(Ent)Spannung am Song Kol

Noch am 15. Juni 2018 biegen wir auf der Hauptstraße A 365 zwischen Kochkor und Naryn ab zum Song Kol. Dabei handelt es sich um einen See in 3.016 m Höhe, der über mehrere Pisten zu erreichen ist. Auf der von uns gewählten schmalen Piste geht es relativ steil bergauf, um dann kurz vor Erreichen des Sees einen teilweisen Blick auf den Song Kol zu erlauben. Schon der Hinweg lässt Blicke auf eine malerische Landschaft zu, die am Song Kol noch getoppt wird.

Der erste Stellplatz liegt etwas vom See entfernt, begeistert jedoch durch die Kulisse. Wir stehen auf einem Plateau, blicken auf eine wunderschöne Flusslandschaft mit Jurten und jeder Menge Pferde und Rinder. Hinter uns die schneebedeckten Berge der Karakatty-Gebirgskette, vor uns die schneebedeckten Berge der Moldotoo-Gebirgskette. Grandios. Wir bleiben gleich drei Tage. Ich bin total erkältet und mir ist ohnehin nicht nach weiterfahren.

Dann wollen wir den Song Kol umrunden. Mit einer Fläche von 278 qkm ist er ziemlich groß, immerhin der zweitgrößte See Kirgisistans nach dem Yssykkol, so dass die Umrundung ganz schön dauert, denn die Piste ist stellenweise sehr schlecht bis gar nicht vorhanden. Wir fahren zum Teil auf der Wiese, Brücken sind eingestürzt, Alternativrouten haben sich gebildet und wir kommen nur schleppend voran, was uns aber nicht stört. Als wir pausieren, sehen wir um uns herum überall auf der Wiese Edelweiß.

Edelweiß in Kirgisistan
Edelweiß en masse: hier in Kirgisistan ist das Pflücken der in der Alpenregion geschützten Pflanze kein Problem

Und bevor ich gelyncht werde: Edelweiß blüht hier so viel, dass man sich noch so viel Mühe geben kann, nicht draufzutreten, es klappt einfach nicht. Pferde fressen Edelweiß, Autos fahren die Blümchen platt. Und deshalb pflücke ich mir ein paar Blüten, weil ich zuvor noch nie Edelweiß gesehen, geschweige denn angefasst habe. Und weil Frauen immer was zum „Fühlen“ brauchen, habe ich jetzt ein paar flauschige Blüten im Auto. So!

Am Song Köl grasen tausende Pferde, Schafe, Ziegen und Rinder. Und trotzdem finden sich herrliche Plätze für sich allein. So finden wir zufällig einen traumhaft schönen Platz direkt am Wasser mit Kieselstrand. Kurz sind ein paar Rinder zu Besuch, dann sind wir wieder allein.

Alex wirft mal wieder die Angel ins Wasser, bleibt aber leider erfolglos. Schwimmen ist uns zu kalt im nicht mal 10 Grad kühlem Nass, obwohl bei dem glasklaren Wasser die Versuchung groß ist. Und so packen wir am nächsten Tag schon wieder die Sachen, das Wetter verschlechtert sich und wir wollen wieder runter ins Warme. Es geht unter anderem direkt am Strand entlang, bevor wir wieder auf die Straße stoßen, die uns vor einigen Tagen zum See gebracht hat.

Auf dem Weg Richtung Hauptstraße A 365 kommen uns Busse entgegen, die Touristen zu den Yurt Camps bringen. Wir waren zum perfekten Zeitpunkt am See, denn es werden in den nächsten Tagen immer mehr Jurten aufgebaut, immer mehr Touristen empfangen. Einer von den Bussen hält neben uns und der Fahrer fragt, ob wir einem steckengebliebenen LKW helfen könnten? Welche Größe?, fragt Alex zurück. Unsere Größe, bekommen wir zur Antwort. Oh je…, aber wir werden es versuchen, sagt Alex. Auf der weiteren Fahrt überlegen wir, wo denn auf der Strecke ein LKW steckengeblieben sein könnte. Da war doch nichts? Er kann ja nur einen Abhang runtergerutscht oder auf einer Wiese hängengeblieben sein. Schnell sind wir uns einig: der steckt auf der Wiese fest und dann sieht‘s schlecht aus.

