Odyssee Teil 2 – Abgeschleppt: In einer Nacht- und Nebelaktion durch die Ukraine

Alex will möglichst früh los, damit wir so viel Strecke wie möglich machen können. Als wir am Morgen gegen 10 Uhr loswollen, knallt es mehrmals im Differential, es ruckelt ständig beim Fahren – und zwar bei jeder Umdrehung der Räder. Wir kommen gerade noch durch das Dörfchen, hinter dem wir übernachtet haben, und bleiben direkt am Ortsschild liegen. Nichts geht mehr. Worst case ist eingetreten; genau das, was wir befürchtet hatten! Und jetzt stehen wir aber auch noch blöd: direkt an einer Feldeinfahrt und direkt an der Hauptstraße in dem Ort.

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ganz hinten rechts an der Straße ist der Fusel stehengeblieben

Wir sind überrascht, wieviel Verkehr hier herrscht. Außerdem steht der Fusel nach hinten gekippt, weil es bergauf geht. Und damit wir nicht direkt auf der Straße stehen, hat Alex den Fusel etwas rückwärts und zur Seite rollen lassen. Dummerweise ist da aber eine Senke zwischen Straße und Wiese; wir stehen ganz, GANZ blöd drin.

Zum Glück haben wir aber noch weitere Probleme: 1. wir haben keine Internet-SIMKarte für die Ukraine und 2. unser Aldi-Talk Volumen ist stark beschränkt, weil im Auslandstarif die Minute 1 € kostet. Zwar hat Alex noch in Kiew am Restaurant schnell 60 € aufgeladen, aber 60 € sind eben auch nur 60 Minuten. Schöner Mist. Wir müssen uns also kurz halten.

Alex telefoniert mit FUSO wegen der weltweiten Mobilitätsgarantie (Organisation des Abschleppens). Die gilt aber nicht in der Ukraine. Genau wie in Russland sind wir aufgeschmissen. Also telefoniert Alex mit dem ADAC. Glücklicherweise sind wir Plus Mitglied. Wir geben sämtliche Daten unseres Fusels zur Höhe, Breite, Länge, Gewicht usw. durch. Alles klar, man kümmere sich. Wir gehen spazieren. Es ist ruhig, niemand ruft an. Komisch. Nach ein paar Stunden erdreistet sich Alex, wieder beim ADAC anzurufen. Diesmal ist ein Herr in der Leitung, er raunzt Alex ein bisschen an, von wegen das wär‘ halt die Ukraine und wir sollten gefälligst etwas Geduld haben, man habe schließlich alles getan. Also haben wir bis zum späten Abend Geduld. Um richtig schlafen zu können, müssen wir dringend den Fusel bewegen. Es regnet ständig und so warten wir die Regenpausen ab. Wir schauen uns etwas um und machen Folgendes: mit der Seilwinde ziehen wir uns bergauf bis zum nächsten Baum. Dann wollen wir uns mit der Seilwinde quer über die Straße auf eine Verkehrsinsel ziehen, aber wegen des starken Verkehrsaufkommens ist das heikel. Also fährt Alex im Schneckentempo (das klappt Gott sei dank) mit Geruckel und Getöse nach links auf eine Verkehrsinsel. Wir haben Glück, dass die Hinterachse nicht komplett blockiert. In Kurvenfahrten macht sich der Schaden am schlimmsten bemerkbar, weil sich die Zahnräder im Differential unterschiedlich schnell drehen; also knallt es beim Lenken besonders schlimm. Und da stehen wir also auf der Wiese der Verkehrsinsel am Ortseingang. Wir holen Bierchen raus und beobachten die beiden Ziegen, die uns gegenüber angebunden stehen. Sie werden jeden Abend abgeholt und nach Hause gebracht und am Morgen wieder dort hingestellt. Keine Ahnung, warum direkt an einer so befahrenen Straße.

