Mit dem Benz auf letzter Fahrt

Ab der georgisch-türkischen Grenze fahren wir auf schnellem Weg Richtung Mittelmeerküste. Bis Alanya werden wir ständig von Polizei und Soldaten kontrolliert, teilweise mehrmals am Tag. Manchmal will man nur unsere Pässe sehen, manchmal aber auch ins Auto gucken. Irgendwann wird es uns zu viel. Wir stehen gerade in einer Verkehrskontrolle und sind fest der Meinung, dass die dort stehenden Polizisten und Soldaten nur unsere Pässe und Führerscheine checken dürfen. Ein Polizist ist da anderer Meinung und will unbedingt ins Auto gucken. Das wollen wir aber nicht öfter als wirklich notwendig, weil es sich um unsere Intimssphäre handelt, also verweigern wir erstmal den Zutritt. Vor allem aber, weil der Polizist in unseren Pässen ewig herumblättert und immer wieder an Usbekistan klebenbleibt. Wer er überhaupt sei, fragen wir, denn der Mann trägt keine Uniform, sondern Zivilklamotten. Kann ja jeder kommen und neugierig sein. Der Mann wirkt jetzt angesäuert und sagt, er sei der Chef hier. Wir bezweifeln das aufgrund der fehlenden Uniform, also bringen wir ihn dazu, uns seinen Ausweis zu zeigen, den wir aber gar nicht lesen können. Er besteht weiterhin auf Zutritt. Wir schließen zwar die Kabinentür auf, aber als er auf die Treppe deutet, die Alex herausziehen soll, um ihm den Zutritt zu erleichtern, weigern wir uns. Nicht nur, weil das Heraus- und Hineinschieben ein gewisser Aufwand ist, sondern auch weil er uns dermaßen unsympathisch ist, dass wir ihn partout nicht im Auto haben wollen, denn er blättert schon wieder unsere Pässe durch. Ob er ein Problem habe, lenken wir ab. Nein, kein Problem. Dann hätten wir gerne unsere Pässe zurück. Er wolle ins Auto. Wir fragen zwar noch nach dem Grund, weil wir bereits seit der Grenze mehrmals kontrolliert worden sind und wir daher keinerlei Notwendigkeit für so viele „Haus“-Durchsuchungen sehen, sind aber bereits an dem Punkt, nachzugeben, weil man ja in der Türkei nie weiß, welche repressiven Maßnahmen der Polizei und den Soldaten zustehen. Aber da gibt der Polizei-Chef noch vor uns entnervt auf und wir dürfen einfach fahren. Das war die letzte Kontrolle; ab Alanya finden nur noch die üblichen Verkehrskontrollen statt, bei denen die Pässe gecheckt werden.

Als wir in Milas in der Mercedes-Werkstatt sind und die Räder von links nach rechts tauschen lassen, wollen wir auch gleichzeitig die Bremsbeläge überprüfen und siehe da: sie sind fast runter! Es müssen dringend neue Bremsbeläge her, aber Mercedes tut sich schwer, denn die originalen Beläge gibt es bei Mercedes nicht. Auch im Umkreis von Milas gibt es keine Bremsbeläge für uns. Und da man in der Türkei immer mit den Originalteilen losrennt, um auf dem Ersatzteilmarkt zu schauen, ob es Ersatz gibt, tut sich Mercedes schwer, diese von woanders herzubekommen. Und da wir nicht wissen, ob wir in Izmir Bremsbeläge bekommen, bestellt Alex diese schnell im Internet in Belgien und lässt sie über den ADAC in München nach Izmir schicken.

Sachen aus dem türkischen Zoll zu holen wird als beinahe unmöglich beschrieben, daher sind wir sehr gespannt, ob es uns gelingen wird. Letztlich ist es gar nicht schlimm, nur teuer. Mit einem Schreiben in der Hand von Mercedes Milas, dass diese Teile in der Türkei so gar nicht verfügbar seien, werden wir sofort beim türkischen Zoll am Flughafen Izmir vorstellig. Bei Lufthansa Cargo müssen wir Lagergebühren bezahlen, um die 100€, obwohl die Teile gerade mal 1 Stunde da liegt. Ab der ersten Sekunde wird so ein Wahnsinnsbetrag fällig. Wir erhalten ein Schreiben und gehen zurück zum Zoll. Nach einigem Hin- und Herrennen (Zoll, Lufthansa, Zoll, Lufthansa) haben wir nach wenigen Stunden unsere heißersehnten Ersatzteile. Mercedes Truck Izmir liegt günstigerweise direkt neben dem Flughafen, daher ist das die nächste Anlaufstelle noch am selben Tag, wo sofort für uns Platz gemacht gemacht wird, obwohl das ganze Werksgelände vollsteht, denn es ist Reifenwechselsaison. Neben den Bremsbelägen lassen wir noch die Thermostate sowie Dichtungen tauschen.

