„No North Cape today“

Da es zu warm zum Skifahren ist, brechen wir unseren Aufenthalt am Montag, 14. März 2016, in den Lyngenalpen ab und ziehen das Nordkap einfach vor. Nach dem Wetterbericht soll es mindestens eine Woche lang regnen, also macht es keinen Sinn zu warten, bis sich das Wetter bessert. Um die 500 km weiter sind wir fast am Nordkap, aber eben nur fast. Wir stellen fest, dass wir im Winter nicht einfach so zum begehrten Ziel kommen. Da, wo die E69 in der Nähe von Skarsvåg einen Linksknick Richtung Nordkap macht, ist der Schlagbaum unten und leuchtet rot. Die letzten 13 km dürfen wir nur in Kolonne fahren. Es gibt einen festen Fahrplan: um 11 Uhr und 12:00 Uhr geht es zum Nordkap, um 13 Uhr und 13:45 Uhr geht es vom Nordkap zurück. Es ist 17 Uhr, die letzte Kolonnenfahrt haben wir also knapp verpasst. Wir entscheiden, auf einem schönen Parkplatz auf der Passstraße ein paar Kilometer vor dem Treffpunkt zu übernachten. Kurz bevor wir kochen wollen hält ein Lkw neben uns und hupt. Er warnt uns vor einem heraufziehenden Sturm. In der Wettervorhersage hatten wir zwar gesehen, dass es etwas windig werden soll, aber nichts, was uns jetzt Anlass zur Beunruhigung gegeben hätte. Als erfahrene Sturmaussitzer (siehe Island) fragen wir den Lkw-Fahrer nach der erwarteten Windstärke. So genau wisse er das nicht, aber vielleicht so um die 35 m/s. Oh, das kann schon was, denken wir. Er gibt außerdem zu bedenken, dass eventuell die Passstraße gesperrt wird. Wir bedanken uns. Eigentlich wollen wir den schönen ruhigen Parkplatz nicht aufgeben. Auf Island haben wir ja auch schon orkanartige Böen erlebt und gut überstanden. Wir beraten. Da wir nicht wissen, ob und wann der Sperrdienst kommt und wir wenig Lust haben, mitten in der Nacht vom Parkplatz „geräumt“ zu werden, entscheiden wir, den Sturm in Honnigsvåg, 14 km weiter, auszusitzen (gut so, denn zwischen 21 Uhr und 22 Uhr hat sich die Windgeschwindigkeit mal eben von 14,6 m/s auf über 30 m/s verdoppelt). Schließlich stehen wir auf einem vereisten Parkplatz (Parkplatz ohne Eis gibt’s um diese Jahreszeit fast nicht) am Rand des Ortes Honnigsvåg an der E69 direkt am Wasser, rechts von uns Berge, die uns Schutz bieten sollen. Der Wind nimmt immer mehr zu. Schließlich hat er Windstärke 10 erreicht mit orkanartigen Böen von mehr als 125 km/h, die das WoMo ordentlich durchschütteln. In der Nacht finden wir überhaupt keinen Schlaf, weil unser Fusel stark zu allen Seiten schwankt und immer wieder leicht angehoben wird, irgendwas scheppert ständig. Die Rollos bleiben offen, so haben wir die Umgebung stets im Auge und sehen, wenn sich das WoMo bewegt. Alex hat bereits Fantasien über ein WoMo, das vom Wind ins Meer geschoben wird und entwickelt im Halbschlaf einen Notfallplan.

Dienstag gegen 8 Uhr am Morgen erfasst eine Böe unseren Fusel so stark, dass er sich um eine Vierteldrehung Richtung Wasser dreht (trotz eingelegtem Rückwärtsgang, eingeschaltetem Untersetzungsgetriebe und Allrad). Wir sind sofort hellwach. Alex schreit: „Raus hier!“ Wir springen aus dem Bett. Da hat sich die Situation kurz beruhigt; Zeit, das WoMo und uns in Sicherheit zu bringen. Wir klettern schnell, wie wir gerade sind, durch den Durchgang ins Fahrerhaus. Wo wir vorher noch seitlich zum Wasser standen, blicken wir jetzt gerade in den Fjord. Das ist gruselig! Außerdem haben wir bei der Drehung nur knapp das Parkschild verfehlt. Die Böe hat uns in den Schnee gedrückt, der am Rand des Parkplatzes vor dem Wasser aufgehäuft liegt; das hat uns glücklicherweise gebremst. Wir starten den Motor und suchen einen Parkplatz direkt in Honnigsvåg. Böen drücken immer wieder gegen unseren Fusel und schieben uns von der Fahrbahn. Selbst im Ort werden wir den ganzen Tag durchgeschüttelt. Wir müssen aber zumindest keine Angst mehr haben, ins Meer gepustet zu werden. Den Tag nutzen wir zum Lesen; uns zieht es bei dem Sturm nicht raus.