Als sich bis zum Abend immer noch keiner meldet, ruft Alex wieder beim ADAC an. Wieder ist jemand anderes am Telefon; eine Dame mit Akzent. Er gibt erneut alle Daten durch. Sie würde sich gleich noch mal melden. In der Zwischenzeit halten etliche Dorfbewohner vor uns und bieten Hilfe an. Uns ist leider nicht zu helfen. Nachdem der Stand unserer Anfrage kurz gecheckt wurde, ruft die Dame vom ADAC zurück: man habe ein Fax (weil man nicht glauben will, dass es in der Ukraine auch Email-Verkehr gibt) in die Ukraine geschickt, aber in der Ukraine habe niemand das Fax lesen können und weggeschmissen. Also hat sich keiner gerührt, wie das so ist. Sie habe das aber selbst telefonisch geklärt, habe auch noch mal eine Email mit allen Daten geschickt und es würde sich jemand bei uns telefonisch melden, sobald ein Abschleppdienst in der Ukraine organisiert sei. Super! Später meldet sich ein Herr vom ADAC und sagt, es sei alles organisiert; vor 9 Uhr am nächsten Morgen komme aber niemand. Alles klar, wir sind beruhigt.

Alex steht am nächsten Morgen vorsorglich schon um 7 Uhr auf und will alles abreisefertig machen. So is‘ er. 🙂 Vor 9 Uhr soll zwar niemand kommen, aber dann! Warum sonst hätte der Mitarbeiter vom ADAC das so formuliert? Ich bezweifle das.

Weitere Dorfbewohner kommen und wollen helfen. Wir stehen ja schon seit gestern hier und fallen auf. Mit unserem Russisch-Google-Übersetzer (auch offline verfügbar!) können wir ein bisschen erklären, was los ist. Ob das Dorf uns irgendwie helfen könne? Leider nicht. Nicht beim Fusel. Es kommt sogar jemand, der uns zu essen geben möchte. Wir sind gerührt von so viel Hilfsbereitschaft! Da wird immer vor der Kriminalität in der Ukraine gewarnt und selbst die Ukrainer ermahnten uns: Seid bloß vorsichtig! Und dann erleben wir Hilfsbereitschaft in der größten Form!

Kurz vor 14 Uhr meldet sich Wladimir telefonisch. Er wurde vom ukrainischen Automobilclub informiert und ist Organisator des Abschleppens. Er will noch mal alle Abmessungen wissen, obwohl der ADAC eigentlich alles geschickt haben müsste. Wir geben erneut Gewicht, Höhe, Länge und Breite durch. Gerade will Alex die Koordinaten und den Ort durchgeben, wo genau wir stehen, da bricht plötzlich die Verbindung ab! Das Aldi-Guthaben ist aufgebraucht. Und weil wir keinen Internet-Zugang haben, kann Alex nichts aufladen. Wenn’s einmal läuft… Ich habe noch etwas Guthaben, weiß aber leider nicht, wieviel. Wir müssen also gut überlegen. Als erstes versuchen wir, eine SMS mit Ort, Koordinaten usw. an Wladimir zu schicken. Wir haben großes Glück: die Nachricht wird zugestellt. Allerdings wissen wir nicht, ob er sie auch lesen kann, weil wir keine Ahnung haben, auf welchem Endgerät die SMS gelandet ist. Mit meinem restlichen Guthaben versuche ich über die Aldi-Talk App mein Guthaben aufzuladen. Aber mein iPhone kann keine stabile Verbindung zum Internet aufbauen.

Also bangen wir, weil wir denken, dass der Abschlepper nun nicht kommt, weil er uns telefonisch nicht mehr erreichen kann. Gerade als Alex versucht, Wladimir mit meinem vielleicht letzten bisschen Guthaben zu erreichen, meldet sich Wladimir per SMS: alles ok, der Truck sei unterwegs. Wir fragen, wie lange er unterwegs sein wird? Ungefähr 2,5 Stunden. Vom ADAC bekommen wir gleichzeitig die Mitteilung per SMS, dass der Abschleppdienst in 4-5 Stunden eintreffen werde. Die ADAC-Schätzung trifft es fast: ca. 6 Stunden später, um 19:40 Uhr, ist der Abschleppdienst da.

