Im Sauseschritt durch den Iran

Es ist Montag, der 5. März 2018 und bereits nach Mittag. Mein Visum gilt nur 7 Tage und da ich davon ausgehen kann, dass das MFA nicht gewillt ist, mir einen längeren Aufenthalt als die Transittage zu geben, versuchen wir gar nicht erst, mein Visum zu verlängern. Wahrscheinlich bin ich geblacklistet. Und mit zwei Tagen Wartezeit, die höchstwahrscheinlich zu einem negativen Ergebnis führt, würden wir die Strecke auf keinen Fall mehr schaffen. Das heißt, wir müssen spätestens am 11. März das Land schon wieder verlassen.

Heute ist Alex Fahrtag. Uns erwarten 3 Polizeikontrollen, aber durch jede winken uns die Polizisten durch. Tankversuche scheitern. Der erste Tankstellenbetreiber winkt sofort ab, der zweite hat keine eigene Dieselkarte. Wir fragen bei einem LKW-Fahrer nach, aber der guckt uns nur abwertend an und steigt wortlos in seinen Truck, obwohl er uns genau verstanden hat. Der Fahrer eines kleinen LKW ist sehr hilfsbereit und stellt seine Dieselkarte zur Verfügung. Leider können wir mit seiner Karte nur exakt 18 Liter tanken; dann ist das Limit seiner Karte erreicht. Erst an der nächsten Tankstelle etliche Kilometer weiter haben wir Glück und können endlich volltanken. Wir schaffen 290 km und befinden uns irgendwo zwischen Bandar Abbas und Shiraz. Hinter Lar stellen wir uns neben der 67 einfach in die Pampa.

Ich fahre am nächsten Tag durch Shiraz. Eigentlich wollten wir mal kurz durch die Stadt laufen, aber wir verkneifen es uns: Shiraz sieht schrecklich aus, kaputt und verfallen. Wir fahren nicht genau mittig durch die Stadt durch, wo es möglicherweise einen schönen Stadtkern gibt, aber dort, wo wir fahren, sieht die Stadt ganz und gar nicht einladend aus und wir fahren schnell weiter. Ich fahre noch bis hinter Yasuj, dort fahren wir von der 55 ab auf eine Piste und stehen 200 m abseits der Autobahn am Fluss. Als es dunkel ist, klopft es an der Tür. Sofort vermuten wir die Polizei vor der Tür, wie bei unserer ersten Durchreise. Aber nein: Zwei Iraner stehen da und wissen eigentlich nicht so richtig, was sie sagen sollen. Die typische drehende Handbewegung, als würden sie ruckartig eine Glühbirne eindrehen wollen, dazu Farsi. Wir verstehen, dass wir mit ihnen nach Hause kommen sollen. Wozu? Was sollen wir da? Wir können uns überhaupt nicht verständigen. Wir haben bei Radomir in Montenegro schon gemerkt, wie anstrengend es ist, sich nicht unterhalten zu können. Man sitzt dann etwas ratlos da und muss sich Bilder angucken. Wir lehnen freundlich ab, aber die Iraner lassen sich nicht sofort abschütteln. Sie verstehen nicht, dass wir müde sind nach 470 km Fahrerei und außerdem ist es dunkel, die Männer wildfremd. Wir fahren mit dem Auto nirgendwo hin. Einer der Männer ruft plötzlich jemanden an, der angeblich Englisch spricht, und überreicht Alex das Telefon, damit er mit dem Mann am anderen Ende der Leitung reden kann. Aber der Mann am Telefon kann nicht wirklich Englisch und so gibt Alex das Telefon zurück. Irgendwann gehen die beiden Männer und wir sind wieder allein. Todmüde fallen wir schon früh ins Bett.

Am nächsten Morgen überdenken wir unser Bild vom Iran. „Auf der Westseite scheint es mit den Polizeikontrollen wesentlich besser zu laufen.“ sind wir uns einig.

