„Lust auf ein bisschen Abenteuer?“ – Vom Helfer zum Geholfenen

Ursprünglich wollten wir nur über Sankt Petersburg ins Baltikum und dann weiter Richtung Süden. Nach Sankt Petersburg nahe der Grenze zu Estland überlegen wir es uns spontan anders: Russland gefällt uns soooo gut, dass wir länger bleiben wollen. Außerdem haben wir so viel Zeit und Geld in Visa und Osago (russische Haftpflichtversicherung) investiert, da muss es sich nun auch lohnen :). Der Diesel ist hier so schön günstig (beim derzeitigen Wechselkurs um die 50 Cent/Liter) und überall gibt es bisher Euro5-Diesel, also schwefelarm! Genau das, was unser Fusel braucht. Wir fahren also an Estlands Grenze wieder Richtung Süden. Zum Übernachten wollen wir an einem See stehen. Als wir den kleinen Ort passiert und schließlich gegen 19:00 Uhr auf dem Zufahrtsweg zum See stehen, ist der Weg sehr schlammig. Auf der Wiese kann man die schlammige Straße ein bisschen umfahren, aber uns ist klar: wir kommen definitiv nicht bis zum See und müssen auf etwas festerem Untergrund drehen. In der Ferne sehen wir drei Pkw, von denen ich erst denke, dass sie zum Spaß da rumstehen. Das Bild ändert sich, als wir uns zum Drehen etwas nähern: sie stecken alle drei fest!

Ein Ford Mondeo hat versucht, über besagte Schlammpiste zu fahren und ist bis zum Unterboden eingesunken. Wie er überhaupt bis dahin gekommen ist, ist uns schleierhaft. Und weil nichts mehr ging, wollte ihn wohl ein Jeep herausziehen. Bei dem Versuch ist der Jeep steckengeblieben. Also kam ein zweiter Jeep dazu, der vielleicht zuerst den Mondeo herausziehen wollte, es nicht geschafft hat und beim Versuch, den anderen Jeep herauszuziehen ebenfalls steckengeblieben ist. Alle drei können sich also, als wir am Ort des Geschehens eintreffen, nicht mehr bewegen. Alex fragt mich: „Lust auf ein bisschen Abenteuer?“ Klar! Wir bieten Hilfe an.

Die Russen sprechen kein Englisch und kein Deutsch, wir kein Russisch, also verständigen wir uns mit Handzeichen, auf Russisch und Englisch. Und als einer der Männer auch noch Alex‘ Namen von mir erfährt, hören wir nur noch „Alex! Alex! Alex!… Und Alex schwirrt der Kopf. Die Jungs haben schon eine Menge Vodka und Bier intus (das scheint das Klischee zu erfüllen, aber wir haben das sonst nie gesehen und hier scheint das situationsbedingt so gekommen zu sein, ist ja Wochenende). Der Mondeo soll als erstes herausgezogen werden, aber der steckt so tief im Schlamm, dass er sich überhaupt nicht bewegt. Also stellen wir uns zum zweiten Jeep, der als letzter in der Rettungsaktion steckengeblieben ist, und ziehen den auch erfolgreich heraus. Dann soll doch noch mal versucht werden, den Mondeo herauszuziehen. Der Jeep zieht und macht, aber der Mondeo bewegt sich nicht. Also wird der Jeep an den Fusel gehängt. Am Jeep hängt weiterhin der Mondeo. Alex lässt die Seilwinde laufen. Da der Pkw so tief im Schlamm steckt, bewegt er sich immer noch nicht. „Dawai! Dawai! Dawai!“ (Weiter! Oder: Los!) Wie heißt es so schön in Goethes „Erlkönig“: ‚Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!‘ Das Motto dieser Männer. Als wir die Seilwinde also nochmals laufen lassen, reißt beim Mondeo die Abschleppöse samt einem großen Stück des Kofferraumbodens heraus. Irgendwie sind wir erleichtert, dass wir nur indirekt an dem Mondeo gezogen haben. Der Eigentümer des Fahrzeugs schlägt die Hände über den Kopf zusammen und guckt sich den Kofferaum an. Ich darf ein Foto machen.

