Wenn eine Reise plötzlich auf der Kippe steht…

Von Altai aus wollen wir sofort Richtung Gobi. Der kleine Abstecher zum Char Nuur hat uns mal eben eine ganze Woche gekostet. Es geht also erst einmal 385 km nach Osten nach Bajanchongor. Leider sind davon nur 127 km asphaltiert; der Rest ist Piste. Irgendwie ist das frustrierend, weil wir ja schon 660 km Piste hinter uns haben. Kilometer für Kilometer hoffen wir, dass sich der Straßenzustand verbessern möge. Tut er nicht. Ruppige Wellblechpiste ist das Beste, was wir kriegen können. Ein Großteil Bis Bajanchongor ist jedoch mal wieder Lochpiste oder Feldweg. Wir kommen nicht so schnell voran, wie erhofft und so schaffen wir die Strecke nur mit zwei Übernachtungsstopps.

Mongolei Bajanchongor
Bajanchongor: beim Wasserholen am Wasserhäuschen

In Bajanchongor füllen wir Diesel- und Wassertanks komplett auf, denn von hier aus geht es in die Wüste Gobi. Und so folgen wir dem Feldweg nach Shinjinst. Wir passieren eine U-förmige Sanddüne und überlegen kurz, zu übernachten, aber vor uns liegt noch eine langer Weg. 145 km hinter Bajanchongor steht plötzlich ein Schild mit einer verlockenden Kilometerangabe: nach links nur noch 80 km bis Shinjinst. Eine Abkürzung? Laut Navi müssten es nämlich noch locker 100 km sein; und diese Piste geht geradeaus. Aber die Verlockung, auch nur ein paar Kilometer auf diesen Feldwegen zu sparen ist einfach groß, also folgen wir dem Wegweiser. Kurz danach gabelt sich der Feld weg und wir wissen nicht, wo wir langfahren sollen, denn beide Spuren sind gleich genutzt und da ist guter Rat teuer, welche Spur von beiden nun zum gewünschten Ort führt. Das haben wir hier schon häufiger erlebt. Rätselraten. Wir geraten auf eine viel zu schmale Piste, die selbst für PKW schwierig zu bewältigen ist. Links ist die Piste durch Wasser zum Teil eingebrochen, rechts ist der Fels. Irgendjemand hat da einen großen Stein in den trockenen Wasserlauf gerollt, um fahren zu können. Als Alex jetzt mit dem Benz entlangrollt, schiebt sich der Brocken langsam zur Seite und das hintere Rad auf der Fahrerseite droht, in der breiten Rinne hängenzubleiben. Alex gibt Gas, der Aufbau wackelt, alles geht gut. Danach stehen wir mitten im Flussbett. Was jetzt? Der Weg geht nicht weiter; auf der anderen Seite des Flussbettes geht es nur auf einer Motorradspur weiter. Komisch. Doch falsch abgebogen? Wir fackeln nicht lange, biegen nach rechts ab und folgen dem Flussbett, weil wir wieder auf die richtige „Straße“ wollen.

Es dauert, bis wir sie erreichen. Es ist nicht die in maps.me eingetragene Straße, auf die wir stoßen – sie ist auf keiner unserer Karten eingezeichnet, aber da die Richtung stimmt, fahren wir sie einfach in der Hoffnung, dass sie durchgängig befahrbar ist. Was macht man nicht alles, um 20 km zu sparen. Über Berge, Hügel und durch Täler arbeiten wir uns Richtung Shinjinst durch.

