Von der Shelter Bay Marina geht es auf direktem Wege nach Portobello. Das klingt schon so toll. Als wir ankommen, motort MOCEAN im braunen Wasser. Alex ist unglücklich, weil wir die Dicke schon extra nicht durch den Rio Chagres nahe der Shelter Bay gejagt haben, um sie vor Dreck zu schonen. Justin, der Australier, hatte uns nämlich erzählt, dass es dort Tucans gebe und die wollten wir natürlich auch gerne sehen, haben uns dann aber dagegen entschieden, weil wir die Saildrives vor Sedimente schützen wollten. Und nun fahren wir doch durch braunes Wasser, das aus dem Fluss Rio Cascajal kommt. Nicht mal das Dingi wollen wir zu Wasser lassen, aber es nützt ja nix: Da gibt es ein zerstörtes Fort am Wasser; außerdem wollen wir Pizza essen gehen.
Das Dingi befestigen wir kostenlos am einzigen offenen Restaurant am Wasser, laufen zum Fort und sind schnell durch: es ist ja fast nichts mehr vorhanden. Portobello selber ist trostlos und gar nicht so ‚bello‘: er wirkt verlassen und ungemütlich. Vielleicht liegt es auch nur an der Nebensaison und am grauen Himmel. Unsere Pizzeria hat geschlossen und so sind wir schneller als gedacht wieder bei MOCEAN.
Gleich am nächsten Tag sausen wir um die Ecke in die sehr idyllische Linton Bay. Hier ist schon mehr los und wir hören wieder das (von der Shelter Marina) gewohnte Gebrüll der Brüllaffen in den grünen Hügeln um uns herum.

Das Restaurant in der Marina hat geöffnet, also steht bereits fest, was wir essen, nachdem der Pizzaanlauf am Vortag schon nicht erfolgreich verlaufen war. Angeblich soll hier ein „Award-winning“ Koch für leckere Speisen sorgen – nun, das scheint mal so gewesen zu sein. Die Pizza ist okay, aber auch kein Hit. Und dann passiert etwas, das wir so auch noch nicht erlebt haben: Gegen 18:30 Uhr gehen die Lichter einfach aus und wir sitzen im Halbdunkel. Der Kellner hat bereits abkassiert und ja, wir dürfen noch zu Ende essen, aber nur mit dem Lämpchen über unserem Tisch. Auch die Musik ist aus. Gut, dass Alex noch schnell ein Glas Wein bestellt hat, als der Kellner abgerechnet hat, denn das Restaurant schließt gerade und auf den Schreck braucht er noch mal Alkohol. Eigentlich kann man ja bis 19:00 Uhr Essen bestellen, aber offensichtlich hat der Koch an diesem Abend etwas Besseres vor. Ein bisschen verdattert sitzen wir da und nagen an der Pizza. Ein Gast aus der Marina kommt vorbei und würde gerne Pizza bestellen. Die einzigen anderen zwei Gäste hinter uns machen den unglücklichen und wahrscheinlich sehr hungrigen Segler darauf aufmerksam, dass er mit seinem Vorhaben heute wohl kein Glück mehr haben wird. Kopfschüttelnd und immer noch hungrig geht er wieder, während wir immer noch ungläubig unsere Pizza essen. Das ist schon gemein, denn in der Gegend gibt es sonst nichts. Die Marina liegt außerhalb des Ortes Puerto Lindo und dort haben wir kein einigermaßen attraktives Restaurant gesehen. Unsere Pizza schaffen wir nur zur Hälfte: da ist dermaßen viel Käse drauf, dass wir zwei Tage davon essen können. Die beiden anderen Gäste hinter uns richten sich jetzt einen gemütlichen Kinoabend ein: am großen Bildschirm hinter der Bar im Restaurant wird etwas herumgefummelt und schon läuft der Abend-Film. Da ist es ja eher förderlich, dass die Lichter bereits ausgegangen sind.
Der Travellift in der Marina ist kaputt (wir hatten überlegt MOCEAN rauszuholen, aber er wird um die drei Wochen lang kaputt sein), das Restaurant nicht gerade gastfreundlich und die (eigentlich private) Isla Linton beherbergt streitsüchtige Affen, die einen beißen, wenn man kein Futter mitbringt und auf die sich deshalb keiner mehr traut: Zeit, abzuhauen. Die San-Blas-Inseln sind nicht weit und ohnehin unser Ziel, daher geht es bereits in ganz frühen Morgenstunden auf zu den Chichime Cays, der ersten schönen Bucht in den San Blas.