Jetzt widmen wir uns dem Jeep, der noch im Schlamm steckt, während der Mondeo-Fahrer gräbt und versucht, seinen Wagen mit unserem Wagenheber ein bisschen aus dem Schlamm zu drücken. Beim Versuch, diesen Jeep herauszuziehen, bleiben wir aber selber stecken. Obwohl wir gut auf der Wiese stehen ist aber der Untergrund in der Nähe des Jeeps derart weich, dass sich unsere hinteren Räder bis auf die Hinterachse in den weichen Boden graben. Jetzt geht bei uns nichts mehr. Die Männer reden durcheinander und haben tolle Ideen. Und weil sie so auf uns einreden, müssen wir uns umso mehr auf die eigenen Lösungsansätze konzentrieren, denn nicht alles, was die Jungs vorschlagen, macht Sinn. Alex muss sie ein bisschen bremsen. Jedenfalls werden Bretter herangeholt, der Fusel wird von hinten geschoben :), es wird gegraben. Sie sind wirklich unheimlich bemüht, nun uns zu helfen. Schließlich bietet der Jeepfahrer, den wir befreit haben, an, uns herauszuziehen. Wir versuchen zu erklären, dass das wahrscheinlich nicht funktioniert, aber er besteht darauf. Also Seilwinde an den Jeep und los geht’s. Wie befürchtet ziehen wir den Jeep nur näher an uns heran, uns aber kein Stück heraus. Und immer rufen sie: „Dawai! Dawai! Dawai!“ Schließlich müssen sie einsehen, dass das nicht funktioniert. Ich frage die Männer nach einen Traktor (Traktor heißt auf Russisch auch ‚traktor‘). Ja, sie würden einen organisieren; es wird telefoniert.

Fusel steckt in der Wiese fest

In der Zwischenzeit hat sich der Jeepfahrer bereits am Baum festgebunden, damit wir ihn nicht mehr zu uns heranziehen. Wir sollen wieder die Seilwinde anschmeißen. Und während Alex mit Seilwinde und Gas spielt, hat er Angst, den Jeep zu zerreißen.  Der Russe hat da weniger Bedenken und treibt Alex immer weiter an, es noch mal und noch mal und noch mal zu versuchen. Der Fusel bewegt sich zwar, schiebt aber nur den Boden vor sich her. Die Hinterachse ist zu schwer, um aus dem Loch herauszukommen. Der Jeep hält zum Glück, aber die russische gebastelte Verlängerung unseres Dyneemaseils nicht. Ein Karabiner ist wie eine Büroklammer aufgebogen und weggeflogen. Schließlich geben wir auf; Alex will den Jeep nicht kaputtmachen. Und da bin ich überrascht, dass die Männer das deutsche Wort“Scheiße“ kennen. Und so rufen sie: „Scheiße, scheiße, scheiße!“ Zwei der Männer fahren kurz weg und wollen den Traktor holen.
Gegen 23:30 Uhr ist der Traktor da mit zwei weiteren Helfern. Die Männer sind so hektisch bei der Aktion, dass sie einfach das Seil unserer Winde an den Traktor binden. Die Seilwinde ist aber noch ausgekuppelt. Noch bevor Alex sich sortieren und die Seilwinde einkuppeln kann, fährt der Traktor auch schon ruckartig an und zieht uns das Seil komplett von der Winde. Alex macht das Seil los und befestigt unseren 14t-Gurt an Fusels Vorderachse und an dem Traktor. Jetzt ist irgendwas mit dem Traktor: er qualmt fürchterlich und bewegt sich nicht, der Motor ist aus. Er wird per Hand wieder angeschmissen, der Traktor fährt an und zieht uns leicht aus dem Modder. Wir jubeln! Während er noch die anderen beiden herauszieht, bleiben wir dort und gucken uns das Spektakel mit an.

Wir bedanken uns überschwänglich bei allen. Es ist bereits Mitternacht. Einer der Männer, Yuri, lädt uns zu sich nach Hause zum „Russischen Champagner“, sprich Vodka, ein. Wir sollen ihm folgen.