Es ist Donnerstag, der 30. August 2018 gegen 15 Uhr. Wir sind gerade aus den Bergen raus, 250 km Bajanchongor entfernt (es gibt dazwischen keinerlei Ortschaften), da hören wir einen lauten Knall, spüren einen starken Ruck. Alex kann den Gang nicht mehr rausnehmen. Als Alex die Kupplung tritt, heult plötzlich der Motor auf. Alex drückt sofort auf die Motorbremse, aber es passiert 3 Sekunden lang nichts. In diesen Sekunden geht ihm durch den Kopf, dass der Motor kaputt sein muss; warum sollte sonst der Motor so aufheulen? Erst nach den drei Sekunden, die sich in diesem Moment wie eine Ewigkeit anfühlen, geht der Motor aus. Der Benz steht mitten auf dem Feldweg. Wir steigen aus dem Benz. Kühlflüssigkeit läuft vorne aus dem Motorraum – ein riesengroßer Schock. Alex Befürchtung, der Motor sei kaputt, verdichtet sich sofort bei dem Anblick. Wir gucken unter den Benz, weil wir wissen wollen, was da unter dem Auto gerumst hat, und sehen, dass der ganze Antriebsstrang runterhängt. Fassungslos stehen wir da. Keiner von uns sagt etwas. Um uns herum grüne Hügel; sonst ist hier nichts. Große Verzweiflung macht sich breit, weil das ausgerechnet mitten in der Mongolei passieren muss und es so aussieht, als sei alles kaputt. Alex schlägt die Hände erst über dem Kopf zusammen, dann hält er sie sich vor den Mund. Erster Gedanke: alles vorbei, Reise beendet! Ich schlucke: wenn Alex so reagiert, bedeutet das nichts Gutes.

Mongolei: Werkstatt im Freien
Werkstatt im Freien

Dann durchatmen und überlegen. Alex fängt, weil er irgendetwas machen muss, mechanisch an, nach der Ursache zu suchen. Er holt die Arbeitsdecke, legt sie unter den Benz und krabbelt unters Auto. Lange suchen muss er nicht: er findet den abgebrochenen Getriebehalter. Sowas geht eigentlich nicht kaputt. Dann holt Wagenheber und Spanngurte, um das Getriebe zu stützen, das auf der Kardanwelle liegt. Mit dem schweren 3/4″-Werkzeug baut er den Getriebehalter aus. Es ist ziemlich eng unter dem Auto, aber schließlich hält er das kaputte Ding in der Hand. Da war wohl ein Stümper am Werk, denn die Knotenbleche waren nicht durchgeschweißt; eher nur angeheftet. Jetzt ist die Frage, was wir machen? Wir haben kein Schweißgerät dabei, obwohl Alex schon immer eines haben wollte. Also steige ich mit Handy und Router bewaffnet auf den nächsten Berg und versuche, besseren Internetempfang zu bekommen. Wir haben nur 2G, vielleicht ist es oben auf dem Berg besser? Ziel ist es, im Notfall Hilfe zu organisieren. Ohne Getriebehalter können wir bei diesen Pisten nicht weiterfahren. Ein Schweißer wäre gut, oder wir müssten im Schlimmsten Fall abgeschleppt werden.

Wir kippen noch zusammen manuell das Fahrerhaus, bevor ich Hilfe organisiere. Gott sei dank sind wir aus den Bergen raus und stehen gerade! Der Antriebsstrang hat den Luftschlauch des Ladeluftkühlers und den Kühlwasserschlauch mitgerissen, aber glücklicherweise ist nichts kaputt. Wir stecken beide Schläuche wieder drauf, ziehen die Schellen fest. Alex füllt das Kühlwasser wieder auf. Das Gasgestänge klemmt komisch. Ist es verbogen? Aber es hat nur geklemmt. Alex startet den Motor: alles gut; der Benz läuft.

Wir sind 10 km von dem Dorf Shinjinst entfernt, sonst ist hier nichts. Ich nehme Kontakt zu Yakmobil (einer Tuningwerkstatt, dessen Chef Deutsch spricht) in Ulaanbaatar auf und bekomme seelische Unterstützung. Von ihm heißt es, er habe mal telefoniert, aber leider keinen Schweißer ausfindig machen können, also befürchten wir, 250 km (einfach Strecke nach Bajanchongor, insgesamt also 1-2 Tage) weit fahren zu müssen, um an einen Schweißer zu kommen. Und da muss man ja erst mal hinkommen; das heißt, wir müssten irgendwie an ein Taxi kommen, das uns hin und her fährt. Ich frage, was das Abschleppen kosten würde. Da wir so weit von allem weg sind (800 km von Ulaanbaatar), wäre das keine Option und viel zu teuer. Ich lasse mir vorsorglich das mongolische Wort für „Schweißer” geben, denn wir wollen trotz allem im Dorf fragen und zur Not die Taxifahrt organisieren. Ich stehe wieder bei Alex und erkläre ihm unsere Lage, während Trampeltiere kauend an uns vorbeilaufen. Ein paar Einheimische fahren knapp an uns vorbei, aber nur zwei halten, um zu fragen, ob sie helfen können. Sie sprechen kein Englisch und so ist die Kommunikation schwierig. Außerdem fahren sie alle in die falsche Richtung: vom Dorf weg. Wir müssten ja erst mal ins Dorf kommen.

