Von kirgisischen Strafzetteln

So, wir haben inzwischen „viel Erfahrung“ mit der kirgisischen Polizei gesammelt und jetzt lohnt es sich, mal was über die kirgisischen Strafzettel zu schreiben, denn wir haben schon einige gesammelt und alle innerhalb von nur wenigen Tagen. Alles fing in Bishkek an. Bis Bishkek hatten wir keinerlei Vorfälle, was daran liegen mag, dass wir durch Gebiete gefahren sind, in denen sich kein Polizist für uns oder überhaupt für Autofahrer interessiert hat.

10.06.2018: Auf dem Weg in den Nationalpark Ala Archa im Süden Bishkeks fahren wir mitten durch die Hauptstadt und übersehen ein LKW-Verbotsschild. Das betrifft immer nur bestimmte Straßen des Stadtkerns. Da wir schon in vielen Großstädten LKW-Verbotsschilder ignoriert haben (zB Iran, Aserbeidschan), weil man sonst gar nicht erst in die Stadt kommt und wir uns nicht als LKW, sondern Sonder-KFZ über 2,8t verstehen, es bisher immer gut ging trotz Anwesenheit der Polizei, machen wir uns relativ wenig Gedanken. Die Kirgisen sind da anders drauf. Prompt, wir sind gerade auf die „verbotene“ Straße abgebogen, werden wir angehalten. Dieses Mal haben wird das Schild tatsächlich nicht gesehen und auch ich als Navigateuse war mir keines Vergehens bewusst. Alex diskutiert mit dem Polizisten, der kein Wort Englisch spricht. Alex, mit keinem Wort Russisch gesegnet, hält gegen seine Argumentation. Wörter wie „Sonder-KFZ „und „Avtodom“ interessieren den Polizisten genauso herzlich wenig, wie das Wort „Tourist“. Er läuft mit Alex zurück zur Straßenkreuzung und zeigt auf das „LKW-Verboten-Schild“. Er sagt, es koste 5.000 Som Strafe. Eine ganze Menge, das sind umgerechnet über 60€. Alex erwidert, das sei ja ganz schön viel. Leider hat er dem Polizisten bereits seinen Führerschein und den Fahrzeugschein gegeben; somit ist seine Verhandlungsbasis geschwächt, kann man sagen. Der Polizist ist gut vorbereitet und zeigt Alex die Liste des Bußgeldkatalogs, zeigt auf Preise, dahinter in kyrillischen Buchstaben die Vergehen. Alex lacht und erklärt, dass er das natürlich nicht lesen und da sonst was stehen kann. Der Polizist erklärt ungerührt weiter, dass er Alex‘ Führerschein jetzt einbehalte, er den Strafzettel schreiben würde, wir zur Polizeistation müssen, um dort zu bezahlen und den Führerschein wieder abzuholen. Das will Alex nicht. Keinen Bock, erst ewig in der Stadt rumzusuchen. Wir haben ja noch was anderes zu tun. Der Polizist hält bereits viele Führerscheine in der Hand und fängt auch schon an, den Strafzettel zu schreiben. Alex braucht Zeit zum Überlegen und steigt aus dem Polizeiauto aus, lässt den verdutzten Polizisten einfach sitzen. Er kommt zu mir, erklärt, was der Polizist will, wir beraten kurz und dann geht er wieder zurück. Alex fragt, was er jetzt zahlen kann, damit wir nicht noch zur Wache müssen. 3.000 Som will der Polizist haben, dann sei die Sache vergessen. Schließlich drückt ihm Alex 1.000 Som in die Hand. Der Polizist findet das entschieden zu wenig und meckert. Mit 2.000 Som gibt er sich schließlich zufrieden. Das ganze läuft im Polizeiwagen ab, so dass es niemand sehen kann.