Von der Türkei soll es auf direktem Weg nach Deutschland gehen. Wir laden unsere Sachen ins Boot um, für das wir uns überraschenderweise und zu Alex‘ großer Freude sehr schnell entschieden haben, und fahren noch am 31. Dezember 2018 von Kuşadası Richtung Griechenland. Nach der ersten Etappe sind wir so müde, dass wir zum ersten Mal Silvester verschlafen. In Griechenland geht es mit der Fähre von Igouminitsa nach Ancona, Italien. Kaum in Österreich eingereist, fallen beide (!) B2B-Lader aus. Warum ausgerechnet BEIDE? Und warum ausgerechnet jetzt, wo wir den Benz verkaufen wollen? Es scheint, als sei der Benz sauer auf uns. Alex checkt und stellt fest, dass ein B2B-Lader erst kurz zuvor ausgestiegen sein muss. Der eine ist gänzlich tot, der andere zeigt nur noch zaghaftes Blinklicht. Eine Erklärung dafür hat Alex nicht. Dummerweise haben wir tags zuvor noch heißes Wasser mittels Energie aus den Akkus gemacht, weil wir ja locker immer voll geladen sind. Nun aber fehlt uns der Energieschub aus dem Motor während des Fahrens; von der Sonne können wir nichts erwarten: es schneit wie verrückt in Österreich, der Himmel ist bedeckt. Wir schicken die Ladegeräte sofort zum Votronic Service; wir haben ja noch ganz knapp Gewährleistung darauf. Es wird sich herausstellen, dass sich Lötpunkte im Inneren der Ladegräte durch das Gerüttel auf den schlechtem Straßen gelöst haben. Votronic reagiert so schnell, dass wir innerhalb von 3 (!) Tagen die reparierten Geräte zurückgeschickt bekommen. Das ist mal ein perfekter Kundenservice.

Wintereinbruch in Österreich
Wintereinbruch in Österreich: Schnee en masse, dafür kein Strom von der Lichtmaschine

Kurz nach Überschreiten der deutschen Grenze fällt auch noch die Eberspächer Dieselheizung aus. Das ist doof. Es sind -12 Grad im Süden Deutschlands und es soll noch kälter werden. Ausgerechnet jetzt fällt die Heizung aus, die doch die ganzen Monate völlig problemlos, ja sogar besser als angepriesen funktioniert hat. Der Benz scheint richtig sauer zu sein. Wir frieren. Angesteckt an 230-Volt Landstrom können wir mittels unserer Notfall-Elektroheizung den Raum, trotz der Minusgraden draußen wenigstens auf 22-23 Grad halten. Auch die Dieselheizung schicken wir schnell zum Eberspächer Service. Zunächst funktioniert sie im Test einwandfrei, aber auf Bitte von uns wird die Heizung dann doch in der Kältekammer getestet und siehe da: die Heizung hat wenig Lust, bei zu niedrigen Temperaturen zu arbeiten und fährt, wie bei uns auch, einfach immer wieder geregelt runter. Ein Haarriß auf der Steuerplatine ist der Übeltäter. Eberspächer repariert und schickt die Heizung in Windeseile zurück, so dass es nach wenigen Tagen wieder mollig warm im Benz ist. Auch hier sind wir sehr angenehm von dem perfektem Kundenservice überrascht.

B&K Federn
Umbau der Luftfederung auf Originalzustand: Verstärkte Federn und zusätzliches Federpaket

Unser Problemkind „Luftfederung“ steht noch auf unserer Liste der durchzuführenden Wartungs- und Reparaturarbeiten. Mit Herrn Back von B&K Federn und Fahrzeugteile in Mosbach finden wir einen kompetenten Fachmann in Sachen Federung. Der Rückbau ist sehr schnell und reibungslos realisiert, als hätte der Benz nie andere Federn gehabt. Er steht jetzt auch hinten wieder höher, was gesünder aussieht.  Nach Abschluss sämtlicher Arbeiten fahren wir den Benz noch durch die Waschstraße und übergeben ihn an die glücklichen neuen Eigentümer.

Bereits am 3. Februar 2019 geht es für uns zurück nach Izmir. Ein neuer Lebensabschnitt startet – nunmehr auf dem Wasser. Auch wenn der Abschied vom Benz wehtut und wir die Erlebnisse mit ihm auf keinen Fall missen wollen, freuen wir uns unendlich auf mehr Wohnkomfort, Lebensraum und neue Abenteuer unter Segeln. Schiff ahoi!

Umzug vom Benz aufs Boot
Umzug vom Benz aufs Boot
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2 Gedanken zu “Mit dem Benz auf letzter Fahrt

    1. Hallo Manfred,

      in den nächsten Blogeinträgen werden bestimmt ein paar Bilder dabei sein. Da es sich um eine Serienyacht handelt, wird diese natürlich nicht so im Fokus des Blogs stehen wie das Projekt „Selbstausbau Benz“.

      Ganz liebe Grüße aus der Türkei,
      Nicole

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