Werkstatt im Freien
Werkstatt im Freien am zweiten Tag beim Einbau des geschweißten Halters

Es fängt an zu regnen. Die ganze Zeit sind dunkle Wolken um uns herum gezogen und waren gnädig mit uns, aber jetzt ist die Gnadenfrist verstrichen. Wir kippen das Fahrerhaus wieder zurück und machen es uns in der Kabine gemütlich. Gott sei dank stehen wir gerade! Es ist kurz vor 18 Uhr und wir beschließen, an Ort und Stelle zu übernachten. Ich habe ein bisschen Angst, dass einer mit seinem Auto in uns reinrauscht, weil wir auf einem der Wege stehen, aber wir keine andere Wahl.

Am nächsten Morgen fahren wir mit den Fahrrädern zum Dorf. 15 Grad sind es draußen und da wir keine Ahnung haben, was uns erwartet, haben wir eine Tasche voller Klamotten (Daunenjacke, Regenjacke, noch eine Jacke, Essen, Trinken, Stirnlampen, Ersatzbatterien) sowie eine Tasche mit dem Getriebehalter, der ist nämlich relativ schwer. Mit dem Fahrrad sind die Rüttelpisten auch nicht besser, stellen wir fest und sind stolz auf den Benz, wie er das so meistert. Alex‘ Idee ist, zur Dorfpolizei zu fahren, um nach einem Schweißer zu fragen.

Aber in der Polizeistation ist niemand, obwohl es jetzt schon 10 Uhr ist. Vor der Dorfverwaltung, ein Gebäude weiter nach rechts, treffen wir jemanden, den ich fragen, ob hier ein Schweißer wäre. Also, ich zeige nur das Wort auf meinem Handy, denn hier spricht niemand Englisch. Er nickt, wir sollen kurz warten. Wenige Minute später kommt eine Frau aus dem Gebäude, die mit ihrem Motorrad vorfährt und uns zu ihrem Mann bringt. Wir holen den kaputten Getriebehalter heraus, zeigen ihn und sofort holt er sein Schweißgerät raus.

Käse aus Yakmilch
Käse aus Yakmilch

Mit Sonnenbrille fängt er an zu schweißen. Währenddessen kommt seine Tochter und bietet uns etwas an, dass wie süßer Nougat aussieht, wir wissen aber, dass es sich um Käse aus Yakmilch handelt, von dem abgeraten wird, ihn zu essen, weil er für europäische Mägen nicht interessant sei und man Durchfall davon bekommen soll. Alex lehnt ab, aber ich fühle mich verpflichtet, ihn wenigstens zu probieren. Außerdem probiere ich sowieso immer alles. Ich glaube außerdem nicht daran, dass ich gleich Durchfall von sowas bekomme. Der Käse ist hart und schmeckt sehr säuerlich; wie vergorener Joghurt. Es ist keine Leckerei, also knabbere ich nur ein bisschen daran herum. Nach 15 Minuten ist der Mann fertig, hat den Halter besser geschweißt als er war. Wir sind begeistert. Seine Frau zeigt uns, dass wir 20.000 Tugrik zahlen sollen, umgerechnet 7€. Da er sofort und so gut gearbeitet hat, wir mithin unendlich froh sind, dass da überhaupt ein Schweißer ist, gibt Alex vor lauter Dankbarkeit das Doppelte. Er bedankt sich, schnürt einen Draht um den noch heißen Getriebehalter, damit wir gleich wieder wegkönnen. So lieben wir das: ohne großes Tamtam; das ist ehrlich!

Wir fahren zurück zum Benz und bearbeiten den inzwischen durch die Fahrradtour abgekühlten Halter. Dunkle Wolken ziehen wieder auf, aber es regnet nicht. Alex bürstet die Schlacke ab, reinigt ihn und besprüht ihn mit Farbe. Dann baut er den Halter wieder dran, während ich ihm assistiere. Aber es ist Schwerstarbeit, das Getriebe richtig zu positionieren, damit es verschraubt werden kann. Der Antriebsstrang ist verdammt schwer und gestützt wird er immer noch durch die Spanngurte und den Wagenheber. Mit einem zweiten Wagenheber kann Alex den Strang in die richtige Richtung drücken, bis die Löcher an der richtigen Stelle sitzen. Nach stundenlanger Arbeit hat Alex alles fest, ich drehe ein paar Runden und der Benz läuft wieder.