Die Bucht hält, was sie verspricht: zwei Kokospalmeninseln (mit den klangvollen Namen Uchutupu Pipigua (frei übersetzt: pipiwarmes Wasser :)) und Uchutupu Dummat) mit hellen Sandstränden, ruhigem, klaren Wasser und schönem Schnorchelgebiet. Für den Leser jetzt wahrscheinlich total langweilig, weil er ja inzwischen Zapatillas Nr. 1 & 2 schon kennt und … naja… was soll ich sagen: hier sieht’s halt irgendwie genauso aus. Der Unterschied ist, dass hier die Kunas/Gunas, die Indigenen des semiautonomen Gebiets Guna Yala (auch Kuna Yala) leben; und die sind ganz schön geschäftstüchtig. Wie überall sonst auch geht’s nur ums Geld: nicht nur Fische, kleine Langusten, sondern und vor allem sogenannte Molas (ein in Handarbeit genähtes rechteckiges Motivbild) werden hier an die Segler zu horrenden Preisen verkauft; da schlackern einem die Ohren. Und ständig kommt ein anderes Holzkanu angepaddelt. Da wir einen Katamaran haben, denken die Kunas/Gunas, dass sie bei uns das Geschäft ihres Lebens machen können und sind ziemlich enttäuscht, nur zwei Personen vorzufinden, die ihr rares Bares einteilen müssen. Eine Mola kostet ab 20$ aufwärts, die teuerste 50$; vielleicht gibt es noch teurere, aber da setzt bei mir bereits der Hörsturz ein. Venancio der Verkäufer lässt es sich nicht nehmen uns zu erzählen, dass ja die Amerikaner hier Mengen an Molas kaufen würden, deshalb seien die Amerikaner so beliebt – Anmerkung: allerdings nur in den Kuna Yalas. Ich überlege, und weil wir ja die Menschen hier gerne unterstützen wollen, kaufen wir ihm also eine Mola für 30$ ab, obwohl ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll, denn richtig hübsch finde ich die Molas nicht. Ziemlich enttäuscht fragt er: „Nur eine?“ und da bereue ich es schon fast wieder, überhaupt etwas gekauft zu haben. Er verkauft uns auch noch eine Kuna-Yala-Flagge der Dule-Revolution für 10$, die wir hier hissen sollen: die gibt es mit Swastika und eine mit Pfeil und Bogen. Letzteres übergibt er uns und wir haben erst mal Ruhe. Den Preis für die Langusten muss ich runterhandeln, weil ich ja die Preise aus Bocas del Toro kenne. Hier sollen sie ursprünglich mehr als doppelt so viel kosten. Unser Barvorrat schmilzt so ziemlich schnell dahin. Wir rechnen durch, denn wir wissen, dass wir an bestimmten Inselgruppen einen Betrag an den Chief fürs Ankern zahlen müssen.
Nach fast einer Woche in der Bucht von Chichime Cays soll es zum „Swimming Pool“-Ankerplatz nach Maoqui-Kaimou (Holandes Cays) gehen, scheinbar eines der beliebtesten Ankergebiete, auch in der Nebensaison. Irgendwie hatten wir die Erwartung, hier fast allein zu sein wegen des vielen Regens. Aber dass hier alles voller Boote ist, erschreckt uns: wie mag es hier in der Hauptsaison wohl zugehen?