12.06.2018: Das nächste Mal werden wir auf der Landstraße angehalten, Richtung Yssykköl, auf dem Weg zum Song Köl: der Polizist will 1.000 SOM. Warum, was war denn falsch? In Kirgisistan gäbe es eine Anschnallpflicht und Alex war nicht angeschnallt. Das stimmt. Seit Bosnien-Herzegowina fahren wir ohne Gurt, weil der sich immer so straffzieht und am Hals schneidet. Aber eigentlich bräuchten wir gar keinen Gurt, denn im alten Feuerwehrwagen war gar keiner drin. Wir haben das nur gemacht, weil es nunmal besser aussieht, Gurte zu haben. Alex will nicht zahlen, zählt stattdessen sämtliche Länder auf, in denen wir bereits waren. Vielleicht kann man die Polizei so lange zulabern, bis sie aufgeben? Der Polizist zeigt ein Bild mit rotem Punkt in der Kamera. Was das heißen soll?, fragt Alex. Dass er nicht angeschnallt war. Das könne ja sonst was heißen, erwidert Alex. Der Polizist bleibt dabei. Alex sagt, nein, das Auto sei über 30 Jahre alt, keine Anschnallpflicht. Jetzt will der Polizist 500 SOM. Wofür? Als Strafe. Er zeigt Alex den Bußgeldkatalog – kennt er schon, kann ihn immer noch nicht lesen. Dem anderen Polizisten sind die Diskussionen zu blöd und will Feierabend machen. Schließlich nimmt Alex dem Polizisten die Papiere einfach weg. Und was nun?, fragt der Polizist. Alex schüttelt ihm nur die Hand, verabschiedet sich und wir fahren weg.

22.06.2018: Wir werden angehalten. 60 km/h sei in den Bergen erlaubt, wir seien 74 km/h gefahren, erklärt der Polizist. 500 Som Strafe, umgerechnet 6,30€. Das kommt uns komisch vor, weil wir auf der holprigen Landstraße mit 60 km/h eigentlich eine gute Geschwindigkeit haben und wir relativ sicher sind, um die 60 km/h gefahren zu sein. Diesmal will der Polizist, dass wir zurück in die Stadt fahren und die Strafe bei der Bank einzahlen. Alex versucht kurz, auf 100 SOM runterzuhandeln, jedoch erfolglos. Der Polizist will eigentlich kein Bargeld annehmen. Erst, als er die 500 SOM in die Hand gedrückt bekommt, rückt er die Papiere wieder raus. 6,30€, na ja, das kann man verkraften.

Das mit den Original-Papieren ist aber extrem ungünstig, denken wir, und deshalb drucken wir uns einfach die Führerscheine und den Fahrzeugschein aus – wir haben jetzt Kopien. Beim nächsten Mal geben wir keine Original-Dokumente mehr aus der Hand – so der Plan. Ob das funktioniert?

24.06.2018: Auf dem Weg zum Yssykköl werden wir schon wieder von der Polizei angehalten: angeblich seien wir wieder 74 km/h gefahren. Moment, was? Schon wieder exakt 74 km/h? Merkwürdig. Der Polizist verlangt Führerschein und Fahrzeugschein, er bekommt die Kopien. Er will die Original-Dokumente. Alex verneint mit den Worten „Nej, nej, nej, Safe!“. Diesmal spricht einer der vielen Polizisten perfekt Englisch, so geht die Diskussion los. Alex lässt sich das Bild zeigen. Es ist sehr unscharf, unten links in der Ecke steht 74km/h, gemessen in einer Entfernung von 462m. Alex ist sich zu 99% sicher, dass er um die 60 km/h gefahren ist. Aber der Polizist in Zivil verweist immer wieder auf das unscharfe Foto im Erfassungsgerät (keine Ahnung, worauf der da gezielt hat – aber bestimmt nicht auf uns) und nur, weil die Unsicherheit über das, was uns später blühen könnte, wenn wir nicht zahlen, siegt, überreicht Alex widerwillig einen 500 SOM -Schein und lässt sich die Kopie wiedergeben. „Eigentlich bin ich doof“, sagt Alex hinterher, „ich hätte es drauf ankommen lassen sollen. Wer weiß, was der da gemessen hat?! Und der konnte noch nicht mal das Nummernschild erkennen, so unscharf war das Bild. Das nächste Mal zahl ich nix!“

Dummerweise hat es jedes Mal Alex erwischt. Nach der zweiten Begegnung mit der Polizei haben wir immer so getan, als wären wir angeschnallt; vor kurzem hat Alex dann die Gurte „überarbeitet“, dass sie nicht mehr so straffziehen und einen fast erwürgen. Wir beachten peinlichst genau die Geschwindigkeitsbegrenzungen (in Ortschaften ist meistens nur 40 km/h erlaubt!) und bremsen ab, wenn wir Polizei vermuten oder gar sehen oder wir gewarnt werden. Um uns nicht unter Druck setzen zu lassen, geben wir nur noch die Kopie vom Führerschein  und Fahrzeugschein heraus.

Jetzt, wo wir glauben ziemlich gut vorbereitet zu sein, sind wir nicht mehr ins Visier der Polizei geraten, wir haben noch nicht mal Polizei mit Messgerät in der Nähe gesehen…

Titelbild Strafzettel Kirgisistan


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