Rückzug auf der SH61

Vom Korab wollen wir nach Tirana. Der kürzeste Weg führt über die SH6 und kurz vor Klos in der sehr engen Kurve links auf die SH61. Ob die Straße wirklich SH61 heißt, wissen wir nicht. Bei Maps.me ist ein großes Fragezeichen hinter der Straßennummer. Wir dagegen haben ein großes Fragezeichen im Kopf. Einen entgegenkommenden LKW-Fahrer fragen wir, ob es ein Problem sei, mit dem großen Benz die schmale Straßen zu fahren. Er guckt kurz und nickt: kein Problem. Bereits im Ort Fshat ist die Straße ziemlich eng, aber wir zwängen uns trotzdem durch. Wenden ist auf der schmalen Ortstraße ohnehin nicht möglich und wir können bereits den Ortsausgang erahnen. Auf der weiteren Fahrt wird es nicht besser: Die asphaltierte Straße hört exakt hinter dem Ort auf und führt als schmale Piste in PKW-Breite bergauf. Auf der Fahrerseite geht es steil bergab. Eine Herausforderung für uns beide (wir fahren ja abwechselnd) und für den breiten Benz, der schmalen PKW-Spur zu folgen. Die Piste ist einspurig, aber wir haben Glück, dass uns kaum Fahrzeuge entgegenkommen. Langsam tasten wir uns weiter nach oben. Die Serpentinen sind so eng, dass wir es mit unserem Radstand geradeso in einem Zug um die Kurven schaffen. Schließlich ist es dunkel und wir bleiben nach 6.5 km Pistenfahrt auf einem geraden Stück Wiese am Rand der Piste einfach stehen.

Übernachtungsplatz neben der SH61
Übernachtungsplatz neben der SH61

Am nächsten Tag geht es immer noch weiter bergauf. Es dauert nicht lange, da werden wir nicht nur seitlich begrenzt, sondern auch noch von der Höhe her: Bäume! Wir überlegen noch, ob wir weiterfahren sollen und sind gerade dabei, in einer Hofeinfahrt zu wenden, da kommt ein Mann die Straße entlang, den wir fragen. Er spricht gut Englisch. Später wird sich herausstellen, dass er Englischlehrer in der Schule des Dorfes ist. Ja, das sei kein Problem, wir könnten weiterfahren! Na wunderbar; also Gang rein und weiter. Es dauert keine 5 Minuten, da sind wir mitten im Dorf  Guri i Bardhë und… hängen fest! Es geht definitiv nicht mehr vorwärts. Die dicken Äste der Bäume hängen viel zu tief, als dass wir riskieren könnten, einfach durchzufahren. Rückwärts geht nun aber auch nicht mehr, weil es viel zu eng ist und wir blöderweise direkt hinter einer Kurve stehen. Also ziemlich ungünstige Situation für uns. Der Mann von eben hat uns eingeholt und guckt sich das Schlamassel an. Ja, da hätte er sich wohl verschätzt, sagt er. Noch während wir da stehen und mit dem Mann reden, kommen die ersten Dorfbewohner. Es fährt ja schließlich nicht ständig ein Expeditionsmobil durch den Ort, also sind wir eine kleine Attraktion. Alex und ich überlegen, was wir tun können. Normalerweise würden wir einfach unsere Säge zücken und die dicken Äste abschneiden. Das geht hier aber nicht. Die Bäume gehören dem Eigentümer des Grundstücks, der sich später als Akin vorstellt, und zu allem Übel hängen da auch noch Reben dran. Wir können also nicht einfach irgendwas absägen. Glücklicherweise ist der Eigentümer der Bäume zu Hause und bietet sofort an, die Äste abzusägen…, ohne Reben natürlich. Er schnappt sich unsere Fiskars-Säge, springt mit den Latschen aufs Dach (wie er das so schnell geschafft hat, weiß ich bis heute nicht), steht auf unserem Dachträger und sägt, was das Zeug hält. Ein älterer Herr mault ein bisschen rum, weil wir die schönen Äste absägen, aber es gibt nunmal keine Alternativen. Und dann wird die Fiskars-Säge noch schnell gegen eine Motorsäge eingetauscht; das geht schneller! Außerdem findet Akin inzwischen Spaß an der Aktion.

Schließlich stellt sich auch noch heraus, dass wir definitiv drehen müssen, weil das mit den Bäumen so weitergehe. Es stellt sich auch heraus, dass es zwar jemanden gibt, der verpflichtet ist, die Bäume auf ein entsprechendes Maß zu stutzen, aber der sei wohl nicht besonders fleißig gewesen. Wir müssen also in dem engen Dorf drehen. Alex schaut mit den Männern nach einem geeigneten Platz dafür und lotst mich da hin.

