Am Snæfellsjökull und: eine gefährliche Wandertour am Glymur

Jules Verne hat in seinem Buch den Snæfellsjökull (isländisch für „Schneeberggletscher“) als Eingang zur „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gewählt. Zu Recht! Schneeweiß thront er auf der Snæfellsness, der Halbinsel im Nordwesten Islands. Ursprünglich hieß er einfach Snæfell. Da man ihn aber nicht mehr von zwei anderen Bergen unterscheiden konnte, die denselben Namen trugen, hing man ganz einfach „jökull“ (das isländische Wort für Gletscher) hinten dran. Einige Zeit lang galt der Snæfellsjökull als höchster Berg Islands, weil man sich 1753 ein bisschen vermessen hat. Damals maß der Berg 2154 m und weil die Erstbesteiger bei der enormen Höhe Angst hatten, dass die Luft zu dünn würde, nahmen sie zur Sicherheit sogar Essigfläschchen mit. 1804 lag man bei einer erneuten Vermessung 10 m niedriger als der Berg tatsächlich ist. Erst 1910 legte man die Höhe auf 1446 m fest und so hoch ist er bis heute. Unser erster Versuch, bis zum Gletscher zu kommen, scheiterte aufgrund des schlechten Wetters: es war derart windig, dass wir uns kaum auf den Beinen halten konnten und so mussten wir bei Songhellir, den „Singenden Höhlen“ (ca. 2 km vom Parkplatz entfernt), bereits umkehren. Der Wind peitschte uns Hagel ins Gesicht, dass es wehtat. Am nächsten Morgen nun sieht das ganze anders aus: Die Sonne lacht, der Wind hat nachgelasssen, also starten wir zum Berg. Im Sommer kann man bis zu einem Parkplatz fast am Gletscherrand fahren. Jetzt im Winter geht das nicht: „impassable“ ist die Straße. Der Straße bis zum besagten Parkplatz müssen wir uns teilweise suchen, weil eine dicke Schneeschicht den Weg und sämtliche Markierungen unter sich begraben hat. Ski wären hier besser gewesen, weil wir tief im Schnee einsinken, was das Laufen erschwert. Bis zum Gletscher schaffen wir es leider nicht, aber der Blick auf den Berg und dessen Umgebung ist wundervoll:

 

Umgebung am Snæfellsjökull; hier Blick zum Stapafell und zum Atlantik
 
 
Das is‘ er: der Eingang zum Mittelpunkt der Erde, der Snæfellsjökull
 
Nächster Halt ist der Glymur-Wasserfall. Bis 2011 galt er als höchster Wasserfall Islands. Der Morsárfoss (227 m) wurde erst 2007 entdeckt und 2011 vermessen und hat dem Glymur seitdem den Rang abgelaufen. Als wir den Weg zum Fluss folgen und schließlich am Wasser stehen, ist der Holzbalken an Land gezogen; auf der gegenüberliegenden Seite. Alex hat gelesen, dass der Wanderweg ein Rundweg sein soll, also laufen wir linksufrig den Berg hoch. 

  
Da es verschneit ist, gibt es keinen Weg. Das letzte Stück vor der Bergkuppe ist so steil und vereist, dass Alex mit einem Stein Trittstufen schlagen muss, damit wir überhaupt hochkommen. 

 

Linksufrig am Glymur-Wasserfall
  
Alex schlägt mit einem Stein Tritte in das harte Schneefeld
 
Oben angekommen hören wir zwar, sehen den Wasserfall jedoch nicht: wir stehen auf der falschen Seite. Die Enttäuschung auf meiner Seite ist riesengroß. Die Umgebung auf der anderen Seite des Wasserfalls ist so stark verschneit, dass wir keinen Weg sehen können. Weil wir ungern einen Weg zweimal gehen und zumindest auf der anderen Seite schauen wollen, laufen wir den Fluss entlang; auf der Suche nach einer Überquerungsmöglichkeit. Von oben habe ich eine „Eisbrücke“ gesehen; dh, an dieser Stelle ist die Oberfläche des Flusses noch gefroren. 