Kaum sind wir dort angekommen, kommt auch schon der Chief angepaddelt: 10$ für nur einen Monat (!) ankern. Das kann schon anders ausfallen, je nach Gusto und Tageslaune des Chiefs. Ich habe gelesen, dass schon 20$ nur fürs Ankern verlangt wurde. Das muss man dann eben hartnäckig ablehnen. Um auf eine der Inseln gehen zu können, müssten wir noch mal 2$ zahlen, aber wir verkneifen es uns. Wir haben „Angst“ vor den Noseeums: wegen dieser Miniviecher sah Alex schon mal aus wie ein Streuselkuchen, und zwar am ganzen Körper! So genießen wir zwischen BBQ-Island und der Insel Banedup den Ausblick und das herrliche Wasser, das hier kühler ist, weil wir uns quasi im offenen Meer befinden. „Swimmingpool“ macht seinem Namen alle Ehre: herrliches blaues klares Wasser. Wir sind gerade entspannt, da kommt ein Panga mit 6 Leuten vorbei. Sie stellen sich als „Autoridad“ vor (darunter zwei Typen in Tarnuniform wie von AeroNaval, sprich Militär) und erklären uns, dass wir hier eine Cruisinggebühr zahlen müssten: 50$ fürs Boot, und jeweils 25$ pro Person als Eintrittspreis für die herrliche Inselwelt. Und zwar auch nur für einen Monat. Wir schlucken und erklären, dass wir ja schon eine Cruisinggebühr für Panama bezahlt hätten: immerhin 200$! Das sei richtig, aber der „Congreso“ habe entschieden, die Segler ordentlich abzuzocken und eben pro Boot und Erwachsenen schön hohe Preise zu verlangen. Alles diskutieren nützt nichts; wir wussten einfach nichts von dieser Gebühr. Später habe ich gelesen, dass ein Segler, der in Porvenir (San Blas) einklariert hat, genau diese Preise zahlen musste. Der war mal eben um mehr 300$ ärmer, und ebenso ernüchtert wie wir. Wir können den Preis wenigstens noch insoweit drücken, dass wir unsere Cedula (Aufenthaltsgenehmigung) zeigen. Dafür haben wir viel Geld bezahlt und wollen das auch nutzen. Wir müssen zwar trotzdem 50$ fürs Boot bezahlen, aber nur 5$ pro Person Eintritt. Die 60$ tun richtig weh, denn jetzt haben wir kaum noch Bargeld übrig; sind aber nach alldem auch nicht mehr motiviert, noch mehr Geld hier zu lassen. Das Gebiet muss durch die vielen Yachten und Charterboote ziemlich reich sein, wohin fließt also das ganze Geld? Wer weiß das schon. Auf der Kuna-Internetseite habe ich gelesen, dass der „Congreso“ vor kurzem ein neues Haus gekauft hat. Toll. Ob das jetzt den Indigenen weiterhilft, ist fraglich. Die Kunas leben unter anderem von der Kokosnuss. Die werden en masse gesammelt und verkauft, damit daraus Kokosöl gemacht werden kann. Das heißt, wir sind im Paradies der Kokosnuss, bekommen aber keine. Die werden nämlich billig an Konzerne verkauft, um teuer als Kokosöl, das sich kein Indigener leisten kann, wiederzukommen. Diese Art der Ausbeutung eines Landes, eines Volkes funktioniert nicht nur hier so (siehe Economic Hitman). Später können wir Kokosnüsse bestellen: pro Kokosnuss wollen die Kunas 1$ haben, was ziemlich viel ist, denn in Bocas del Toro zahlt man 0,50-0,75$ pro Nuss (je nach Größe).
Mit dem Wetter haben wir zunächst Glück, wird allerdings nicht umsonst „rainy season“ geschimpft, denn es heißt jeden Tag: unser täglich Gewitter gib uns heute… Trotzdem genießen wir tagsüber viel blauen Himmel…. Bis wir weiterziehen. Es fängt harmlos an: wir sind in den Coco Bandero Cays (Inselgruppe südöstlich der Holandes Cays) und haben großzügig zwischen zwei Riffe geankert, da frischt der Wind auf und wir fürchten, einem der Riffe zu nahe zu kommen. Wir sind in Habachtstellung. Meistens frischt der Wind nämlich zur Dämmerung oder in der Nacht auf; nicht gerade entspannend. Der Anker hält, alles ist gut. Ich würde am Morgen gerne umankern und uns direkt zwischen die kleinen Inseln legen, aber da ist bereits ein Charterboot.
Wir empfinden dieses Ankerfeld als extrem klein, denn immerhin ankern wir hier überall in 12m Tiefe und wir müssen ja entsprechend Kette geben. So motoren wir lediglich um die Inseln herum und verlegen uns nach Green Island direkt vor die Insel, ein Traum. Erst nach dem dritten Ankerversuch lassen wir MOCEAN schwojen, weil der Anker zwar in der einen, jedoch nicht in der entgegengesetzten Richtung hält, und zwar auflandig zur Insel. Da der Wind gerne dreht, ist uns der Ankerplatz zu heikel. Allerdings wollen wir, bevor wir umankern wenigstens noch auf der Insel spaziert sein. Also Schwimmklamotten an, rüber zur Insel geschwommen (ca 150m), kurz herumgelaufen (man kann da ja nichts machen) und wieder zurück zu MOCEAN. Wir sind gerade aus dem Wasser, da bemerke ich etwas Längliches hinter mir bei MOCEAN. Als ich näher hinsehe, schreie ich: „Ein Krokodil!“ Dieses Tier ist uns hinterhergeschwommen und schwimmt nun etwas zu provokant nahe am Boot vorbei. Keine Ahnung, ob uns dieses Krokodil gefressen hätte, aber wir müssen unweigerlich an Ian denken: wir wollen keine Krokodilspeise sein. „Ich gehe nie wieder ins Wasser!“ sage ich auf das Tier mit den großen Zähnen zeigend.