Viktor und sein Fahrer laden den Fusel auf; dabei macht das Differential Geräusche, dass es wehtut: Die Seilwinde vom Schlepper ist nicht stark genug, um den Fusel allein raufzuziehen. Deshalb unterstützt Viktor mit Allrad und Untersetzungsgetriebe die Winde. Viktor scheint der Chef höchst persönlich zu sein. Beide sprechen kein Englisch und so verständigen wir uns mittels Zeichensprache und Übersetzungsprogramm. Der Abschleppwagen sieht mit dem Fusel drauf sehr hoch aus. Alex fragt die beiden, ob wir ein Problem mit der Höhe bekommen können, denn wir sind jetzt bestimmt 4,70 m hoch. Wir bekommen ein unsicheres Handgewackel als Antwort. Als der Fahrer mit dem Fusel dreht, schwangt unser Heim ordentlich hin und her, was nicht nur uns auffällt. Die Jungs befestigen unseren Fusel noch mit extra Zurrketten am Rahmen. Gegen 20:30 Uhr ist der Fusel abschleppbereit verladen.

Wir diskutieren noch kurz, wie wir die Abschleppkosten, die wir bis auf 300 € selbst tragen müssen, bezahlen können, denn wir haben keine Ukrainische Hryvnia dabei. Es wird ausgemacht, dass wir einen Geldautomaten in Grenznähe aufsuchen werden. Alex und ich fahren mit Viktor im weißen Van, den die Jungs mitgebracht haben, hinter dem Abschleppwagen her. Uns wird schlecht als wir sehen, wie sehr sich unser Fusel auf dem Abschleppwagen wegen der schlechten Straßen hin und her bewegt. Als dann noch der Fahrer auf die erste Brücke zurast, bleibt uns fast das Herz stehen. Viktor bremst ab, der Fahrer auch. Aber eben nur ein bisschen; wäre er hängengeblieben, wäre unser Heim futsch gewesen. Wahrscheinlich war etwas mehr Platz als man das von unserem Winkel aus sehen konnte, und trotzdem bangen wir bei jeder Brücke. Keine Ahnung, ob es auch in der Ukraine Mindestmaße für Brücken gibt.

Gegen 21 Uhr werden wir von der Polizei angehalten. Viktor geht mit dem Polizisten mit und regelt irgendetwas. Erst viel später kommen wir drauf, dass vermutlich fehlende Fahrzeugpapiere das Problem war.

Die ersten 260 km auf M-05 bis Odessa sind ok, aber als wir schließlich auf die M-15 Richtung Moldawien abbiegen, verschlechtert sich die Straße drastisch. Wohingegen die M-05 eine Art Autobahn ist, ist die M-15 eine sehr löchrige und zum Teil unbefestigte Straße. Es liegen fast 300 km Piste mit großen Löchern vor uns; unmöglich diesen auszuweichen, es sind einfach zu viele, große und dazu tiefe Löcher, teilweise 30-40 cm tief; so tief, dass der Abschlepper mit der Laderampe aufsetzt. Und so fährt der Schlepper zwar vorsichtig um oder durch die Löcher, sonst aber mit der doppelten Geschwindigkeit, mit der wir alleine diese Strecke befahren hätten. Die ganze Zeit neigt sich der Fusel auf dem Rücken des Abschleppwagens bedrohlich zur Seite. Wir haben nur ein paar dieser Szenen in einem Video festgehalten:

Alex guckt schon gar nicht mehr hin. Ihm geht die Frage durch den Kopf, was wir machen, wenn das Ding umkippt. Es ist mitten in der Nacht und dazu noch extrem neblig. Es geht also in einer Nacht- und Nebelaktion durch die Ukraine. Es ist, als wären wir auf der Flucht.

