal fast die Treppe runtergefallen, weil die Wellen das Boot derart unvorhersehbar durchgeschüttelt haben, dass ich mich gerade so am Geländer festhalten konnte und mit zappelnden Beinen dahing. Sah bestimmt lustig aus. Zu allem Übel ist es nachts stockfinster, so dass wir überhaupt nichts sehen. Mehr als gruselig. Wenn dann morgens die Sonne aufgeht, ist das wirklich ein buchstäbliches Highlight. — Das Bootsleben ist so lala.
Als ich mitten in der Nacht nach knapp 400 NM (wir haben bereits 1/3 des Weges ab oberhalb Kolumbien nach Jamaika hinter uns) mal das Wetter bei 30 Knoten Wind checke, in der Hoffnung, dass mir WINDY anzeigt, dass bald ein Wunder geschieht, entdecke ich die Katastrophe: angeblich soll sich wenige Tage später ein ordentlicher Hurrikan vor der Küste Honduras und Nicagagua entwickeln, runter zur Küste Panamas wandern (!Panama gilt als Hurrikan-sicheres Gebiet!), von dort einen großen Bogen nach Jamaika schlagen, über Jamaika sowie durch die Windward-Passage ziehen und sich schließlich in den Outer Islands der Bahamas austoben, also exakt die Strecke, die wir gerade segeln. Leider habe ich vor lauter Schreck kein Foto von dieser Hurrikan-Entwicklung gemacht. Was machen wir denn jetzt? Wir können kaum glauben, dass sich ausgerechnet dort ein Hurrikan entwickeln soll und sind der Meinung, dass sich dieses Gebilde in den nächsten Tagen wieder auflösen wird, aber riskiert man es? Natürlich nicht. Wir wollen auch weder auf Jamaika noch in den Bahamas in irgendeinen Sturm geraten. – Das Bootsleben ist schon manchmal Mist.
Mit Tränen in den Augen (also bei mir, weil ich meinen Geburtstag in den Bahamas feiern wollte) drehen wir ab: es geht jetzt nach Kolumbien. Da wollten wir nie hin! Wir hatten zwar mal kurz überlegt, nach Cartagena zu segeln, weil angeblich die Bootsarbeiten so günstig sein sollen, aber wenn wir die selbe Überraschung wie in Panama erleben, nämlich dass das Streichen doppelt so teuer wie in Martinique (und Martinique gilt schon als teuer) ist, können wir uns das sparen. Außerdem steht der Kurs des Peso nicht so gut wie noch vor zwei oder drei Jahren, wo tatsächlich alles nur halb so teuer war. Ja, und dann hatte ich gelesen, dass man, um in Kolumbien einklarieren zu können, einen Agenten braucht und das widerstrebt uns natürlich gewaltig, daher hatten wir Kolumbien als Reiseziel mit dem Boot abgelehnt. Nun lässt uns die Natur diesmal keine Wahl: wir müssen nach Kolumbien, ob wir wollen oder nicht. — Das Bootsleben kann gemein sein.
Und so kommt es, dass wir uns klammheimlich in die Lagune von Cartagena hineinschleichen. Klammheimlich deswegen, weil auf Noonsite (eine Informationsseite für Segler) sowie auf der Seite des „Club de Pesca“ (eine Marina) steht, dass wir uns bei der Ankunft noch vor Eintritt in die Lagune bei der Port Authority melden müssten unter der Prämisse, dass wir bereits vorab einen Agenten mit allem Drum und Dran beauftragt haben. Haben wir ja nicht. „Pfff!“ denke ich, „Ist bestimmt noch aus den dummen letzten drei Jahren übrig geblieben“. Wir können anhand der Zarpe von Panama (Ausklarierungsdokument) beweisen, dass wir gar nicht nach Kolumbien wollten. Das ist nämlich auch so eine Sache: man muss vorab auch noch den exakten Ankunftshafen in Kolumbien angeben; und wehe man wechselt den dann (aus welchen Gründen auch immer), dann macht man sich offensichtlich gleich mal sehr verdächtig. Und außerdem haben wir offiziell gar kein Internet, woher sollen wir das alles also wissen, wenn wir ganz woanders hinwollten? Und um überhaupt erst gar keinen Verdacht auf uns zu lenken, machen wir einfach… nichts. Unser AIS ist aktiviert; wenn also die Coast Guard oder Port Authority meint, dass wir ein feindlich gesinntes Boot sind, sollen sie uns halt anfunken. Dann habe ich obendrein gelesen, dass die Coast Guard sofort unser Boot stürmen wird, sobald wir uns Kolumbien zu sehr nähern, angeblich wegen Drogen und Waffen. Auch darauf haben wir wenig Lust. Wir sind todmüde und haben weder das eine noch das andere an Bord. Wir sind froh, dass wir alles unverletzt überstanden haben und wollen nur noch schlafen. — Das Bootsleben ist nämlich manchmal äußerst anstrengend.
