Canyoning in den westlichen Pyrenäen: Gorge de l’Aidy – oder: Die Schlucht der Feuersalamander

Wir übernachten im Wald, direkt an der Ausstiegsstelle der Schlucht im Forêt d’Issaux auf der französischen Seite der Pyrenäen. Es soll sich um eine sehr enge Schlucht handeln, deren lange Engpassagen je nach Pegelstand äußerst gefährlich sein können. Ist an der Einstiegsstelle bereits reichlich Wasser vorhanden, so steht es im Canyoningführer, sollte die Tour unterlassen werden. „Bei heftigem Regen gefährlich schneller Pegelanstieg!“ Spannend, denken wir. Unser Übernachtungsplatz ist sehr schön grün, sämtliche Bäume sind mit Moos bewachsen und in der Nähe plätschert der Fluss, den wir uns auch gleich mal anschauen. Schon beim Betreten des Flussbettes merken wir: das ist mal rutschig und kalt! Auch die Felsen im Flussbett sind mit Moos überzogen. Die Sonnenstrahlen heben das Grün besonders hervor. Es gefällt uns. Wir genießen noch die letzten Sonnenstrahlen und gehen schlafen. In der Nacht ziehen gleich zwei Gewitter mit starken Regenfällen über uns hinweg. Der Himmel ist durch die vielen Blitze gruselig hell erleuchtet. Alex flüstert mir zu: „Na, da fällt die Tour wohl ins Wasser!“

Am Morgen sind wir noch unschlüssig. Nach dem Frühstück Beratung: gehen oder nicht? Der Himmel ist wolkig, lockert sich aber langsam auf. Und weil die Wolken immer weniger werden, entscheiden wir uns für die Tour. Der Weg zur Einstiegsstelle ist schattig und führt uns zunächst durch den Wald. Den Neoprenanzug haben wir schon mal angezogen. Den Weg durch den Wald müssen wir uns selbst suchen, denn es gibt keinen und zur Straße wollen wir abkürzen. Nach ca. 1 Stunde sind wir am Ziel: an einer Brücke geht es linksufrig ziemlich steil zum Flussbett. Die Tour soll die bisher größte Herausforderung für uns werden. Wesentlich länger als gedacht klettern wir durch die kalte und schattige Schlucht. Die äußerst glitschigen, aalglatten (wie Seife) Felsen und Wände erfordern höchste Konzentration; unsere Körper sind komplett angespannt: bloß nicht ausrutschen! Steine, auf die man fallen könnte, sind das geringere Übel, denn die geben vielleicht einen blauen Fleck. Unser Problem sind Baumstämme und deren herausragende, abgebrochene Äste! Und davon gibt es in der Schlucht reichlich. Das Gewitter letzte Nacht hat viel neues Holz in die Schlucht befördert und stellt uns nun vor Problemen beim Abklettern.

Teilweise sind wir von Sicherungs- und Abseilpunkten überrascht, die sich 3 m ÜBER uns befinden. An diesen Stellen, oder wenn es einfach keine Bohrhaken zum Abseilen gibt, sichert mich Alex mit einem Seil um seinen Körper, damit ich einen Weg nach unten suchen kann. Auch an den Abseilpunkten ist es extrem glatt, dass wir jedes Mal froh sind, wenn unsere Standschlinge befestigt ist. Um uns herum plätschert es, das Wasser läuft die Wände herunter und die vielen verkeilten Baumstämme geben dieser Schlucht eine urwaldartige Atmosphäre.

 
  
Uns begleiten hier unten jede Menge Tiere: eine Schlange, viele Frösche und – das absolute Highlight dieser Schlucht – etliche Feuersalamander!!!

