Jersey und: Auf der Jagd nach der berühmten „Jersey Black Butter“

Auf dem Weg durch Frankreich schauen wir immer wieder die Wettervorhersage: wir hoffen auf Sonne, wenn wir mit den Rädern zu den Kanalinseln fahren. Die einzigen (einigermaßen) sonnigen Tage, die uns angezeigt werden, sind vom 21. bis 23. August. Davor und danach ist Regen angesagt. Genau diese Tage werden also für die Kanalinseln geplant, nicht ohne immer wieder Petrus zu bitten, doch gnädig mit dem Wetter zu sein. Heute, am 21. August 2015, geht es also planmäßig nach Jersey. Die Fährverbindung haben wir gestern bereits gebucht.

Da um Punkt 8 Uhr die Fähre ablegt, wir eine Stunde vorher im Hafen sein sollen, müssen wir bereits gegen 6 Uhr am Morgen aufstehen – eine unchristliche Zeit für uns, sind wir doch bereits gemütliche 9:30 Uhr gewöhnt. Es ist stark bewölkt. Die Überfahrt nach Jersey dauert fast 1 1/2 Stunden, aber wir verlieren erstmal keine Zeit, denn die Uhren werden bei der Ankunft in Saint Helier zurückgestellt: wir sind auf Londoner Zeit. Wie praktisch! Das Wetter ist wesentlich besser als bei der Abfahrt: der Himmel ist blau, die Sonne lacht. Nach Verlassen des Hafens landen wir sofort auf der „falschen“ Straßenseite: hier herrscht nämlich Linksverkehr.
Mit Räder und Gepäck wollen wir mal eben komplett um die Insel rum. Dabei verschätzen wir uns gewaltig: so gesehen ist Jersey mit 118 qkm ja relativ klein. Von Nord nach Süd misst die Insel gerade mal 8 km, von West nach Ost schon 14,5 km. Sauber, denken wir, das sind ja nur 45 km; schaffen wir locker an einem Tag. Wir fahren einfach drauf los, im Uhrzeigersinn. Wir fangen in Saint Helier an, fahren durch die schöne Innenstadt…

Fußgängerzone in Saint Helier

… und frühstücken in der großen Markthalle in der Innenstadt:

 
In der Markthalle steht in unserer Nähe ein Klavier mit einer Notiz, dass man doch bitte nur spielen solle, wenn man’s denn auch könne. Später setzt sich tatsächlich jemand an das Instrument und spielt; und das sehr gut! Gerade richtig zum Frühstück!

Ein Klavier in der Markthalle: „Only play if can, don’t if you can’t!“

Wir fahren die Küstenstraße entlang…

Der Hafen von Les Jardins de la Mer

…die immer wieder wunderschöne Blicke
bietet:

bei Trinity
bei Saint-Brélade

bei Saint Ouen
Blick auf den La Corbière Leuchtturm
Der La Corbière Leuchtturm auf Jersey

Wir stoßen immer wieder auf die sogenannten Green Lanes, ein Wegesystem für Wanderer, Reiter und Radfahrer, auf denen eine Höchstgeschwindigkeit von 24 km/h gilt, und machen Abstecher ins Inselinnere.

Schwer bepackt mit dem Rad die Küstenstraße um Jersey herum

Irgendwann biegen wir in einen Schotterweg. Entgegenkommende Golfer grüßen uns ganz freundlich, wir grüßen freundlich zurück. Das ist etwas, das uns sehr aufgefallen ist: die Inselbewohner sind mega freundlich! Dann geht der Weg nicht mehr weiter und wir stehen mitten auf einem Golfplatz. Sämtliche Wege, die wir fahren, führen zu irgendwelchen Golfbahnen. Also müssen wir wieder komplett zurück.


Jersey ist weder Teil des Vereinten Königreichs noch Kronkolonie, sondern ist vielmehr als Kronbesitz (crown dependency) der britischen Krone direkt unterstellt, gehört also dem britischen Königshaus. Jersey gehört nicht zur EU, wird aber in Handels- und Zollfragen wie ein Teil der EU behandelt. Die Insel hat sogar eigenes Geld: den Jersey Pfund (Jersey Pounds), ebenso wie Guernsey den Guernsey Pfund als Zahlungsmittel hat. Bezahlen kann man mit Jersey Pounds, Guernsey Pounds oder UK Pounds. 

 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Jersey ab 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt. In dieser Zeit wurden an der Küstenlinie Festungsbauten, wie zB. Bunker errichtet, die man heute noch besuchen kann. Dazu gehören auch die Jersey War Tunnels, eine Tunnelanlage, die im letzten Kriegsjahr in ein unterirdisches Krankenhaus umgestaltet wurde. Erst im Mai 1945 kapitulierten die Besatzer, denn mit der Befreiung der „unwichtigen Insel“ wollte man sich nicht aufhalten. Diese Bunker entdecken wir mehr zufällig bei unserer Tour, denn wir wussten gar nicht von der deutschen oder überhaupt einer Besatzung im Zweiten Weltkrieg.


Die Insel verfügt über viele lange Strände, für die wir aber heute leider überhaupt keine Zeit haben. Die Küstenstraße ist einfach zu schön.