 

Auf der Suche nach einer Überquerungmöglichkeit; Eisbrücke…, dahinter geht’s 200m in die Tiefe
 
Alex ist das berechtigterweise zu gefährlich; wir haben ja kein Rettungsequipment dabei. Wir laufen das linke Ufer am Fluss ab, finden aber keine geeignete Stelle zum Überqueren. Ich mache dieses Gesicht und zeige auf „meine“ Eisbrücke. Und dann machen wir etwas, das man nicht tun sollte: Alex tastet sich auf allen Vieren auf dem Eis vor und robbt schnell über das Eis auf die andere Seite. Ich hinterher. Unter der Eisplatte rauscht der Fluss. 

 

Gefährliche Überquerung des Flusses Botsná; links geht’s ein paar Meter weiter 200m in die Tiefe
  
Fluss unter der Eisbrücke
 
Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn die Eisplatte nicht gehalten hätte! Erleichtert stehen wir nun also auf der anderen Seite, sehen aber keinen Weg. Wir müssen ihn uns suchen. Den Wasserfall sehen wir von hier aus ja immer noch nicht; wir müssen ein Stück an der Schlucht entlang. Nun stehen wir vor einer schwierigen Entscheidung: wagen wir den Weg vorwärts angesichts der Tatsache, dass es langsam dunkel wird und wir uns den Weg selbst suchen müssen oder kehren wir um und riskieren eine nochmalige Überquerung des Flusses? Wir entscheiden: es soll weiter gehen. Wir erinnern uns kurz an das Problem Flussüberquerung weiter unten und entscheiden, dass wir notfalls barfuss durchmüssen. 

 

Überquerung eines einfachen Schneefeldes; rechts geht’s in die Tiefe
 
Und auf dieser Seite sind die steilen Eis- und Schneefelder besonders gefährlich: ein falscher Schritt, ein Abrutschen lässt einen direkt nach unten fallen; 200m in die Tiefe. Alex haut wieder mit einem Stein Tritte in die Eisfelder. Augen zu und durch, nicht nach unten gucken, Körperspannung und Konzentration. Und als wir die drei gefährlichen Eisfelder überquert haben, zittern uns die Knie. Durchatmen. Es wird immer dunkler und wir müssen uns beeilen. Wir können nur einen kurzen Blick auf den Wasserfall werfen, denn vor uns liegt noch ein langer Weg bis zum WoMo. 

 

Der zweitgrößte Wasserfall Islands: der Glymur im Winter
 
Unter anderem müssen wir einen Klettersteig entlang; einem total vereisten Klettersteig. Wegen der vorhandenen Seile zum Festhalten ist das Herumrutschen nur halb so schlimm. Die Sonne ist bereits am Horizont verschwunden als wir den Fluss erreichen. Ich bin zu allem entschlossen, aber glücklicherweise können wir die Schuhe anbehalten. Die Überquerung des Flusses wird buchstäblich zum Drahtseilakt: ein Drahtseil ist über den Fluss gespannt und irgendjemand hat notdürftig eine Art Sitz gebaut, aus einer Holzplatte mit einem Seil – der auf der anderen Seite liegt. Also hangeln wir uns einfach an Armen und Beinen über den Fluss. Dabei kommen wir dem Fluss so nahe, dass zumindest bei mir die Mütze nass wird.

 

Eine Flussüberquerung wird zum Drahtseilakt
 
Der restliche Weg ist ein Spaziergang, wobei ich abrupt aufschreie: da stehen plötzlich zwei Schafe rum, die mir erst auffallen als wir fast neben ihnen stehen:

Vorsicht vor plötzlich herumstehenden Schafen!

Zurück am WoMo schauen wir uns das Eingangsschild mal genauer an:

  
Ahhhh ja…
Fazit dieser Tour: bitte nicht nachmachen. Von Magnea haben wir später erfahren, dass es im Winter die Möglichkeit gibt, den Canyon entlang bis zum Wasserfall zu laufen, wenn der Fluss genügend zugefroren ist. Bestimmt ein tolles Erlebnis!


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