Um kurz nach 1 Uhr in der Nacht befahren wir das Grenzgebiet Ukraine-Moldawien, das sich auf der M-15 hinter Odessa befindet. Hier grenzt Moldawien an die Ukraine und die M-15 führt ziemlich genau an der Grenze entlang. Das geht alles sehr geschmeidig, weil unser Fahrzeug nur kurz notiert wird (keine Passkontrolle) und ein paar Kilometer weiter sind wir aus dem Grenzgebiet auch schon wieder raus, um weiter in der Ukraine zu fahren.

Um 2 Uhr in der Nacht halten wir endlich, um kurz zu schlafen. Wir hatten schon befürchtet, dass die Jungs die Abschleppaktion gnadenlos bis zur Grenze durchziehen wollen. Sie sind ja immerhin seit Kiew (!), also schon 5 Stunden bevor sie uns abgeholt haben, unterwegs. Sie sind extrem müde; genau wie wir. Wann es weitergehen soll? Um 5 Uhr! Ob das nicht ein bisschen wenig Schlaf sei, fragen wir? Nö, es bleibe bei 5 Uhr, sie würden uns wecken. Also schlafen wir in unseren Autos: wir im Fusel, der Fahrer im Abschleppwagen, Viktor im Van. Es ist eine unruhige Nacht: auch andere LKW parken auf dem Parkplatz an der Tankstelle und Hunde bellen in der Nacht.

Punkt 5 Uhr sind Alex und ich wach, weil der Fusel stark wackelt. Aber der Fahrer des Abschleppers hatte sich nur umgedreht. Auf dem Parkplatz ist ordentlich was los: LKW kommen und fahren. Und so dösen wir noch bis 6 Uhr und stehen dann mit verquollenen Augen auf, als die Jungs wieder los wollen. Im Nebel geht es weiter bis zur Grenze. Inzwischen haben wir uns fast an das bedrohliche Wackeln unseres Heims gewöhnt. In der Zwischenzeit wird nochmals die Zahlmethode diskutiert: statt einen Bankautomaten aufzusuchen sollen wir nun den Betrag überweisen. Viktor würde uns eine Rechnung per Email zukommen lassen, die wir bequem per Überweisung begleichen sollen. Wir sind überrascht, dass Viktor so entspannt ist, denn er hat ja keinerlei Sicherheiten von uns.

Ausgerechnet in Peni, im letzten Ort vor der Grenze, bleiben wir an den Telefonkabeln hängen. Wir sind falsch abgebogen und ein Kabel hat sich an unserem Dachfenster verfangen. Als Alex einfach mit bloßer Hand das Kabel anfasst, macht er sich keine Gedanken darüber, ob das vielleicht auch ein Stromkabel sein könnte. Ein VW-Bus hält neben uns und zeigt uns den richtigen Weg. Es geht mit viel Gekurbel um große Schlaglöcher herum, unter Gas-, Strom- und Telefonleitungen und vielen Bäumen hindurch. Einige Gasleitungen sind so tief, dass wir gerade so hindurchpassen.

An der Grenze verkündet uns Viktor, dass er uns gar nicht über die Grenze fahren könne, weil er keine Fahrzeugpapiere dabei habe. Wir fühlen uns ein bisschen unwohl: Zum einen war ausgemacht, dass er uns über das Grenzgebiet schleppt, zum anderen müssen wir die Grenzen nun aus eigener Kraft schaffen, ohne zu wissen, wie weit wir kommen. Alex hat die Idee, dass er zur Not die Steckachsen aus dem Differential ziehen könnte, um nur mit dem Frontantrieb zu fahren. Aber mangels Erfahrung wissen wir nicht, ob das so einfach geht und ob das Zwischengetriebe die volle Last nur vorne aushält. Es bleibt also spannend….

Im Nachhinein gesehen wäre die Grenzabfertigung für Viktor echt übel gewesen, denn diese wird Stunden dauern..

Wir sind sehr traurig, dass wir von der Ukraine nichts gesehen haben. Gerne hätten wir Kontakt mit den Lesern aus Ukraine aufgenommen, die regelmäßig unseren Blog verfolgen :). Vielleicht melden sich diejenigen mal; wir würden uns freuen!

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