Wir lassen den Anker am 11. November um 16:00 Uhr vor der Marina „Club de Pesca“ direkt vor der Nase der Coast Guard (die Naval hat hier ihren großen Stützpunkt) fallen – man kann also nicht behaupten, wir würden uns verstecken. Nach einer Runde Schlaf mache ich mich mit den Einklarierungsvorschriften vertraut und buche in der Marina einen Platz, weil wir das Boot dringend vom vielen Salz befreien müssen. Wir haben Glück und bekommen tatsächlich einen Platz für erst mal 16 Tage. Die Box ist dermaßen eng, dass wir nur mit geknautschten Fendern hineinpassen (fester Betonfinger auf der einen Seite, Schwimmfinger auf der anderen Seite). Gepresst kann man auch sagen. Auf Nachfrage wird netterweise der Finger auf der einen Seite für uns verschoben, damit das Quietschen der Fender aufhört. Ich bekomme von der Marina die Telefonnummer einer „zuverlässigen Agentin“, die allerdings 320$ (ja, US-Dollar) für ihre Arbeit sowie Ein- und Ausklarierungsgebühren fordert. Auf Nachfrage, weil mir der Preis zu hoch ist, bekomme ich die Telefonnummer einer gewissen Nicole, was mir natürlich sympathisch ist, die 270$ verlangt. Immerhin 50$ Unterschied und da sich gemäß Noonsite dieser Preis in dem dort angegebenen Preisbereich bewegt (alles zwischen 250$ und 420$ soll „normal“ sein), buche ich am 14. November die Agentin namens Nicole. Wir haben immer noch Kontakt zu Gilles, dem Franzosen, der 2020 schon in Kolumbien gelandet ist, der meinte, dass es noch günstiger ginge. Aber wir können uns daran erinnern, dass sein Agent damals zwar das Boot für ein Jahr importiert hat („temporary import“), ihn, Gilles, aber nur für 14 Tage! Um das zu verhindern, wollen wir lieber einen Agenten nutzen, der bekannt ist und der uns „mal eben schnell ein- und wieder ausklarieren kann“, denn lange bleiben wollen wir nicht, denn ich will in die „blöden“ Bahamas. — Das Bootsleben kann ganz schön stressig sein (vor allem, wenn man sich den Stress selbst macht).