Esfahan hätten wir sehr gerne gesehen; das sieht von Weitem vielversprechend aus. Aber überall Lkw-Verbotsschilder. In Shiraz war es schon manchmal eng, also lenkt Alex den Benz außen herum. Viel Zeit bleibt uns ja wegen meines Transitvisums ohnehin nicht. Und so fahren wir schnell weiter Richtung Teheran. 24 km hinter Delijan an der 65 biegen wir einfach in eine schmale Straße ein, um dort zu übernachten. Wir stellen uns direkt in die Prärie weit abseits der Straße, also kein Verkehr zu erwarten. Als es dunkel ist, hören wir dann doch ein Motorrad um uns herum die Hügel rauf und runter rasen. Schnell ziehe ich die Rollos hoch, weil ich mich ohne Kopftuch im Auto bewege und die Iraner grundsätzlich ungeniert ins Auto starren. Das Motorrad verschwindet dann auch schnell wieder und wir sind alleine in der Dunkelheit. Es dauert nicht lange, wir sitzen gerade nach dem Essen gemütlich auf der Couch, da klopft es um 19:42 Uhr heftig an der Kabine unter dem Fenster an der Sitzbank. Das kommt so unerwartet, dass ich vor Schreck laut aufschreie. Die Polizei steht da. Wir sind schon wieder bedient. Sie wollen unsere Pässe sehen. Alex geht raus und fragt, ob es ein Problem gäbe. Nein, kein Problem, aber es sei gefährlich. Was? Und warum? Das kann der Polizist nicht erklären. Es sei einfach gefährlich für Geld, Leben…, überhaupt. Das haben wir im Iran nun wirklich noch nie erlebt und es ist interessant, welches Bild die Polizisten von ihrem eigenen Land zu haben scheinen. Alex erklärt, dass wir nichts gefährlich finden und dass wir gerne hier schlafen wollen. Wir hätten eine lange Fahrt hinter uns und seien todmüde. Der Polizist will, dass wir mit zur Polizeistation kommen. Das sagt er derart bestimmt, dass, würden wir nicht das Theater schon kennen, wir sicherlich mitgefahren wären. Alex erklärt, dass wir auf keinen Fall mit zur Polizeistation kämen. Doch, da gäbe es alles, was wir bräuchten, erklärt der Polizist. Währenddessen umkreist uns der Motorradfahrer, fährt hinter uns auf den Berg, damit er in die Kabine schauen kann, aber ich habe das Rollo immer noch oben. Dann fährt er zum anderen Berg Richtung Küchenfenster und versucht dort sein Glück, ins Wohnmobil schauen zu können, aber wir haben alles dicht gemacht. Den Gefallen tun wir ihm garantiert nicht. Alex fragt, wer der Typ auf dem Motorrad sei. Er sei Polizist. Geheimpolizei. Aha. Und während Alex draußen diskutiert, merke ich schon, dass wir wieder verjagt werden. Ich wasche gerade schon mal vorsorglich das Geschirr vom Abendessen ab, da ruft auch schon Alex, dass wir wohl weg müssten. Irgendwann nimmt Alex dem Polizisten unsere Pässe einfach weg und kommt ins Auto. „Starte einfach schon mal den Motor, um zu signalisieren, dass wir wegfahren.“ sage ich. Der Polizist will immer noch, dass wir ihm auf die Station folgen. Ganz bestimmt nicht. „Wir fahren nach Teheran!“ sagt Alex bestimmt. Ich räume alles zusammen, hüpfe nach vorn und wir lassen die Polizei einfach stehen. An der Straße steht der Motorradfahrer wartend und telefoniert. „Arschloch!“ murmelt Alex leise zu ihm. Das Problem ist nicht unbedingt, dass wir wegfahren müssen, sondern dass es schon wieder so spät ist und wir einen neuen Platz im Dunkeln suchen müssen. „Ich will nicht, dass die gewinnen.“ sagt Alex mürrisch. „Deswegen fahre ich nicht mit denen mit. Die sollen merken, dass das scheiße ist, was die mit den Touristen machen.“ Ein Polizist hat sich sogar noch entschuldigt. Wir fahren wieder um die 20 km zurück, biegen auf eine schmale Straße, fahren noch ein paar Kilometer weiter auf einen Parkplatz am Nakhal Cave. Dort verbringen wir eine ruhige Nacht.