Am nächsten Tag habe ich Durchfall.

Advertisements

6 Gedanken zu “Wenn eine Reise plötzlich auf der Kippe steht…

  1. Hi, schön, dass ihr einen Schweisser gefunden habt. Weniger schön ist es, die Preise kaputt zu machen, indem ihr „das Doppelte“ von dem zahlt, was verlangt wurde. Der Nächste der kommt, wird dann u. U. über den Tisch gezogen. Ist ein Nogo, wenn man unterwegs ist.

    Gefällt mir

    1. Hallo Volker,

      wir würden das nicht „Preise kaputt machen“, sondern „dankbar und fair“ nennen. 14 Euro inkl. Material, Strom und den Begleitservice seiner Frau ist aus unserer Sicht angemessen. Dass es Menschen gibt, die damit umgehen können, hat der Schweißer schon bewiesen, in dem er am nächsten Tag noch die Auspuffschelle kostenlos geschweißt hat. Es handelt sich bei dem Schweißer übrigens nicht um eine Werkstatt, die ihre Dienste professionell an Touristen anbietet. Er hat uns in der Not geholfen und wir sind ihm dafür sehr dankbar.
      Dass sich in den nächsten Jahren noch einmal ein Tourist mit einem Schweißauftrag in seinen Ort verirrt, ist sehr unwahrscheinlich.

      Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass es falsch ist, mit Geld um sich zu schmeißen, allerdings finden wir eine an die Situation angepasste, faire und angemessene Bezahlung richtig und wichtig ist.

      Viele Grüße

      Alex&Nicole

      Gefällt 1 Person

      1. Naja, aber wenn ihr mit europäischen Masstab an die Sache herangeht, ist es nichts anderes, als „mit Geld um sich schmeissen“.
        Ich vergleiche das mal mit hiesigen Verhältnissen: Klingelt jemand an meiner Tür und fragt, ob er 10 Hühnereier von mir haben könnte, weil er die von der Strasse aus gesehen hat. Ich sage ihm: Ja, möchte ich 4 Euro für haben. Er gibt mir dann aus Dankbarkeit und weil er es fair und angemessen findet 8 Euro dafür (weil er z.B. aus Norwegen kommt und dort die Eier 8 Euro kosten).
        Ich nenne das Preise kaputt machen, ansonsten „mit Geld um sich schmeissen“, jedenfalls wollt ihr nicht wissen, was ich von dem Norweger halten würde 😉
        Der Schweisser hat euch seinen Preis genannt, 10-15% mehr wären „angemessen und fair“, aber so scheinen wir unterschiedlicher Meinung zu sein.

        Gefällt mir

      2. Hallo Volker,

        da wo kein Geschäft ist, kann man keinen Preis kaputt machen. Aber eines ist doch klar: dieser Mann hilft beim nächsten Mal einem anderen in Not gerne. Dein Vergleich mit den Eiern hinkt: es ging hier nicht um etwas, das man an jeder Straßenecke kaufen kann, sondern wir waren mitten in der Gobi, im Nichts in Not. Und in Europa hätten wir wohl die Schweißarbeit nicht für 14€ bekommen. Um aber Dein Beispiel mit den Eiern aufzugreifen: 10 Eier aus Freilandhaltung kosten um die 1,70€; die 4€ wären wären total überzogen.

        Der Preis des Schweißers war dagegen mehr als fair. Und: Wir überlegen uns vorher, was uns die Arbeit wert ist 😉

        Viele Grüße
        Nicole

        Gefällt mir

    1. Wir sind froh, dass der Benz so alt ist; wenn wir bei den Rüttelpisten noch Schwierigkeiten mit der Elektrik gehabt hätten… Aber an dem Beitrag sieht man mal wieder (und das sollte eigentlich die Quintessenz sein, dass es immer irgendwie weitergeht! 🙂

      Gefällt mir

Gib Deinen Senf dazu, Feedback ist uns wichtig!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.