Klettern auf Teneriffa und die Waschmaschinenproblematik

Bevor es aufs offene Meer geht, füllen wir bei 18 Knoten von der Seite noch schnell die auf dem Weg nach Lanzarote verprassten 200 Liter Diesel auf: bereits 18-Knoten-Wind macht mit dem Boot, was er will. Es ist der 17. November 2019 gegen 9:00 Uhr, als wir dem Tankwart freundlich zuwinken und fröhlich um die Ecke biegen.

Es ist wieder einmal ziemlich windig, die See ungemütlich. Alex hatte dieses Mal extra vorgekocht; „Für schlechte Zeiten!“, hatte er gesagt: leckere Ingwer-Kartoffel-Möhren-Suppe. Als er am Abend stolz mit dem Kunststoffbehälter mit gefrorener Suppe vor mir steht und freudig behauptet, das sei jetzt genau der richtige Zeitpunkt für eine Suppe, weise ich darauf hin, dass mein Magen da entschieden anderer Meinung sei. Alex bleibt dabei: ich müsse etwas essen, also probiere ich es wenigstens. Nach drei Löffeln ist mir noch übler als vorher; ich bekomme das Essen einfach nicht runter. Während ich mich wieder hinlege, löffelt Alex sein Süppchen. Kaum ist er fertig, zieht es mich – oder vielmehr meinen Mageninhalt (also pure Magensäure) – zur Küchenspüle. Alex ist extrem süß: er hält mir die Haare zurück und streichelt meinen Rücken. Mitleidig guckt er mich an. Kaum liege ich, steht Alex an der Küchenspüle: Die gesamte gegessene Suppe geht durch das Abflussrohr zu den Fischen. Zum ersten Mal! Dann haben wir beide Kopfschmerzen. Mit der Wache wechseln wir uns trotzdem tapfer ab. Glücklicherweise haben wir eine relativ kurze Strecke vor uns: ca. 170 NM liegen zwischen Lanzarote und Teneriffa und ich bete inständig, dass die Marina einen Platz für uns hat. Bei der Gelegenheit frage ich mich ernsthaft, wie ich es über den Atlantik schaffen will… Anfangs segeln wir nur mit der Fock, dann mit Fock und Groß, zwischendurch in der Nacht gegen 4 Uhr haben wir plötzlich 32 Knoten Wind und reduzieren die Segel aufs 3. Reff. Zum Ende können wir Wing-By-Wing bei 12-20 Knoten bis vor die Einfahrt der Marina San Miguel auf Teneriffa segeln.

Da Alex zuvor bei der Marina San Miguel auf Teneriffa angerufen hat, um einen Platz zu reservieren, die Dame am anderen Ende der Leitung knapp meinte, wir sollen vorbeikommen, wir das als Reservierung qualifiziert haben, funke ich also am Ziel angekommen per VHF die Marina an und behaupte, wir hätten eine Reservierung. Es ist inzwischen 19:30 Uhr am 18. November 2019, also komplett dunkel. Wir haben uns etwas mit der Ankunftszeit verschätzt. Es gäbe zwar die Möglichkeit, beizudrehen, aber das lehne ich in meinem Zustand entschieden ab. Der Marinamitarbeiter fährt im Dunkeln vor und will uns seitlich in eine äußerst enge Bucht zwängen. Im Dunkeln ist uns das zu heikel.

Marina San Miguel
Marina San Miguel

Wir lehnen ab und vertauen uns seitlich an ein großes Stahl-Segelschiff. Es soll nur für eine Nacht sein, am nächsten Morgen werde man sehen, sagt der Mitarbeiter. Beruhigt plaudern wir noch kurz mit der Crew des Segelschiffs, das ebenfalls die Karibik ansteuern wird.