Am nächsten Tag fahren wir auf der Ringstraße unterhalb Teherans. Es ist wieder mein Fahrtag und ich quäle den Benz durch den dichten Verkehr. Wir überqueren unterhalb der Hauptstadt einen Fluss, in dem die Kloake Teherans Richtung Felder geleitet wird. Als wir drüber fahren, stinkt es so schlimm, dass es uns fast hochkommt. Der Müll türmt sich bei Teheran noch schlimmer, wird in die Flüsse gekippt, liegt haufenweise neben der Straße. Schutt wechselt sich mit Müll ab, verfallene Häuser, unendlich viele Bauruinen. Es sieht aus wie nach einem Krieg. Der Verkehr ist unerträglich. Die Iraner fahren ohne Sinn und Verstand, gucken nicht links, nicht rechts, fahren einfach drauflos, irgendjemand wird schon Platz machen. Aus drei Spuren mach fünf und zwischendrin quetschen sich Motorradfahrer vorbei in die noch so kleinste Lücke. Das wäre alles nicht schlimm, würden sie vor lauter Gucken auf unser Auto nicht unabsichtlich Spuren wechseln oder uns in die Seite oder vor das Auto fahren. Alle schauen aufs Handy: Autofahrer wie Motorradfahrer, fahren dadurch kreuz und quer, völlig unvorhersehbare Fahrmanöver lassen den Kreislauf auf Hochtouren laufen. Hupt man sie an, missverstehen sie das auch noch als Gruß. Und damit nicht genug: Straßenverkäufer versperren Spuren und verengen auch noch unnötig die Expressways. Eine nicht endend wollende Blechlawine strömt in und um Teheran und diese Stadt wird immer voller. Immer mehr Hochhäuser entstehen am Rande Teherans.

Wir wollen zum Skigebiet Darband/Schemachak im Norden Teherans und entscheiden uns dummerweise für den falschen Weg. Die 425 von Osten her wird ab Meygon für uns nicht passierbar. Die Felsen hängen zu weit in die ohnehin schon sehr schmale Straße und mit dem 3,6m hohen Benz kommen wir nicht weiter. Also den ganzen Weg zurück, wieder über Teheran. Wir wechseln, ich bin müde nach meinen 320 km und 7 Stunden Fahrt. Alex fährt jetzt. Über Karaj fahren wir auf die 59 Richtung Kaspisches Meer. Auf dem Weg liegt das Skigebiet Dizin, das neue angepasste Ziel. Auf dem Weg werden wir von der Polizei angehalten. Pässe. Angeblich dürfen Trucks wie unserer nicht in der Nacht fahren. Das koste richtig Geld, klärt uns der Soldat auf. Komisch, das haben wir ja noch nie gehört, geschweige denn Hinweisschilder gesehen. Er wolle mal nicht so sein, wir sollen aber auf keinen Fall mehr durch einen größeren Ort fahren. Und so halten wir kurz vor Asara und schlafen auf einem Parkplatz rechts neben der viel befahrenen Straße. Der Autostrom reißt nicht ab. Die ganze Nacht hindurch fahren PKW und LKW (!). Am nächsten Morgen schauen wir uns Dizin an, aber wir sind zu spät: der Schnee ist schon geschmolzen und nicht schön zum Skifahren. Ich wäre zwar gerne wenigstens eine Abfahrt gefahren, aber den Skipass gibt es nur für einen ganzen Tag und der kostet 30€ pro Person. Das ist uns unter diesen Umständen zu viel. Wir fahren wieder, wir haben ja ohnehin keine Zeit.