Am Mittwoch starten wir einen neuen Versuch, obwohl wir bereits ahnen, dass wir nicht zum Nordkap kommen werden. Der Sturm hat nur minimal nachgelassen („nur“ noch Windstärke 9-10), also nach der Beaufort-Skala nur noch (schwerer) Sturm); der Wind drückt während des Fahrens seitlich auf das WoMo. Wir kommen nicht mal bis Skarsvåg: die Straße zwischen Honningsvåg und Skarsvåg ist gesperrt. Der Fahrer eines Schneeschiebers lässt sein Fenster runter: „No North Cape today!“ Als wir fragen, wie es mit morgen aussähe, zuckt er die Schultern: das wisse er nicht; das hänge vom Wetter ab und das könne sich schnell ändern. Also machen wir kehrt und fragen uns, während wir einen weiteren Tag in Honningsvåg verbringen, wie lange wir den Sturm aussitzen wollen, denn die Wettervorhersage hat keine guten Nachrichten. Wenn man kurz vorm Ziel steht, kehrt man nicht einfach um. Daher gehen wir kurz einkaufen und verbringen den Tag wieder mit Lesen.

Am Donnerstag sind wir optimistisch: in Honningsvåg sieht’s doch ganz gut aus, ab und zu blitzt mal blauer Himmel zwischen den schweren Wolken durch. Wir schmeißen den Motor an, dürfen auch die Straße nach Skarsvåg passieren und stehen vor dem Schlagbaum, der uns den Weg zum Nordkap versperrt. Die Sicht wechselt ständig von extrem gut auf extrem schlecht; alle 5 min Hagelschauer. Vor uns steht bereits ein finnischer Pkw. Einen Schneeschieber sehen wir nicht. Es ist zwar noch eine halbe Stunde Zeit, aber aufgrund des Wetters sind wir skeptisch. Wenn bereits einer wartet, denkt man immer, derjenige weiß mehr. Also warten wir mit. Und warten… und warten.. Irgendwann ist 11 Uhr vorbei, aber da denkt man dann, dass bestimmt um 12 Uhr noch jemand kommt, weil man hofft, dass sich das Wetter noch schlagartig ändert. Kurz vor 12 Uhr steigt die Beifahrerin aus dem Pkw vor uns aus und kommt zu uns: sie hätte angerufen und man habe ihr gesagt, dass der Weg heute versperrt bleiben würde. Wo wir es schon mal bis nach Skarsvåg geschafft haben, bleiben wir gleich an Ort und Stelle stehen. Nachts ist die Hölle los: der heftige Sturm muss eine Stromleitung lahmgelegt haben. Es werden zwei Masten gebracht, das Militär kommt mit zwei Fahrzeugen und zieht die Masten hinter sich her. Zusätzlich werden vier weitere Wagen und zwei Schneemobile für den Einsatz benötigt. Es wird die ganze Nacht durchgearbeitet und am nächsten Tag gibt’s wieder Strom.

Am Freitag steht um 10:30 Uhr der erste Schneeschieber vor dem Schlagbaum. Wir jubeln: das Warten hat ein Ende. Ein weiterer Schneeschieber (vielmehr eine Schneefräse) kommt hinzu. Trotzdem bleibt der Weg den kleineren Pkw versperrt, aber wir dürfen mit, denn wir sind schwer und haben Allrad-Antrieb. Es herrscht Windstärke 8; quasi nur noch eine leichte Brise :D. In einer Minikolonne mit einem Räumfahrzeug vorne weg geht es die letzten 13 km zum Nordkap. Wir fahren hinter dem Schneeschieber und halten viel Abstand, weil der so viel Schnee aufwirbelt, dass er komplett eingehüllt in einer Schneewolke fährt. Das Terrain ist derart ungeschützt, dass der Wind hier heftig gegen das WoMo drückt. Teilweise hat der Wind den Schnee so stark verweht, dass wir in einer schmalen Spur fahren müssen.