Unser Bild bestätigt sich. Ein SIL (зил) 6×6 steckt tief im Dreck. Und zwar bergauf. Anstatt schon bei der ersten Andeutung des besonders weichen Untergrunds umzukehren, hieß es „Dawai, Dawai!“ und schließlich hatten sich sämtliche Räder komplett eingegraben; die Differentiale stecken tief in der nassen Wiese. Die ist hier unter Wasser und wir müssen beim Laufen zum LKW schon aufpassen, nicht einzusinken. Der Fahrer will, dass wir mit dem Benz direkt zu ihm fahren. Er hat bereits sein Stahlseil eingehängt und nun sollen wir ihn herausziehen. Wir schütteln die Köpfe. Nasse Wiese kennen wir schon. Wir fragen, was er denn wiegen würde, denn ein Fahrzeug, das genauso schwer wie oder schwerer als wir ist, bekommen wir ohnehin nicht rausgezogen. 7,5 t, sagt der kirgisische Fahrer. Wir zweifeln etwas am Gewicht, wollen es aber trotzdem versuchen. Alex erklärt mittels Zeichensprache, dass sie die Achsen unbedingt freilegen und Steine unter die Räder bekommen müssen. Er will sogar unser Luftkissen holen, aber die beiden Kirgisen winken ab. Ihnen reicht, dass sie die Räder etwas freigelegt haben.

Unser Benz als Helfer am Song Kol
Benz in Rettungslaune

Mehr Arbeit wollen sie sich nicht machen. Wir sollen nur ziehen. Was soll‘s? Obwohl Alex schon ahnt, dass wir nichts werden ausrichten können, verbindet er unser 14t-Seil mit dem Stahlseil und gibt vorsichtig Gas. Der SIL bewegt sich – wie vermutet – rein gar nicht. Stattdessen reißt unser 14t-Seil. Damit ist für Alex klar, dass wir nichts weiter tun können und erklärt den beiden das Problem. Der Fahrer ist extrem enttäuscht, dass das schon der ganze Einsatz von uns gewesen sein soll. Wir können das ein bisschen nachvollziehen, machen aber definitiv nicht unser Heim kaputt. Wir bieten mehrmals an, einen von beiden mit ins Tal zu nehmen, so dass er Hilfe holen kann, aber das lehnen beide kategorisch ab. Sie wollen warten, bis ein Kamaz vorbeikommt. Na ja, denken wir, der wird aber auch nicht viel ausrichten können. Außerdem können sie dann wohl lange warten, wir haben nämlich keinen Kamaz am See gesehen…

Bevor es ins zentrale Kirgisistan geht, übernachten wir am Fluss. Dafür müssen wir den Fluss durchqueren, mal wieder. Lehrbuchmäßig zieht Alex die Schuhe aus und watet im Fluss umher, gibt dann schließlich Gas und fährt den Benz auf die andere Seite. Wir grillen und haben eine ruhige Nacht. Der nächste Tag ist wieder mein Fahrtag – so hat jeder von uns was von der Wasserdurchfahrt…


2 Gedanken zu “(Ent)Spannung am Song Kol

    1. Hallo Andrea, hallo Olli,

      das ist aber lieb, dass Ihr Euch meldet! Wir freuen uns sehr über ein Lebenszeichen von Euch! Leider war ja die Zeit in Dubai viel zu kurz; hätten Euch sehr gerne noch mal getroffen. @Olli: Alex angelt die ganze Zeit erfolglos und braucht dringend Tips von Dir 😀

      Ganz liebe Grüße von uns – natürlich auch an „King Arthur“ 😉
      Nicole

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