Am nächsten Morgen erfahren wir, dass kein Platz für uns vorhanden sei; wir sollen uns in Geduld üben. Es würden zwei Katamarane die Marina verlassen. Leider ändert sich die Situation erst mal nicht. Am dritten Tag werden wir noch immer vertröstet, wollen uns aber die Zeit nicht mit Warten vertreiben, also bestellen wir schon mal einen Mietwagen. Da fährt plötzlich ein Monohull aus seinem Liegeplatz, den wir als groß genug für MOCEAN einstufen. Wir sehen, dass das Segelboot die typischen Netze mit Proviant an Bord hat und schließen daraus, dass es wohl nicht zurückkommen wird. Um zu verhindern, dass der Platz nachher weg sein könnte, ergreifen wir sofort die Initiative und fragen im Büro an, ob wir den Platz haben können. Es dauert noch, bis ein Mitarbeiter den Platz ebenfalls inspiziert hat und wir die Freigabe bekommen! Wir parken schnell unser Boot um und sind überglücklich; nicht nur, weil auf dem Segelschiff ständig gearbeitet (Schleif-, Schweiß-, Maler-, und sonstige -arbeiten) wird, was MOCEAN nicht gerade hübscher macht. Unser neuer Platz ist schon deswegen ein Traum, weil wir mit zu den wenigen gehören, an denen nicht side-by-side vertaut wird. Während vor uns unschöne 5er-Päckchen entstehen, haben wir komplett unsere Ruhe und sind heilfroh, dass niemand über uns Teakholzdeck läuft, leider ziehen viele Segler ihre Schuhe nicht aus. Wir sind noch gar nicht richtig fest, da kommt schon die Lieferung unseres Mietwagens – perfekt.

Wir haben Großes vor! An erster Stelle steht natürlich das Klettern. Da wir gelesen haben, dass sowohl Gran Canaria als auch Teneriffa Hauptinseln sind, haben wir außerdem hohe Erwartungen an Läden für Bootszubehör. Zudem träume ich ja immer noch von der Waschmaschine, vom Brotbackautomaten und von einer Induktionskochplatte. Die Mikrowelle haben wir seit Lanzarote an Bord.

Die Kletterei stellt sich als einfachster Part während des Aufenthalts heraus. Wir kaufen uns vor Ort einen Guide und klappern einige Schluchten ab, in denen wir uns an Sportkletterrouten austoben können.

Aber der Rest? Das mit der Waschmaschine hatte auf Lanzarote nicht geklappt. Mit der Wunschmodellnummer von Candy waren wir in einem Laden und mussten feststellen, dass es diese Waschmaschine in Spanien überhaupt nicht gibt. Wusste ich nicht. Spanien hat da ein eigenes Modell, das sogar noch viel besser ist: wir sind ziemlich festgelegt was die Tiefe der Waschmaschine betrifft. Mit 40cm maximal (sonst passt die Maschine nicht durch die Türen) ist das eine echte Herausforderung, denn so schmale Waschmaschinen gibt es so gut wie nicht. Das spanische Modell ist mit einer Tiefe von 34cm perfekt und wir wollen sie kaufen, aber dann fällt uns ein, dass wir doch mal gucken sollten, was die eigentlich so verbraucht – stromtechnisch. Unser Inverter kann max. 2.000 Watt und wenn die Maschine jetzt im Heizmodus mehr verbraucht, dann wird das problematisch, denn dann läuft sie einfach nicht. Der Strombedarf wird aber dummerweise immer nur in KWh angegeben, denn wen interessiert schon der Verbrauch in jeder Stufe des Waschens bzw. der Maximalverbrauch pro Waschgang? Uns schon. Alex investiert lange in die Suche nach brauchbaren, verlässlichen Informationen, um dann festzustellen, dass wir die Waschmaschine wohl betreiben können. Aber dann war es plötzlich schon November kurz vor unserer Abreise. Jetzt starten wir also einen erneuten Angriff. Es stellt sich als äußerst schwierig heraus, diese verdammte Waschmaschine, und zwar diese EINE überhaupt zu bekommen, obwohl es ein spanisches Modell ist. Jedes Elektronikfachgeschäft schüttelt bedauernd den Kopf und wir sind schon kurz davor, aufzugeben. Da recherchiere ich nochmal und finde das spanische Pendant zu Kaufhof: El Corte Inglés! Innerhalb einer Woche würde die Maschine geliefert. Ich hüpfe aufgeregt auf und ab. Ein Traum wird wahr.

Waschmaschine
Yeah, die Waschmaschine ist da!!!