Das Nordkap ist ein Schieferplateau, das knapp 300 m steil aus dem Eismeer ragt. Es liegt auf der Insel Magerøya und ist durch einen Tunnel, dessen Bau fünf Jahre gedauert und rund 110 Mio Euro verschlungen hat, mit dem Festland verbunden. Dabei haben wir richtiges Glück: bis vor ein paar Jahren musste man noch viel Geld bezahlen, um durch den Nordkaptunnel (mit 6.875 m ist er der drittlängste Unterwassertunnel Europas; an der tiefsten Stelle liegt er 212 m unter dem Meeresspiegel) fahren zu dürfen. Da sich die Kosten des Tunnelbaus schneller amortisiert haben als gedacht, entfiel die Mautpflicht für den Tunnel bereits seit Mitte 2012. Das ist sehr schön, denn der Tunnel ersetzt die kostenpflichtige Fährverbindung. Übrigens: der Nordkaptunnel (und auch weitere Tunnel) verfügt über ein automatisches Rolltor an beiden Enden, das sich im Winter ab einer bestimmten Temperatur schließt und sich automatisch öffnet, sobald ein Fahrzeug den Detektor passiert. Mit diesem System vermeidet man Frostschäden.

Das Nordkap ist immer noch (oder nur noch?) 2.100 km vom Nordpol entfernt. Jährlich besuchen um die 200.000 Menschen in den zwei bis drei Sommermonaten diesen Ort. Entgegen der allgemeinen Annahme ist das Nordkap gar nicht der nördlichste Punkt Europas; das sind Inseln, die zu Spitzbergen zählen. Der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes ist die Landzunge Kinnarodden. Das Nordkap ist auch noch nicht mal der nördlichste Punkt der Insel Magerøya, denn das ist die benachbarte Landzunge Knivskjellodden; vom Nordkap kann man da hinlaufen. Aber egal, ein Plateau macht wahrscheinlich etwas mehr her als eine Landzunge, außerdem passen da bestimmt auch mehr Leute drauf…  :D.

Am Nordkap ist es so stürmisch, dass wir uns kaum auf den Beinen halten können.

Nach drei Fotos mit dem Handy ist der Akku vom Handy leer und die fotografierende Hand abgefroren. Wir verziehen uns schnell in die North Cape Hall, die teilweise in den Felsen gebaut ist (hier müssen wir 170 Nkr pro Person zahlen, Parkgebühr und Eintritt), gehen kurz ins Museum (keine Menschenseele zu sehen), trinken einen Kaffee und müssen dann auch schon wieder los: um 13 Uhr startet die erste Rückfahrt. Der Schneeschieber ist allerdings schon weg und die Schranke nach Skarsvåg versperrt uns den Weg. Wir müssen warten bis der zweite und letzte Schneeschieber um 13:45 Uhr fährt. Kaum sitzen wir im WoMo, kommen fünf Reisebusse an – Glück gehabt! Im Winter werden immerhin um die 200 Gäste pro Tag erwartet (Nordkap im Winter soll auch immer populärer werden).

Hat sich das nun gelohnt? Unter dem Gesichtspunkt, dass man mal dagewesen sein muss, wahrscheinlich schon. Außerdem ist ja der Weg das Ziel und allein landschaftlich lohnt sich das. Die Aktivitäten im Winter sind aufgrund des Wetters stark eingeschränkt. Ursprünglich hatten wir geplant, mit den Skiern zum Nordkap zu laufen. Unser Parkplatz hätte sich allerdings innerhalb der letzten 13 km befunden; keine Chance, aus der Kolonne „auszubrechen“. Außerdem war es dermaßen kalt, dass wir nicht die richtigen Klamotten dafür gehabt hätten. Alle paar Minuten gab es einen kräftigen Hagelschauer, die Sicht war teilweise sehr schlecht. Schon nach dem bisschen Rumlaufen auf dem Plateau waren wir komplett durchgefroren. Schade eigentlich.

Es geht wieder zurück in die Lyngenalpen; der Schneefall verspricht gute Bedingungen zum Skifahren. Auf dem Rückweg halten wir noch über Nacht in Hammerfest. Übrigens ist Honningsvåg mit ca. 2.000 Einwohnern die nördlichste Stadt der Welt, seit Honningsvåg 1998 den Status einer Stadt erhielt (damit hat sie Hammerfest den Rang abgelaufen, wobei Hammerfest immer noch mit dem Slogan „nördlichste Stadt der Welt“ wirbt)! Wobei: über die Definition „Stadt“ kann man sich da auch streiten. Wenn 2.000 Einwohner schon ausreichen, hätte Spitzbergen wieder eine nördlichere „Stadt“ zu bieten. Wegen der langen Winternächte bekam Hammerfest 1891 als eine der ersten Städte Europas eine elektrische Straßenbeleuchtung.

Verdammt: ich lese gerade, dass wir mit einem einmaligen Beitrag Mitglieder des Eisbärenclubs (The Royal and Ancient Polar Bear Society) in Hammerfest hätten werden können. Zu spät 😀


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