Dem Leben eine andere Richtung geben

Vor 20 Jahren durfte ich das im Jahr 1941 von Hermann Hesse verfasste Gedicht „Stufen“ rezitieren, das einfach zeitlos ist, nur dass ich die Bedeutung dessen, was ich damals rezitiert habe, zwar damals verstanden habe, aber heute erst begreife. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte und ich habe kein einziges Wort vergessen. Es steckt so viel Wahres in diesen Worten, die das ausdrücken, was ich fühle und erlebt habe, daher möchte ich mich gerne einiger Stellen dieses Gedichtes bedienen.

„…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben…“

Als ich nach langem Jurastudium endlich anfing zu arbeiten war das einer der größten Momente meines Lebens. Der große deutsche Konzern Siemens gab mir als Anfänger die Möglichkeit, einen abwechslungsreichen Job auszuüben, wofür ich unendlich dankbar war und bin. Ich reiste durch die Welt und verhandelte Verträge. Mein Traumjob. Auch wenn es manchmal sehr stressig war, machte es Spaß. Nach ein paar Jahren allerdings stellte ich fest, dass der Job sooo spannend nun auch wieder nicht war: es fehlte etwas. Ich hatte zwar immer wieder mit neuen Kunden, neuen Kulturkreisen zu tun, was im Rahmen der Verhandlungen durchaus spannend sein kann, aber im Grunde ging es doch immer und immer wieder nur um die gleichen Probleme, die Fragestellungen ähnelten sich. Was 2008 noch eine große Herausforderung war, entwickelte sich bereits nach 2 bis 3 Jahren zur Routine. 2013 grübelte ich schon, wohin und was ich eigentlich will. Mir wurde zwar immer wieder erzählt, dass es im Konzern so viele Möglichkeiten gäbe, sich weiterzuentwickeln. Welche Möglichkeiten das konkret seien, wurde nie  erläutert. Seit Anfang 2013 machte ich mir also Gedanken darüber, wie sich meine berufliche Zukunft entwickeln könnte: im Ausland arbeiten? In ein mittelständisches Unternehmen mit umfangreicherem Aufgabenfeld wechseln? Oder doch erst mal eine Auszeit nehmen, um sich über die Zukunft im Klaren zu werden? Mitte 2013 trat dann Alex unerwartet in mein Leben. Plötzlich war da jemand, der sich die gleichen Fragen stellte und gleiche Ideen vom Leben hatte. Gleichzeitig wurde es mit ihm einfach, da wir mit gleichem Spaß und Ehrgeiz an die täglichen Herausforderungen gehen. Als Alex Ende 2013 konkret mit der Idee kam, eine Auszeit gemeinsam umzusetzen, war ich überrascht, dass wir auch in diesem Punkt ähnliche Vorstellungen hatten. Ich dachte nun intensiv darüber nach, wie es sein wird, wenn ich meine Zeit selbst bestimmen kann.

„Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen“

Während meiner Zeit im Konzern habe ich irgendwo mal vor Jahren einen Spruch von Georg Christoph Lichtenberg gelesen: „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“ Die Monotonie des Lebens wird sich nicht ändern. Mut zur Veränderung heißt es, selbst wenn diese Veränderung ein Risiko birgt. Solange ich nichts ändere, gibt es auch keinen Fortschritt und keine Verbesserung. Alex hat den Grundstein dafür gelegt, mein bisheriges Leben zu überdenken und Mut zu einer Veränderung zu haben. Als wir das erste Mal über eine längere Auszeit nachdachten, kannten wir uns gerade mal ein halbes Jahr. Natürlich habe ich nicht sofort alles stehen und liegen lassen, dazu bin ich viel zu sicherheitsbewusst. Aber ich habe zum ersten Mal wirklich hinterfragt, was ich vom Leben erwarte und was mich glücklich machen könnte. Und diese Veränderung, ein Entfliehen aus der Monotonie, ob nun kurz- oder langzeitig, verursachte in mir ein warmes Bauchkribbeln. Aus der Idee, eine längere Auszeit zu nehmen, entwickelte sich langsam die Idee des Ausstiegs. Ich brauchte noch etwas Zeit, um mir klar darüber zu werden, dass ich einen Ausstieg mit allen Konsequenzen möchte, selbst wenn dieser Ausstieg nur ein paar Monate dauern würde. Etliche Monate, nachdem wir das erste Mal darüber sprachen, war ich mir sicher: Ich will diese Veränderung. Und auf diese Veränderung arbeitete ich ein Jahr hin.

„Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen, er will uns Stuf‘ und Stufe heben, weiten.“

Letztlich ist eine Veränderung auch mit einer Weiterentwicklung verbunden. In den Momenten des Zweifels dachte ich, dass es für mich ein Rückschritt wäre, alles aufzugeben. Schmeiße ich etwa die Chance, die mir das Leben gab, einfach so weg? Der Job im Siemens-Konzern war mein erster richtiger Job. Umso mehr hing ich daran, weil ich gar nichts anderes kannte. Ich fühlte mich in der Konzernfamilie geborgen und da ist es umso schwerer, einfach auszubrechen. Wenn man dann noch so gut bezahlt wird, fragt man sich zurecht: Warum sollte ich das aufgeben? Warum etwas ändern? Aber das Geld allein macht nicht glücklich. Ich habe mir während der Zeit, die ich gearbeitet habe, allerlei Sachen gekauft, die ich gar nicht brauchte. Ich hatte nur das Gefühl, ich brauche sie oder kann nicht ohne sie. So habe ich zB wunderschöne Schuhe gekauft, die ich nicht ein einziges Mal getragen habe. Daraus habe ich gelernt, dass es dabei lediglich um Ersatzbefriedigung geht, die nicht einmal lange anhält.

„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht erschlaffen.“

Die Wohnung wurde immer größer, das Auto immer luxuriöser, die Klamotten immer teurer, die Kleiderschränke immer voller (ich hatte sogar ein großes Ankleidezimmer nur für mich allein). Und so drehte sich die Spirale. Die Ansprüche stiegen, je mehr ich verdiente. Damit drehte ich mich immer weiter in der Spirale des Geldverdienens und Geldausgebens bis ich so hohe Ansprüche und/oder Ausgaben hatte, dass es fast kein Zurück mehr gab. Man gewöhnt sich unheimlich schnell an den Luxus, an die vermeintlich sichere Arbeitsstelle, dass man entweder gar nicht erst auf die Idee kommt, etwas zu verändern oder sich nicht vorstellen kann, auf etwas zu verzichten. Es fühlt sich doch alles so schön kuschelig und vertraut an. Aber ist das wirklich alles? Indem wir uns dieser Gewohnheit hingeben, lassen wir Gedanken an unbekannte Dinge gar nicht erst zu. „Das geht nicht!“ oder einfach nur die Angst vor dem Unbekannten lassen uns in der Gewohnheit verweilen. Man lebt nur noch vor sich hin. Die Jahre ziehen an einem vorbei, ohne dass irgendetwas wirklich Aufregendes passiert. Aber gerade das Unbekannte macht doch das Leben so reizvoll; macht einen lebendig.

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

Aus dieser Gewohnheit kann man nur ausbrechen, indem man etwas ändert. Nur wenn ich Veränderungen zulasse, lebe ich wirklich. Es dauerte eine Weile bis ich erkannte: Ich werfe nichts weg, ich entwickle mich. Ich wage etwas, was sich die wenigsten trauen. Und je mehr Monate vergingen, desto sicherer wurde ich: Immer wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. Es wird immer irgendwie weitergehen und ich werde immer einen tollen Job finden, wenn es notwendig ist!

Meine Zeit bis zum Beginn unserer Reise war wie ein Buch, das von anderen für mich geschrieben wurde: ich habe es immer und immer wieder gelesen, aber auch nach dem x-ten Mal Lesen haben sich die Kapitel nicht geändert. Seit unserer Kindheit ist der Lebensweg mehr oder weniger vorgeschrieben: Kindergarten, Schule, dann Ausbildung oder Studium, schließlich arbeiten und dann Familie gründen. Und andere geben vor, wie wir zu leben haben. 2015 war es also Zeit, dieses Buch zu schließen und ein neues Buch aufzuschlagen; ein selbstgeschriebenes Buch mit neuen Zielen, Träumen. Ich will das Leben nicht mehr einfach an mir vorbeiziehen lassen, im grauen Alltag leben. Ich will leben! Ich will genießen! Ich habe nur dieses eine Leben und auf dem Sterbebett will ich sagen können: „Ja, ich hätte nichts anders machen wollen!“

 

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Stufen von Hermann Hesse

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Wie jede Blüte welkt und jede Jugend 

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

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2 Gedanken zu “Dem Leben eine andere Richtung geben

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