Und so fahren wir die Passstraße weiter Richtung Kaspisches Meer. Die ist so eng und kurvig, dass wir sehr viel mehr Zeit brauchen als gedacht. Die Strecke am Kaspischen Meer ist grauenvoll. Ein Ort grenzt direkt an den anderen, keine Möglichkeit zum Stehen. Müll wird direkt im Kaspischen Meer entsorgt. Es stinkt überall. Auch die Müllberge an der Straße werden nicht weniger, im Gegenteil. Der Anblick ist sehr traurig; das graue Regenwetter passt irgendwie dazu. Es ist extrem staubig, weil die Straßenränder und die Querstraßen nicht befestigt sind. Die Abgase der Fahrzeuge und der ganze Staub treiben uns schon seit Bandar Abbas immer wieder Tränen in die Augen. Ich habe seitdem auch wieder Nasenbluten. Nichts ist auch nur annähernd gepflegt. Das ist nicht das Persien, wie wir uns das vorgestellt haben. Wieder überall Bauruinen; links und rechts der Straße ist es voll davon. Furchtbar. Wir wollen dieses Land nur noch schnell verlassen. Aber die Strecke zieht sich und wir brauchen eine Ewigkeit. Iran ist das Land der Bumper, das ständige Abbremsen verringert unsere Duchschnittreisegschwindigkeit auf gerade mal 30 km/h. In Lahijan steht die Polizei im Kreisel und winkt uns zu. Ich missverstehe die Handzeichen und winke zurück. Wir wollen weiter, als ein Polizist uns im Kreisel hinterherrennt. Er will alles sehen: Pässe, Fahrzeugschein, Führerschein, Carnet. Dann sagt er immer „Irani Dokument“ und obwohl wir uns ziemlich sicher sind, dass er bestimmt die Versicherung, die wir dieses Mal nicht abgeschlossen haben, meint, ihm aber offensichtlich das Wort „Insurance“ nicht einfällt, stellen wir uns dumm und Alex sagt immer wieder, dass wir verzollt hätten in Bandar Abbas; alles sei in Ordnung. Als der Polizist wieder fragt, zählt Alex einfach unsere Reiseroute auf. Irgendwann reicht es dem Polizisten und er lässt uns fahren. Hinter Lahijan bei Kiyashahr finden wir noch am selben Tag einen tollen Übernachtungsplatz auf einer Straße Richtung Strand. Wir stellen uns neben die Bäume neben der Straße ins Grüne, stehen damit ein kleines bisschen verborgen, aber trotzdem sichtbar. Auf der Straße ist unheimlich viel los, Auto fahren hin und her, trotz schlechten Wetters. Die meisten Autos beachten uns nicht. Am nächsten Morgen lassen wir uns ein bisschen Zeit, weil wir locker in der Zeit liegen, da kommt die Polizei, die aus dem großen Ort kommt, extra zu uns. Kontrolle. Pässe. Der Polizist kommt mit Soldaten. Auf Farsi fragt der Polizist: Woher wir kommen, welche Route wir gefahren sind, wohin wir wollen. Alex erklärt alles, ahnt er schon, was der Polizist alles fragt, denn er kann kein Englisch. Aber da die Fragen immer gleich sind, können wir schon alles runterspulen. Die Soldaten machen sich ein bisschen lustig über den Polizisten und so ist diese Kontrolle nicht ganz so unangenehm. Unsere Visa stören ihn ein bisschen und er ruft jemanden an. Alex vermutet, dass er die Visa nicht lesen kann und die Datumsangaben komisch findet. Aber das ist nur eine Vermutung. Was genau immer für Stirnrunzeln sorgt, wissen wir bis heute nicht. Alles ist ok, sie drehen mit dem Auto um und fahren wieder zurück. „Da hat schon wieder jemand die Polizei gerufen, die sind nämlich direkt zu uns, und nur zu uns gekommen.“ stelle ich gernervt fest. „Was sind das für Menschen? Ich hab‘ so die Schnauze voll!“

Passstraße Iran
Die enge 59, die von Karaj nach Chalus ans Kaspische Meer führt

Wir haben nur noch 190 km vor uns. Das erscheint nicht viel, aber da wir die ganze Zeit durch Ortschaften fahren, brauchen wir etliche Stunden. Erst weit nach 16 Uhr des 10. März 2018, einen Tag vor Ablauf meines Transitvisums, erreichen wir Lavandevil und wollen heute nicht mehr über die Grenze. Zwischen Lavandevil und Astara (dem Grenzort) gibt es einen Campingplatz am Kaspischen Meer, den wir ansteuern. Der Campingplatz existiert nicht mehr. Er ist schon noch da, aber verwildert. Die Einfahrt wurde bereits zugesperrt, aber irgendjemand hat das Tor wieder aufgemacht; auf der anderen Seite hängt sie aus den Angeln. Hier haben ein paar Seelen aus restlichen Brettern und Planen notdürftig Unterkünfte gebaut. Wir stellen uns vorne mit respektvollem Abstand ans Wasser und beobachten, wie Iraner die angeschwemmten Muscheln aus dem Kaspischen Meer fischen und auf einen Hänger schmeißen, um diese dann zu verkaufen.

Am nächsten Tag stehen wir pünktlich am 7. Tag in Astara an der Grenze zu Aserbaidschan. Und ich freue mich tierisch darauf, mein Kopftuch wieder ablegen zu können.


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