  

Frosch und Feuersalamander haben auch so ihre Probleme mit den glitschigen Felsen und Wänden; sie rutschen herunter oder kommen gar nicht erst hoch. Die Feuersalamander leuchten so schön am dunklen Fels, dass man sie nicht übersehen kann. Der Fels ist dunkel, die Steilwände so eng, dass kaum Licht in die Schlucht fällt und man das Gefühl hat, sich in einer Höhle zu bewegen. Und immer die Frage: wie geht’s wohl nach der nächsten Windung weiter. Ohne Frage nicht nur die (vor allem mental) herausforderndste, sondern auch die bisher spannendste Tour. Kalt ist es. Wir können unseren Atem sehen! Noch kälter wird es als wir uns mit Stirnlampen bewaffnet in eine Höhle wagen, in der wir das Tosen eines unterirdischen Flusses hören können. Außerdem ist es hier stockdunkel. Wir gehen bis zum Ende der Höhle, wo sich der unterirdische Fluss kurz zeigt bevor er wieder verschwindet und gehen schnell wieder zurück. Ab jetzt wird es richtig unangenehm: wir müssen Becken gefüllt mit saukaltem Wasser durchschwimmen. Wir frieren schon bevor wir überhaupt drin sind, denn wir sind bereits viel länger als angegeben in der Schlucht. Im Kopf habe ich – fälschlicherweise – drei große Wasserbecken. Augen zu und durch, denke ich. Wir müssen in einem kleinen Wasserfall abseilen. Ich schaffe es noch, mich rechts daneben ins Wasser zu lassen. Der arme Alex bekommt eine satte Ladung kaltes Wasser ab, weil er genau im Wasserfall landet. Schon nach den ersten beiden Becken sind unsere Hände taub. Die Neoprenhandschuhe sind stark durchnässt und ich wringe sie nach jedem Becken aus in der Hoffnung, dass die Hände wieder warm werden. Fehlanzeige. Alex trifft es wesentlich härter: er hat einen Kurzarmneopren an und seine Arme sind sofort steif als er im Becken schwimmt. Außerdem muss er auch immer noch das Seil im Wasser aufnehmen, denn wir haben insgesamt drei Abseilpunkte in diesem letzten Bereich.

Unsere Körper kühlen langsam aus. Nach dem 3. Becken habe ich Probleme, meinen Schraubkarabiner für die Standsicherung zu öffnen. Meine Hände gehorchen mir nicht mehr. Alex geht es genauso. Die Bewegungen werden langsamer. Es wird immer schwerer, sich aus dem Wasser zu stemmen. Unsere Füße spüren wir schön länger nicht mehr. Wanderschuhe und Neoprensocken haben sich mit dem eiskalten Wasser vollgesogen. Neoprenanzüge und ~socken sind nur 3 mm, statt der beim Canyoning üblichen 5 mm dick. Außerdem bestehen Canyoninganzüge aus zwei Teilen (Hose mit Brustlatz und Jacke), so dass die doppelte Neoprenlage im Brustbereich die Wärme ausreichend hält. Alex und ich zittern um die Wette. Hier sind unsere Neos definitiv zu dünn. Nach drei weiteren Becken denke ich, dass es langsam genug ist. Ich brauche eine warme Dusche. Aber es hört und hört nicht auf. Es kostet immer mehr Überwindung, ins Wasser zu springen. Um die zehn Becken müssen wir insgesamt durchschwimmen, bis wir endlich zum breiten Flussbett und schließlich total durchgefroren zum WoMo gelangen. Insgesamt 6 – 6 1/2 Stunden statt der beschriebenen 3 1/2 – 4 Stunden waren wir unterwegs. Wo wir bei den bisherigen Touren immer schneller waren als angegeben, sind wir beim Blick auf die Uhr doch sehr überrascht. Das Unwetter von letzter Nacht hat uns den Abstieg wesentlich erschwert. Ich schlüpfe in trockene Klamotten, mache den Warmwasserboiler an (wir müssen Gas sparen, weil die letzte angefangene Flasche noch bis Ende September reichen muss) und koche mir eine heiße Schokolade, aber mir wird nicht warm. Alex stellt sich zum Trockenen in die Sonne. Wir hüpfen unter die warme Dusche, aber mir wird nicht warm. Nur ganz langsam taue ich auf. Die Kälte schlaucht, wir sind total geschafft. Plötzlich fängt es wie aus Kübeln an zu regnen und das hält bis zum kompletten nächsten Tag an. Wir haben RICHTIG Glück gehabt!!!!

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