Nun gut, also Nicole ist erst mal ganz tüchtig, holt noch am selben Tag unsere Pässe ab, damit wir schnellstmöglich herumlaufen können. Wir ignorieren später das Nichtvorhandensein unserer Pässe, weil Nicole es leider nicht schafft, uns diese einen Tag später zurückzubringen. Daher gehen wir einfach so in die Stadt, denn wir haben Hunger auf etwas anderes als Salat. Ich hatte in Panama unser Reiseessen vorbereitet: kleingeschnittene Früchte portioniert in Beutel im Gefrierschrank für tägliche Smoothies sowie eine große Salatbox, aus der wir jeden Tag Portionen zubereiten konnten plus ggf frisch zubereiteten/s Thunfisch oder Hühnchen. Die Pässe bekommen wir mit Stempel zwei Tage später gegen Zahlung von 50$ wieder: wir dürfen drei Monate bleiben. Das ist sehr reibungslos gelaufen: weder Health Declaration (ich hatte gelesen, dass ich so etwas abgeben müsste), noch Crew-Liste, noch sonst irgendeine Frage…, nichts. Entweder hat Nicole alles für uns ausgefüllt oder die Bestimmungen haben sich schon wieder geändert; das weiß man bei Kolumbien nicht. Nach einer Woche mache ich mir Sorgen, wo denn die Einklarierungspapiere bleiben, denn die panamaische Zarpe hatte Nicole gleich am ersten Tag mitgenommen. Das würde noch dauern, schreibt sie zurück. Als weiterhin nichts passiert, frage ich ein paar Tage später noch mal nach. Irgendwas sei kompliziert, aber sie arbeite daran. Plötzlich an einem Freitag erwacht der Chat mit Nicole zum Leben, denn es heißt um 15:00 Uhr, dass in einer Stunde einer vom Zoll vorbeikommen würde, um unser Boot zu checken. Wir sind ganz aufgeregt, räumen etwas auf (wir sind dermaßen mit dem Wienern des Bootes außen beschäftigt, dass wir das Innere vernachlässigt haben), warten und warten. Typisch Deutsch denken wir, der kommt tatsächlich um 16:00 Uhr, oder von mir aus ‚cum tempore‘, denn er will doch bestimmt schnellstens Feierabend machen. Als um 17:00 Uhr immer noch niemand da ist, schreibe ich Nicole, dass wir jetzt Hunger haben und in die Stadt gehen. Das Treffen mit dem Zoll wird verschoben.
Wieder passiert erst mal nichts, bis abermals plötzlich nach insgesamt 18 Tagen, wir sind gerade gemütlich in der Stadt, der Chat erwacht und Nicole ganz nervös anruft und wild textet, dass der Mann vom Zoll sich gerade überlegt hätte, gnädigerweise in einer Stunde Zeit zu haben. Die Anrufe und Nachrichten von Nicole bleiben unbeantwortet, denn ich habe mein Handy gar nicht dabei (wir haben außerhalb der Marina ohnehin kein Internet abgesehen von den Restaurants u.ä.). Schließlich schickt sie sogar ein Bild vom Zollbeamten, wie er sich unser Boot vom Steg aus anguckt.

Als wir in der Nacht wieder auf MOCEAN sind, wir waren noch zu Gast auf einem anderen deutschen Boot, lese ich erschrocken die ganzen Nachrichten und berichte ihr brav, wo wir waren. Ich bekomme zur Antwort, dass der Zollbeamte immer schwierig Zeit finden würde, erst kurz vorher Bescheid gebe und ich eben „attentive“, also aufmerksam sein müsse. „What?“ denke ich „Bin doch hier nicht im Gefängnis!“ Und sicherlich breche ich meinen gemütlichen Stadtrundgang oder mein Kaffeeschlürfen oder meinen Sundowner nicht ab, nur weil dem Beamten gerade einfällt, dass er genau jetzt Zeit hat.
Schließlich einigen wir uns darauf, dass der Beamte überhaupt nicht aufs Boot kommt. Stattdessen schicke ich ihr die Fotos von sämtlichen Seriennummern aller vorhandenen Motoren sowie vom Boot zu. Das hätten die beiden ja nun auch einfacher und früher haben können, denke ich so, aber wir freuen uns, keine „Autoridad“ begrüßen zu müssen. Einige Tage später, am 4. Dezember, ist schließlich auch unser Boot offiziell in Kolumbien. — Das Bootsleben kann auch easy sein.
Cartagena gefällt uns auf Anhieb wesentlich, ja zehntausendmal besser als Panama City, aber das ist etwas für den nächsten Beitrag. Stay tuned.


Hallo Nicole
Heute habe ich deine Infos erhalten. Und wow. Ihr seid nun in Kolumbien. Ich lebe ja seit einem Jahr in Santa Marta.
Im Dezemebr hat es immer starke Winde. Bin ja kein Segler, somit kein Fachmann.
Hier in Santa Marta hat es eine Marina. Super gut gelegen.
Von dort bist Du in 2 Minuten in der Altstadt. Nun sind Ferien und es hat mehr Touristen.
Wenn mehr Fragen dann bitte auf ****.com ok ?
Gruß und viel Spaß in Kolumbien.
P.S.
Der USD Kurs ist doch super
Vor 12 Jahren hast Du nur 2‘200 Pesos per Dollar erhalten. Jetzt is es das doppelte.
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