Gorey mit dem Schloss Mont Orgueil

Erst gegen 19 Uhr landen wir auf einem Campingplatz. Stolze 20 Pfund (Umrechnungsfaktor an dem Tag: 1 Pfund = 1,45 €) verlangt man für ein Stück ungerade Wiese ohne Strom für unser Minizelt! Das sieht neben den großen Zelten eigentlich ganz witzig aus:

Das kleine da, wo die Fahrräder vorstehen, das ist unser Nachtquartier

Da wir fast durchgängig gefahren sind, müssen wir um die 100 km geschafft haben. Also deutlich mehr als gedacht. So fühlen sich unsere Gesäße und Beine aber auch an! Das ständige Auf und Ab – wir waren überrascht, wie bergig Jersey ist – schlaucht ganz schön und wir freuen uns über eine heiße Dusche, danach ganz schnell etwas zu essen, um ganz früh ins Bett zu gehen. Die Fähre nach Guernsey startet um 10 Uhr am nächsten Morgen und wir müssen noch etliche Kilometer nach Saint Helier zurücklegen. Das heißt, der Wecker steht auf 7:30 Uhr. Wir sind so kaputt, dass wir sofort einschlafen. Gegen 23 Uhr startet plötzlich ein Feuerwerk! Wir werden aus dem Schlaf gerissen und lauschen dem Geknalle eine halbe Stunde lang. Endlich wieder Ruhe, wir schlafen wieder ein.

Am nächsten Morgen sind wir unter den ersten, die auf dem Campingplatz herumrennen. Als wir auf die Räder steigen, tut’s gleich mächtig beim Sitzen weh; die gestrige Tour ist nicht spurlos an uns vorbeigegangen.

Nun fehlt noch eins: Jersey Black Butter! Ich muss irgendwie an Jersey Black Butter kommen, denn das gibt’s nur auf Jersey. Am Abend zuvor hatte ich die nette Dame an der Rezeption des Campingplatzes interviewt, ob sie das vielleicht im Sortiment des Shops auf dem Campingplatz habe und wie sie das Zeug fände, was das überhaupt sei und so weiter. Zu kaufen gäbe es das leider nicht, sie möge Jersey Black Butter aber auch nicht besonders, trotzdem müsse ich unbedingt probieren. Das auf jeden Fall! Ich frage sie sogar noch, ob sie wisse, wo ich das kaufen könne. Sie beschreibt mir das Geschäft und den Weg, aber ich vergesse es leider sofort wieder. Ich erinnere mich also an diesem Morgen, dass wir in der Markthalle beim Frühstück einem Souvenirladen gegenübersaßen, da müssen wir hin! Das passt ganz gut, so können wir noch einen Kaffee dort trinken. Der Souvenirladen hat leider auch keine Jersey Black Butter. Ausverkauft! Die muss ja wahnsinnig toll sein, denke ich. Ich sehe mich schon ohne die Delikatesse fahren, da frage ich den Betreiber noch schnell (wir haben nicht viel Zeit), ob er denn wisse, wo ich das bekommen könne. Er schickt mich um die Ecke zu einem Gewürzladen in der Markthalle, dort solle ich fragen. Und tatsächlich: im Schaufenster sehe ich bereits das Objekt der Begierde: fast 230g echte Jersey Black Butter. Ich bin schon ganz hibbelig. Der Laden macht erst um 9 Uhr auf, die Fähre legt um 10 Uhr ab und wir müssen ja noch zum Hafen und einchecken; bleibt nicht viel Zeit. Als der Laden öffnet, hat die Besitzerin nicht mal Zeit, die Tür richtig zu öffnen, da bin ich schon drin, überrenne dabei fast die Verkäuferin und zeige ganz aufgeregt auf das Glas. Eins davon wolle ich! „Nur eins?“, fragt sie zurück. Ich so: „Ja, nur eins und auch nur Jersey Black Butter. Das andere kenne ich nicht. Im Grund weiß ich noch nicht mal, was Jersey Black Butter wirklich ist, geschweige denn wie das schmeckt.“ Sie reicht mir eine kleine Geschmacksprobe. Sofort gehe ich unschlüssig raus zu Alex und sage etwas ernüchtert: „Das schmeckt ja wie Aachener Pflümli!“ Ich bin etwas enttäuscht, aber Alex hat die passende Antwort parat, die ich auch hören will: „Ist doch egal, kaufen musst Du’s doch sowieso!“ Und das stimmt! Ich kaufe also für gut 5 Pounds ein kleines Glas mit Apfelmarmelade, das wie Aachener Pflümli schmeckt.

 
So, und jetzt will der Leser bestimmt wissen, was genau das nun ist. Es handelt sich um eine traditionelle Delikatesse nach einem gaaaaanz alten Rezept. Zwischen 1600 und 1700 bestanden 20% der auf Jersey landwirtschaftlich genutzten Fläche aus Obstgärten. Um die Arbeiter zum Teil damit zu entlohnen, stellten die Farmer Apfelwein (Cider) her. Durch diesen Apfelreichtum entstand eine große Tradition und damit die Herstellung der Jersey Black Butter. Der Apfelwein wird stundenlang eingekocht (bis zu zwei Tage). Es kommen Äpfel, Zitrone, Lakritz, Zucker, Zimt und andere Gewürze hinzu. Dann wird ständig umgerührt und fertig ist die Marmelade. Ganz lecker, aber eben auch keine Geschmacksexplosion…

Rezepte mit Jersey Black Butter
Rezepte mit Jersey Black Butter
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3 Gedanken zu “Jersey und: Auf der Jagd nach der berühmten „Jersey Black Butter“

    1. Vielen Dank 😊!!! Dann hat der Beitrag genau das erreicht, was er erreichen sollte: Neugierde wecken! Für einen Fahrradtrip unbedingt die Wettervorhersage checken, sonst kann das schnell ungemütlich werden. 😉

      Liebe Grüße
      Nicole

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