Khermen Tsav – Im Süden der Gobi

Nach der Sache mit dem gebrochenen Getriebehalter und dem dazugehörigen Schock sind wir verunsichert: weiterfahren? Laut Karte kommt ab Shinjinst wieder hunderte Kilometer lang kein Ort. Was, wenn wieder was kaputt geht? Aber die Neugier siegt und wir lassen uns nicht beirren. Wir können unmöglich so viel Pech haben, dass noch mal etwas bricht. Alex guckt extra noch mal nach sämtlichen Schrauben – alles fest, alles sieht gut aus. Nur der Auspuffkrümmer, der macht uns noch Sorgen. Die Auspuffschelle war ja in Kasachstan gebrochen und wir konnten noch keine neue besorgen. Da kommt Alex die Idee, dass wir noch mal im Dorf bei dem Schweißer nachfragen könnten. Und so stehen wir gegen 10 Uhr wieder beim netten Mann vom Vortag vor der Tür. Der lacht, als er Alex und die gebrochene Schelle sieht. Sofort macht er sich ans Werk und zwei Minuten später ist die gebrochene Schelle super geschweißt. Als Alex fragt, was er für die Schweißarbeit haben möchte, winkt er ab. Wir sollen fahren.

Wir nutzen noch kurz das schnelle Internet im Dorf (es ist immer wieder erstaunlich, dass es selbst in den kleinsten Dörfern fernab größerer Städte, mitten im Nichts LTE gibt!), um dann Richtung Wüste zu fahren. Zwei Tage fahren wir – noch immer mit mulmigem Gefühl – durch beinahe menschenleere Gegend (es gibt immer irgendwo in etlichen Kilometern Entfernung eine einsame Jurte) mit unzähligen Flussbettquerungen und Fahrten im trockenen Flussbett, vorbei an Sandsteinformationen, über Wellblechpisten und Kiesebenen, durch Sand – abwechslungsreicher geht es kaum. Der Weg ist zum Teil nicht erkennbar, teilweise ist der Weg in maps.me nicht vorhanden, so dass wir nur die grobe Himmelsrichtung halten. Weit entfernt sehen wir Kropfgazellen laufen. So plötzlich sie auftauchen, so plötzlich sind sie auch wieder verschwunden.

Der zweite Übernachtungsstopp ist an einem Fluss bei Dzulganay Bayan Burd, der mitten durch das Wüstengebiet läuft. Eigentlich wollen wir auf die andere Seite des Flusses, aber es gibt keinen befahrbaren Weg, denn die Kante ins Flussbett ist zu hoch und der Schlamm im Fluss schreit förmlich nach „Steckenbleiben“. So übernachten wir schön versteckt an einer Abrisskante, machen ein Lagerfeuer, grillen Fleisch und verziehen uns in Wohnmobil.

Spät am Abend hält ein UAZ über uns, zwei Männer und eine Frau kommen auf uns zu. Sie erzählen irgendetwas, das wir nicht richtig verstehen. Es sei wohl verboten, Holz von diesem Ort wegzunehmen. Oder ist Feuer nicht erlaubt? Keine Ahnung. Die Feuerstelle, die zu sehen ist, war schon vorhanden. Wir sagen, dass wir weder Holz genommen, noch Feuer gemacht hätten. Die drei gehen aber nicht, reden weiter auf uns ein. Wir verstehen kein Wort. Dann wollen die Männer Bier, Zigaretten oder was zu essen, was wir gerade so dahaben. Sie sehen nicht so aus, als hätten sie es nötig, danach zu fragen. Die Frau grinst die ganze Zeit und findet das alles lustig. Wir nicht. Plötzlich geht einer der Männer an unser Heck und nimmt einfach Holz weg. Da wir keine Ahnung haben, was das ganze Spiel soll, geht Alex raus. Er erklärt, dass das Holz aus Russland sei. Als er nicht weiterkommt und die drei einfach nicht weggehen, geht er einfach hoch zu deren UAZ, um den Mongolen zu zeigen, wie unangenehm das ist, einfach im Dunkeln zu einem fremden Auto zu gehen. Alex hat noch zwei weitere Frauen oben warten sehen und geht nun auf sie und das Fahrzeug zu. Das zieht. Die Frauen rennen kreischend weg und verschließen sich in den UAZ, die Männer laufen Alex hinterher. Es gibt noch eine kurze Diskussion wegen des Holzes, dann sind alle weg. Trotzdem bleibt das mulmige Gefühl: kommen die wieder? Was genau wollten sie? Einen Tag später erfahren wir von einem Guide, der gerade mit einem italienischen Pärchen unterwegs ist, dass das alles Quatsch sei; selbstverständlich dürften wir Holz sammeln und ein Feuerchen machen. Das war ein Trick, um uns etwas abzuluchsen.

Noch am Vormittag fahren wir weiter und erreichen am Nachmittag des 2. September 2018, nach weiteren 300 km ab Shinjinst, Khermen Tsav. Die Strecke ist abenteuerlich, führt mehrmals durchs teilweise matschige Flussbett, das mit einem großen LKW nur in der Trockenzeit befahren werden kann. Dann über mehrere Sanddünen einem selbstgewählten Weg entlang. Den Benz stellen wir oben aufs Plateau ab und laufen runter in den Canyon. Gewaltig! Man kann hier stundenlang herumlaufen. Der Guide vom Vormittag ist mit seinen Kunden hier unterwegs, aber sie sind schnell wieder weg und wir allein. Nach einem Rundgang machen wir es uns auf dem Plateau mit Blick auf den Canyon gemütlich. Diese Stille, dieser Ausblick – ein traumhafter Platz.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück kommen zwei Jeeps. Aus einem steigt ein Mann, der sich als Ranger ausweist und Geld von uns haben will. Zwar haben wir keinerlei Schilder gesehen, die darauf schließen lassen, dass wir etwas bezahlen müssten, aber ich habe davon gelesen. 3.000 Tugrik pro Person will er haben. Er versucht in die Wohnkabine zu gucken. Offensichtlich hat er die Schuhe im Schuhregal gezählt und kann nicht glauben, dass wir nur zu zweit sind. Da sich aber sonst niemand zeigt, will er 6.000 Tugrik haben. Wir geben 10.000. Er könne nicht wechseln. Ich bestehe aufs Wechselgeld, weil ich vermute, dass das ein Trick ist, das Geld einzustecken. Er geht weg, um Wechselgeld zu holen. Dann kommt er wieder und will uns eine dritte Karte verkaufen. Ich schüttle den Kopf. Ich will das Wechselgeld. Nach einigem Hin und Her rückt er endlich den 5.000-Tugrik-Schein heraus, der sich die ganze Zeit über in seiner Hosentasche befindet. Wir geben 1.000 Tugrik zurück und trinken unseren Kaffee aus. Die zwei Jeeps mit Touristen fahren wieder; wir auch. Es liegt noch eine lange Strecke nach Gurvantes vor uns.

Nach weiteren 140 km teilweise durch Gebiete, in denen wir keine Fahrspuren sehen (wir fahren teilweise nicht eingetragene Wege), über extrem schlechte Pisten, die nur Schrittgeschwindigkeit erlauben, erreichen wir Gurvantes. Von hier aus soll es Richtung Ulaanbaatar gehen…

Gurvantes: Hinweisschild
Gurvantes: Hinweisschild nach Nirgendwo

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