Bei der Insel bleiben möchten wir nicht. Nicht wegen des Krokodils, sondern wegen des Ankergrundes. Daher verlegen wir uns vor eine Miniinsel (Waisaladup) mit Minihütte drauf zwischen zwei Riffen.

Ein riesengroßer Fehler. Vor uns befindet sich ein Boot (Monohull), hinter uns zwei (Katamaran und etwas weiter weg ein Monohull). Die WetterApp haben wir zuvor gecheckt und stellen fest: alles soll ruhig sein. Ein Irrtum! Gegen 5 Uhr geraten wir in einen Squall mit heftigem Regen, Gewitter und Windböen. Es ist noch stockdunkel, nur die hellen Blitze durchzucken den pechschwarzen Himmel, wir sind noch müde. Als der Wind gerade anfängt aufzuheulen, sind wir schon am Steuerstand und haben bereits die Motoren an, als uns der Wind mit weit mehr als 40 Knoten herumwirbelt. Durch den plötzlich drehenden Wind wird unser Anker herausgerissen. Dabei geraten wir gefährlich nahe ans Riff. 30 Minuten kämpft Alex darum, das Boot im tieferen Wasser zu halten, damit wir nicht aufsetzen, indem er gegen den Wind motort. Das ist gar nicht so einfach, denn wir sind quasi blind: der Kartenplotter zeigt die Position ja nur verzögert an. Um uns herum ist so starker Regen, dass wir uns nicht orientieren können. Da unser Radar vor einigen Wochen ausgefallen ist (und wir auf einen neues warten), können wir dieses auch nicht nutzen. Nicht nur wir driften: der Katamaran steht jetzt auf unserem Platz, wir stehen auf dem des Monohulls, der Monohull ist eine komplette Ankerkettenlänge weiter weggerutscht. Bei dem strömenden Regen ist fast nichts zu sehen: der Monohull schaut selber mit heller Lampe aufgeregt umher, daher können wir den Abstand einigermaßen einschätzen. Beim Katamaran ist das schwieriger, denn der hat nicht mal Ankerlicht an. Nur ein schwaches rotes Licht in der Schwärze verrät uns seine mögliche Position.

Als nach einer bangen halben Stunde der Wind nachlässt, lichten wir schnell den Anker bei 15 Knoten Wind, um den Ankerplatz schnellstmöglich zu verlassen. Falls der Wind nochmals auffrischen sollte (was er durchaus manchmal tut), sind wir bereits aus dem Gefahrenbereich raus und wenn der Anker erst mal gedriftet ist, finden wir ohnehin keine Ruhe. Also nutzen wir die Gunst des Windes und hauen schnell ab. Wir motoren quasi dem Squall hinterher nach Chichime, dort, wo wir vor nicht allzu langer Zeit angekommen waren. Gegen 8 Uhr werfen wir den Anker mitten in der Bucht und ruhen erst einmal aus. In der nächsten Nacht habe ich noch immer das schreckliche Windgeheul im Ohr. Als sich zwei Nächte später ab 3:45 Uhr schon wieder ein heftiges Gewitter direkt über uns befindet, der Blitz direkt in die Insel neben uns einschlägt und wir uns mit gemäßigten 17 Knoten am Ankerplatz drehen, haben wir die Nase voll und lichten am Morgen gegen 7 Uhr den Anker, um San Blas komplett zu verlassen. Irgendwie haben wir keine Nerven mehr dafür.

Aufgrund der Gegenströmung von bis zu 2 Knoten auf ca. 55 NM sind wir insgesamt 9,5 Stunden unterwegs bis wir schließlich wieder die Linton Bay erreichen. Und weil wir nun San-Blas-„geschädigt“ sind, ankern wir MOCEAN weit weg von allen anderen Booten mit etwas mehr als 60m Ankerkette (20m mehr als vorher). Ruhe. Kein Schlagen am Boot durch Wellen, kein Gewitter mehr, keine Windböen. Einfach nur Ruhe. Und endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen.