Wir fahren im Dunkeln über die Wiese, ich filme noch, wie wir den anderen folgen. Und dann plötzlich ein lautes Geräusch! Was war das? Wir steigen aus und sehen, dass wir mit der Kardanwelle an einem Betonklotz hängengeblieben sind. Vom Regen in die Traufe… Das Zwischenlager der Kardanwelle ist verbogen und hört sich nicht gut an. Der Stein allein wäre gar nicht das Problem gewesen, wenn nicht der Untergrund so weich gewesen wäre. So aber sind wir eingesackt und stehen nun total ungünstig mit der Kardanwelle direkt über dem großen Betonklotz. Eine zweite Rettungsaktion folgt. Alle Männer dabei, der eine gräbt, der Traktorfahrer malt uns mit Stift und Zettelchen auf, was er gedenkt zu tun. Alex diskutiert zeichnend mit. Der Traktorfahrer will den Betonklotz seitlich herausziehen. Das Problem ist, dass der Klotz die Kardanwelle sofort berührt, sobald der Traktor den Klotz zieht. Also graben wir weiter. Andere Männer holen Holzlatten und bewegen somit den Betonklotz Stück für Stück zur Seite. Es dauert nochmals eine halbe Stunde, dann kann der Traktor wieder umsetzen und den Fusel zum zweiten Mal aus dem Modder ziehen.

Yuri steigt zu uns ins Auto und merkt, dass wir ein bisschen geknickt sind. „Mini-mini-mini-mini-mini-mini-Problem“ sagt er und ist guter Dinge. Er möchte, dass wir bei ihm essen und schlafen. Wir bedanken uns und zeigen auf den Fusel: wir haben ja alles dabei. Nach ein bisschen Hin und Her besteht er darauf, dass wir zumindest bei ihm essen.

Ein paar Minuten später sitzen wir bei ihm zu Hause. Er muss nochmal weg, aber seine Frau Natascha steht plötzlich vor uns und gibt uns zu essen und zu trinken. Wir sind überwältigt von der russischen Gastfreundschaft!

Wir unterhalten uns so gut es geht auf Russisch, Englisch und per Zeichensprache. Um 1:00 Uhr verabschieden wir uns, bedanken uns mehrmals und rufen danach Oli, Alex‘ Bruder an: Krisensitzung. Nach 1 1/2 Stunden gehen wir ins Bett. Alex grübelt die restliche Nacht, wie er das Mittellager der Kardanwelle wieder richten kann.

Am nächsten Morgen um 8:00 Uhr gucken wir uns beide den Schaden bei Tageslicht an. Alex hat eine tolle Idee: er zieht mit Spanngurten das Mittellager wieder in Position, während ich mit der Servicenummer von Fuso telefoniere und denen erkläre, was unser Problem ist, in der Hoffnung, von denen zu erfahren, was wir machen können. Aber die Notfallnummer berät nicht, sondern organisiert nur weltweit Abschleppdienste. Ob wir eine Kreditkarte hätten? Wo wir denn stünden? Gute Frage! Irgendwo in Russland zwischen X und Y sage ich. Ach so, Russland? Ja, da würde der weltweite Service aber gar nicht gelten. Wir sollen mit unserer Werkstatt Kontakt aufnehmen! Welche Werkstatt? Na die, zu der wir in Deutschland immer gehen! Haben wir nicht. Ja, dann wüsste er auch nicht weiter.

Schließlich ist aber die ganze Aufregung umsonst: Alex biegt mehrmals mit Spanngurten das Mittellager zurecht bis es wieder richtig sitzt und das Gummi nicht mehr schleift. Keine Geräusche mehr, keine hohen Temperaturen. Alles ok. Und nach etlichen Kilometern entscheiden wir, weiter durch Russland zu fahren. Werkstattaufenthalt nicht notwendig. Bei der kommenden Inspektion, bevor wir den asiatischen Raum befahren werden, werden wir alles tauschen lassen: sicher ist sicher.

Wir haben einen Film darüber zusammengeschnitten, den Ihr Euch hier ansehen könnt:


4 Gedanken zu “„Lust auf ein bisschen Abenteuer?“ – Vom Helfer zum Geholfenen

  1. Hallo Tobi, danke für Deinen Kommentar :)! Ja das sind so Momente, in denen man denkt: Och nöööö, nich‘ schon wieder…! Obwohl uns DIESES Abenteuer natürlich so nicht vorschwebte, als wir Hilfe anboten, war es eine interessante Erfahrung für uns 🙂
    Viele Grüße aus der Ukraine!

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  2. Hallo ihr Weltenbummler,

    ich verfolge gespannt alles auf eurer WebSite, aber warum funktionieren die Video´s nicht mehr?

    Wünsche euch einfachmal mehr Gück für 2017.

    Gruß
    Carsten

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