Festgefahren mit Benz
Alex diskutiert gerade mit dem Englischlehrer, ob der weitere Verlauf der Straße genauso aussieht; da hinten in der Kurve werde ich später drehen…

Ich drehe langsam in mehreren Zügen, weil noch ein Fahrzeug im Weg steht, aber schließlich stehen wir anders herum auf der Straße: Rückzug. Wir fahren wieder die Straße zurück; die Männer laufen neben dem Benz her und gucken mit, ob wir noch gegen Äste fahren, bis wir schließlich an dem Haus vorbeifahren, wo Akin wohnt, dessen Baum gestutzt werden musste. Er will, dass wir mit ihm einen Kaffee und Raki trinken. Da kann man schlecht Nein sagen. Wir wollen uns irgendwie bedanken. Also nehmen wir eine schöne Flasche echten russischen Vodka mit, in der Annahme, wir würden dem Mann eine Freude machen, weil wir nichts anderes haben. Mit der albanischen Geschichte im Kopf hätte man vielleicht auf die Idee kommen können, dass ausgerechnet russischer Vodka nicht so das richtige Geschenk sein könnte. Aber daran denken wir natürlich in dem Moment nicht. Jedenfalls winkt Akin ab und sagt, dass nichts über selbstgemachten Raki ginge; das sei das Beste überhaupt. Und schon sitzen wir mit Akin, dem älteren Mann, der eigentlich gegen das Beschneiden der Bäume war, und mit dem Englischlehrer im Wohnzimmer, das gleichzeitig Küche und Schlafzimmer darstellt, des kleinen Hauses und trinken Raki. Ich lehne erst ab, weil es ja mein Fahrtag ist, aber ich bin neugierig, wie Raki schmeckt. Anstatt mich einfach bei Alex kosten zu lassen, steht schneller als ich gucken kann ein Glas Raki bei mir und wir stoßen an. Alex wird noch mit x weiteren Gläsern anstoßen ‚wollen müssen‘… Der Englischlehrer übersetzt die ganze Zeit, weil sonst niemand Englisch spricht. Ob wir etwas zu essen haben möchten? Wir haben mächtigen Hunger und wir haben nichts mehr im Kühlschrank, weil wir noch einkaufen fahren wollten. Aber das sagen wir natürlich nicht und lehnen höflich ab. Akin lässt jedoch nicht locker und möchte unbedingt etwas anbieten. Da ich weiß, dass es als unhöflich verstanden werden kann, eine solche Einladung anzunehmen, akzeptieren wir das Angebot beim 3. Mal unter der Prämisse, dass es sich um eine Kleinigkeit handelt! Wir wollen uns schließlich nicht den Bauch vollschlagen. Also bekommen wir zuerst den türkisch-aufgebrühten Kaffee, den Akins Frau auf der Wohnzimmeranrichte mit einem Gasbrenner schnell zubereitet. Unglaublich lecker! Ich bin ja kein Kaffeetrinker, aber dieser Kaffee ist richtig gut! Dann bekommen wir Yellow Cheese (Kashkaval) – selbstgemachter Schafskäse und dazu selbstgemachtes Brot. Wir sollen zuschlagen. Sooo lecker! Wir können und wollen nicht alles aufessen, sonst hätte die Frau des Hauses immer mehr gebracht. Wir bekommen noch Tomaten aus dem Garten. Außerdem fragt uns der Englischlehrer, ob wir schon mal water milk getrunken hätten. Fragende Gesichter auf unserer Seite: Nein! Wir bekommen prompt ein Glas mit einem etwas säuerlich schmeckenden Getränk, das flüssiger ist als normale Milch. Inzwischen hat es angefangen zu regnen und wir machen uns Sorgen, dass wir bei der rutschigen Piste Probleme bekommen könnten. Aber wir sagen nichts und sitzen weiter nebeneinander auf der Couch.

Die Herren fragen uns ein bisschen aus, woher wir kommen, wie es uns in Albanien gefallen würde, wo wir bereits gewesen seien usw. Wir fragen, weshalb die Albaner alle Mercedes fahren. Antwort: Es sei ein gutes Auto. Dazwischen bekommen wir noch eine kleine Süßigkeit auf die Hand. Es dauert nicht lange, da schlägt das Gespräch leider etwas um: es geht plötzlich darum, dass es uns als Deutsche so gut ginge und den Albanern nicht. Was wir verdienen würden… Der Englischlehrer macht es uns einfach und erklärt uns, dass wir jederzeit gehen könnten. Er merkt, dass das Gespräch unangenehm wird und möchte uns die Möglichkeit geben, zu gehen. Also verabschieden wir uns freundlich. Akin will uns den russischen Vodka zurückgeben, aber wir finden, dass man Geschenktes nicht wieder zurücknehmen kann, also erklären wir noch einmal, es sei ein Dankeschön für alles. Er nickt anerkennend und gibt uns die Hand.

Wir fahren die 12 km wieder bis zur Hauptstraße SH6 zurück und müssen einen riesigen Umweg fahren, um zum nächsten Ziel zu kommen: die Hauptstadt Tirana! Allerdings werden wir durch Tirana dann doch nur schnell durchfahren, weil es uns zu hektisch ist…

Piste nach dem Regen
Die Piste nach unserem Besuch im Dorf; es regnet immer noch… :-/

2 Gedanken zu “Rückzug auf der SH61

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