Brotbackautomat und Induktionskochplatte sind dagegen ein Kinderspiel. Natürlich können wir die Geräte nicht gleichzeitig benutzen, aber wir werden dank der vielen Solarzellen und der guten LiFePo4-Akkus genügend Strom zur Verfügung haben, um alles nacheinander zu betreiben. Dann wird die Waschmaschine geliefert. Hübsch steht sie da und ich bin schon ganz hibbelig. Die erste Hürde, nämlich das Ding auf das seitwärts angelegte Boot zu hieven, klappt mit vereinten Kräften besser als gedacht. Wir packen sie aus, Alex knüpft aus Seilen eine Art Tragehalterung, die es mir um den Nacken gelegt ermöglicht, das – trotz der geringen Tiefe – 60kg-schwere Teil zusammen mit Alex durch das Boot die Treppe hinunter zum dritten unbenutzten Bad zu tragen. Jetzt steht die Waschmaschine davor und passt nicht rein. Egal, wie wir es drehen und wenden. Mathematisch gesehen passt sie haargenau in den Zwischenraum auf das Podest, wo vorher die Toilette stand, aber wir haben vergessen, den Platz einzukalkulieren, den wir benötigen, um die Maschine im Raum zu drehen. Erst auf einem Meter Höhe ist der Raum breiter; dort können wir die Maschine drehen. Die Mathematik ist eben nur so gut, wie der Anwender sämtliche Variablen bedenkt. 60kg sind ganz schön schwer, um sie mal eben auf Hüfthöhe hochzuheben. Trotzdem ich Bedenken aufgrund schwacher Armkraft meinerseits äußere, probieren wir es. Nicht gerade Hüfthöhe, aber vielleicht ein paar Millimeter waren es schon! Wir überlegen gemeinsam und kommen auf die Idee, eines der Falle durch die kleine Dachluke zu benutzen. Ich hatte an die Dirk (das ist die Leine auf einer Segelyacht, die den Baum bei geborgenem Segel in seiner horizontalen Lage hält) gedacht, aber letztlich wird es das Code-0-Fall. Alex recherchiert die richtige Knotentechnik, damit die Waschmaschine beim Hochheben nicht auf ihn draufkippt. Und das klappt tatsächlich richtig gut! Die Waschmaschine steht schließlich am gewünschten Platz.

Nur kaputt gehen darf sie jetzt bitte nicht, weil ich befürchte, dass wir sie nie wieder rausbekommen (außer, wir bauen das Ding komplett auseinander…).

Masca, Teneriffa
Masca

Zur Feier des Tages wollen wir in die schönste Schlucht von Teneriffa – dem Barranco de Masca. Als wir ankommen, ist der Zuweg versperrt. Seit Jahren schon. Da darf man jetzt nicht mehr einfach so entlanglaufen. Offiziell werden herabfallende Steine/Felsen als Grund genannt. Inoffiziell ist – laut eines Bewohners – der Grund ein ganz anderer: Die Dorfbewohner von Masca fanden es unfair, dass so viele Touristen daherkommen, um sich die schöne Schlucht anzugucken, dabei jedoch viel zu wenig Geld in dem Ort lassen. Jetzt muss man eine Tour für etwas buchen, das man wunderbar allein machen könnte. Verärgert gehen wir wieder und fahren zu Los Gigantes – dem beeindruckendem Küstenabschnitt im Westen Teneriffas. Bei maps.me erkenne ich eine gestrichelte Linie, das heißt, wir haben einen Wanderweg, den wir entlanglaufen können. Die Wanderung wird unerwartet interessant, als wir einen Weg durch einen – früher mal geschlossenen – Tunnel mit Bewässerungskanal finden, der uns zu einer Parallelschlucht führt. Großartig!

Ich bin todtraurig, dass wir nicht noch mehr Wanderwege ablaufen können. Das Klettern hatte ja Vorrang, aber leider läuft uns die Zeit davon, denn Alex möchte gerne kurz vor Weihnachten in der Karibik sein. 

Sämtliche elektronische Geräte laufen zu unserer vollsten Zufriedenheit, daher bestimmen wir unseren Abreisetermin für die Atlantiküberquerung auf den 1. Dezember 2019. Viel schneller als gedacht ist es dann plötzlich schon so weit. Wir sind aufgeregt. Wie wird es, 19-25 Tage kein Land zu sehen? Wie lange werden wir genau brauchen? Wie wird die Karibik? Alles Fragen, deren Antworten wir bald herausfinden werden…

Wir kaufen vier zusätzliche Dieselkanister und füllen diese an der Tankstelle in der Marina auf. Wir checken aus: aufgrund eines technischen Problems reduziert sich die Liegegebühr für unser Boot um eine erfreuliche kleine Summe und am 1. Dezember 2019 heißt es gegen 9:00 Uhr: Auf in die Karibik!


Lanzarote -> Teneriffa: 170 NM —— NM insgesamt: 3.597


Gib Deinen Senf dazu, Feedback ist uns wichtig!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.